Die Macht der Veränderung (Teil 1)

Von Raider über Rilke zu Enzensberger

Von Martin Rasper

 

Raider heißt jetzt Twix

 

Andersen Consulting heißt jetzt Accenture

 

Die U 8 heißt jetzt U 2

 

Flughafen Frankfurt heißt jetzt Fraport

 

Ruhrgas heißt jetzt Evonik

 

Frau Zirngibl heißt jetzt Papadopoulos

 

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Muss sich denn immer alles ändern? Immer alles: nein. Ansonsten: ja.

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Veränderung ist normal, Beharrung aber auch. Wir brauchen die Abwechslung ebenso wie das Gewohnte. Veränderung um ihrer selbst willen führt zu Chaos; absolute Beharrung ist der Tod. Es geht um die Balance zwischen beidem – das ist die feine Linie, auf der das Leben stattfindet.

Eindrucksvoll ist diese Balance zwischen Veränderung und Konservierung an unserem Körper zu beobachten. In jeder Sekunde ersetzt unser Körper die unvorstellbare Zahl von acht Millionen Körperzellen – ein Großteil davon Hautzellen und rote Blutkörperchen, aber auch Drüsengewebe, Knochen- und Muskelzellen, Immunzellen, Nervenzellen, die Bestandteile der Inneren Organe. Ein Teil unseres Körpers stirbt einen permanenten Tod, damit das Ganze aufrechterhalten werden kann.

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Irgendwann bemerkte sie die Kratzer auf seinem Rücken. Zufällig, als sie ins Bad kam und er sich nicht schnell genug umdrehte. Lange, parallele Kratzer von oben nach unten. In diesem Moment wurde ihr klar: Es war aus. Wie lange schon? Sie hätte etwas merken können. Vor einigen Monaten hatte er mit dem Rauchen aufgehört; er, der genau wie sie sein ganzes Leben lang geraucht hatte. Irgendwann war er nicht mehr mit ihr auf den Balkon gegangen, sondern im Wohnzimmer geblieben. Sie hatte gedacht, es sei eine Laune. Sie hatte nicht gemerkt, dass es etwas bedeutete.

Sie hatte den Moment verpasst, in dem die Veränderung sich ankündigte.

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Veränderungen bestehen oft aus zwei Phasen. Dem nach außen hin sichtbaren, dem offen-sichtlichen Wandel geht eine Latenzphase voraus, in der die Veränderung ihren Anfang nimmt. Das Neue beginnt bereits, bevor man es merkt. Subkutan, unter der Oberfläche.

Niemand hat das so genau erfasst wie Rilke. In einem seiner „Briefe an einen jungen Dichter“ analysiert er dieses Janusgesicht der Veränderung; es ist ein zarter, hellsichtiger Text, trostreich und ewig gültig, mit einer Sprache, die schwebend und handfest zugleich ist.

„Wäre es uns möglich, weiter zu sehen, als unser Wissen reicht, und noch ein wenig über die Vorwerke unseres Ahnens hinaus, vielleicht würden wir dann unsere Traurigkeiten mit größerem Vertrauen ertragen als unsere Freuden. Denn sie sind die Augenblicke, da etwas Neues in uns eingetreten ist, etwas Unbekanntes; unsere Gefühle verstummen in scheuer Befangenheit, alles in uns tritt zurück, es entsteht eine Stille, und das Neue, das niemand kennt, steht mitten darin und schweigt.“

„Man könnte uns leicht glauben machen, es sei nichts geschehen, und doch haben wir uns verwandelt, wie ein Haus sich verwandelt, in welches ein Gast eingetreten ist. Wir können nicht sagen, wer gekommen ist, wir werden es vielleicht nie wissen, aber es sprechen viele Anzeichen dafür, daß die Zukunft in solcher Weise in uns eintritt, um sich in uns zu verwandeln, lange bevor sie geschieht. Und darum ist es so wichtig, einsam und aufmerksam zu sein, wenn man traurig ist: weil der scheinbar ereignislose und starre Augenblick, da unsere Zukunft uns betritt, dem Leben so viel näher steht als jener andere laute und zufällige Zeitpunkt, da sie uns, wie von außen her, geschieht. Je stiller, geduldiger und offener wir als Traurige sind, um so tiefer und um so unbeirrter geht das Neue in uns ein, um so besser erwerben wir es, um so mehr wird es unser Schicksal sein; und wir werden uns ihm, wenn es eines späteren Tages „geschieht“ (das heißt: aus uns heraus zu den anderen tritt), im Innersten verwandt und nahe fühlen.“

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Dinge, die in den letzten Jahrzehnten verschwunden sind:

Das Telegramm. Die Maibowle. Der Rechenschieber. Das Stofftaschentuch. Der Paternoster. Der Knicks. Der Liebesbrief. Der Gammler. Der Rumtopf. Der „Würmeling“ (Bahnermäßigung für kinderreiche Familien). Die Fernsehansagerin. Der Opel Kadett. Der Dia-Abend. Die Blümchentapete. Der VW Käfer. Der Terrorismus (deutsch). Die Telefonwählscheibe. Das Zwischengas. Der Blümchenkaffee. Der Kaffeekannenwärmer. Die DDR. Die Notwendigkeit zum Einfahren eines neuen Autos. Das Tipp-Ex. Der Liftboy. Der Parka. Die Concorde. Der Brustbeutel. Der Tramper. Der Sonntagsanzug. Die Cocktailparty. Der politische Autoaufkleber. Die Zukunftsvisionen. Die Dauerwelle. Der Partykeller. Der Sendeschluss.

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„Also was die siebziger Jahre betrifft, kann ich mich kurzfassen: Die Auskunft war immer besetzt.“

Hans Magnus Enzensberger, Andenken, 1983

 


weiter zu Teil 2

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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