Die Macht der Veränderung (Teil 3)

Vom Kairos über Helge Schneider zu Prince

Von Martin Rasper

Ohne Abbruch kein Aufbau

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Für Veränderungen gibt es günstige und weniger günstige Zeitpunkte.

Die Alten Griechen hatten zwei Begriffe für die Zeit, die unterschiedliche Aspekte beinhalteten: Betonte man das Fließen, den Verlauf, hieß sie chronos; ging es hingegen um eine bestimmte Zeit, einen Zeitpunkt, hieß es kairós. Doch der kairós (es gab auch einen Gott dieses Namens) war mehr als nur irgendein Zeitpunkt – es war der richtige Zeitpunkt. Es war jener Augenblick, in dem sich Chancen boten, die später verschwunden waren. Es war der Moment, in dem sich eine Gelegenheit auftat, die man ergreifen musste, wenn man bei Sinnen war.

Speziell in Bayern gibt es, warum weiß der Himmel, ein besonderes Gespür für den kairós. Die Größe Bayerns – die geografische ebenso wie die eingebildete psychologische – gründet zum Gutteil in der Fähigkeit, historische Chancen entschlossen zu ergreifen. So entstand Bayerns Bedeutung innerhalb des Gefüges Deutschland/Mitteleuropa in den Jahren um 1806, als sich Bayern am geschicktesten aus der Konkursmasse des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation bediente und Herzog Maximilian sich von Napoleon zum König befördern ließ. Plötzlich war das kleine Bayern ein mittleres Königreich geworden; als dann Napoleons Stern zu sinken begann, wechselte man zum richtigen Zeitpunkt die Seiten und durfte die neugewonnene Bedeutung trotzdem behalten.

Einen ähnlichen Entwicklungsschub brachten im 20. Jahrhundert die Olympischen Spiele für die Stadt München, die vorher keineswegs diese hochglanzpolierte Mixtur aus historischer Fassade, High-Tech und Wohlsein besaß, die heute als typisch münchnerisch gilt. Binnen weniger Jahre wurde die bis dahin eher putzige Provinzhauptstadt in die Moderne geschubst und verfügte plötzlich neben dem unvergleichlich schönen Olympiapark über eines der modernsten U- und S-Bahn-Netze der Welt – eine Äußerlichkeit, gewiss, aber ein Katalysator für die weitere Entwicklung. Die zudem parallelisiert wurde durch den Aufstieg von Firmen wie den zuvor nahezu insolventen Bayerischen Motorenwerken zur weltbekannten Marke BMW; wie denn überhaupt die Ansiedlung modernster Industrie für das schon als Modernisierungsverlierer abgestempelte Agrarland eine Chance bot, die es entschlossen nutzte.

Und schließlich passt in das Muster auch die ebenso entschlossene wie nachhaltige Eroberung der Macht durch die junge CSU, die in den fünfziger Jahren die Bayernpartei verdrängte und sich als einzige staatstragende Partei im Land etablierte – für sehr lange Zeit, woran auch der kürzliche Verlust der absoluten Mehrheit nichts grundsätzliches änderte.

Der kairós übrigens, der Gott des günstigen Augenblicks, wurde seit der Antike meist mit einer eigenartigen Haartracht dargestellt: einem fast völlig kahlen Kopf, den nur auf der Stirn ein Haarschopf zierte. Deshalb war der kairós, wenn er denn mal vorüberkam, an seinem glatten Schädel nicht zu greifen – wer ihn festhalten wollte, musste ihn beim Schopf packen.

*

Nichts hat sich je so verändert wie das Leben selbst. Aus primitivsten, bis heute nicht verstandenen Anfängen heraus hat es sich über eine lange Geschichte zu dem entwickelt, wie wir es kennen. Krisen und Chancen, Langeweile und Experimentierfreude, Fressen und Gefressenwerden, Kooperation und Konkurrenz, und immer wieder: Raum für das Neue. Die Möglichkeit zur Veränderung als grundlegendes Prinzip.

Doch auch der Planet, auf dem das Leben stattfindet, wandelt sich ständig. Kontinente und Ozeane, Flüsse und Gebirge, Seen und Wüsten verändern unaufhörlich ihre Form, angetrieben von der Dynamik der Erdkruste, die wiederum Ausdruck gewaltiger Umwälzungen im Erdinneren ist.

Und geht man noch weiter, lässt selbst die Dynamik der Erde außer Acht und betrachtet nur die Art und Weise, wie unser Planet sich im All bewegt: Selbst dann ist kein Tag wie der andere. Schon die Neigung der Erdachse ist nicht stabil, sondern schwankt innerhalb eines gewissen Rahmens, ebenso die Form der Bahn, die die Erde um die Sonne beschreibt; und schließlich wird auch die Erddrehung immer langsamer, weil die Masse des Mondes sie verzögert. Vor 370 Millionen Jahren drehte sich die Erde noch 400 Mal im Jahr um sich selbst; das Jahr hatte also 35 Tage mehr als heute, die entsprechend kürzer waren. So gab es im gesamten Verlauf der Erdgeschichte keine zwei Tage, die exakt gleich waren.

„Erst war Feuer, dann Eis, dann Schachtelhalm, es war eine tolle Zeit.“

Helge Schneider

*

Während Sie diesen Text gelesen haben, haben sich die Strukturen Ihres Gehirns verändert. Hunderte, Tausende von Verbindungen an Ihren Synapsen sind neu entstanden, wurden verstärkt oder wieder aktiviert. Die Liste der verschwundenen Dinge hat vielleicht Kindheitserinnerungen wachgerufen, die Geschichte der betrogenen Frau Sie an eine ähnliche Enttäuschung erinnert, der Rilke-Text Sie angerührt, der kairós Sie zu neuen Gedanken angeregt und das Helge-Schneider-Zitat zum Schmunzeln gebracht. Die Sache mit den 71 deutschen Staatssekretären und Ministerialdirigenten wird Ihnen in den Sinn kommen, wenn Sie wieder etwas über Barack Obama lesen – und vielleicht werden Sie sie in lockerer Runde dazu benutzen, den Unterschied zwischen Deutschland und den USA zu illustrieren. Und wie war das nochmal mit „Krise“ und „Chance“?

Auf jeden Fall sind in Ihrem Gehirn neue Verbindungen entstanden. Die Wissenschaft weiß seit einigen Jahren, dass sich auch im Gehirn eines Erwachsenen noch neue Nervenzellen bilden können und dass die Struktur des Gehirns bis ins Alter verändert werden kann – sofern man das will und  es zulässt. Und sofern man es trainiert. Denn das Gehirn lernt durch Wiederholung ebenso wie durch den Reiz des Neuen. Da ist es wieder, das alte Wechselspiel aus Veränderung und Beharrung.

*

Prince heißt jetzt The Artist formerly known as Prince

 

Die Isarwerke heißen jetzt Isar-Amper-Werke

 

Die Isar-Amper-Werke heißen jetzt Bayernwerk

 

Das Bayernwerk heißt jetzt VIAG

 

VIAG heißt jetzt EON

 

Und The Artist formerly known as Prince

heißt jetzt wieder Prince.

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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