Handycap

Wie Festnetz und mobil die Rollen tauschen

Von Ulla Plog

Das Telefon hat die Menschen schon öfters überrascht. Zum Beispiel den amerikanischen Präsidenten Rutherford B. Hayes. “That’s an amazing invention“,schrieb er über die ersten Apparate,“ but who would ever use one of them?“ Wie wir wissen, ist alles anders gekommen und auch Mister Hayes griff, nur wenige Jahre nach seinem gigantischen Irrtum, als erster im Weißen Haus zum Telefon. Telefone eroberten in den vergangenen 130 Jahren Schreibtische, Hausflure, Wohnungsdielen, Nachttische und lagen später, schnurlos geworden, überall herum.

Eines Tages hatten wir zwei davon. Einen Festnetz- und einen mobilen Anschluss. Mit der Hand schrieben wir unsere Mobilnummer auf die Visitenkarte, aber nur für gute Freunde. Und überreichten das Ganze wie ein Geschenk. Die Handy-Nummer war ein Zeichen von Intimität. Sie war nicht einfach zu haben. Sie stand nicht in einem dieser dicken Wälzer, die wir damals noch alle zwei Jahre im ausgehenden Winter von der Post holten. Nummern von wichtigen Menschen zu besitzen war ein Privileg von RTL-Redakteuren und Promi-Rechtsanwälten. Das blieb für eine Weile so. Bis mir eine Pressefrau die Mobil-Nummer des Firmenchefs gab. „Wenn er nicht gestört werden will“, beruhigte sie mich“, stellt er es aus“.

Das war der Beginn eines gesellschaftlichen Wandels. Schon bevor die ersten Jungmanager mit ihren Blackberrys und iphones zu spielen begannen, war der Rollentausch vollzogen. Die Mobilnummer ist in der modernen Welt die allgemeine Kontaktstelle. Alle kriegen sie. Natürlich hat das furiose Folgen für unsere Ruhe und unseren seelischen Frieden, davon wollen wir jetzt nicht reden. Aber es ist einfacher. Mit dem Blick auf den Namen können wir entscheiden, ob wir mit dem Anrufer sprechen wollen oder nicht, was beim Festnetz nicht immer der Fall ist. Wir können im Gehen, und das macht dynamisch, Arzttermine verschieben und in der Schlange von Spar einen Flug bei Air France buchen. Es ist auch effektiver. Innerhalb von Stunden wirst du jemanden erreichen, egal, wo er ist - ein uralter Menschheitstraum. Und es wird  billiger. Schon sortieren sich Jugendliche und ihre Freunde und Kollegen ins selbe Netz. Auch ist es sinnvoll, die Geliebte, für die es ein eigenes, nur ihr zugängliches Handy samt Nummer gibt, beim selben Betreiber einzuschreiben.

Der Apparat zu Hause rückt dagegen ein wenig weg. Er transportiert Gedanken, Wünsche, Ideen anderer direkt an unseren Abendbrotstisch. Haben wir das früher nicht bemerkt? Und wie können wir es steuern? Bei der Suche nach intelligenten Lebensstilen ist die Festnetz-Nummer unversehens zur vertraulichen Nummer geworden. Noch gehört sie zu unseren Koordinaten wie die Straße und die Hausnummer, keine zu haben, wirkt seltsam ortslos und ein bisschen unseriös, besonders bei Bewerbungen. Noch ist sie viel häufiger als die Mobilnummer im Telefonbuch verzeichnet, auch wenn wir das jetzt nicht mehr nach Hause schleppen müssen. Die Post hinkt der Entwicklung hinterher. Was sagen wohl unsere stolzen Handy-verweigernden Zeitgenossen zu so viel Verwirrung ?


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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