Die milde Diktatur

Wie sich Bequemlichkeit gegen das Leben wendet

Von Andreas Weber

Gestern nacht habe ich zu lange in Margaret Atwoods neuem Buch „Das Jahr der Flut“ gelesen. Prophetisch und verworren. Wohl klarsichtiger als Dietmar Dath, der viel zu sehr in die nerdigen Möglichkeiten einer technoiden Zukunft verliebt ist, in die Verheißung, die kybernetischen Allmachtsphantasien lebendig werden zu lassen, in deren Bann auch das 21. Jahrhundert noch steht. Freilich nach Meinung mancher fast gleichermaßen verworren.

Atwood beschreibt die Welt nach der Übernahme der Macht durch die Konzerne; die Welt nach der Deregulierung der genetischen Ordnung. Daran scheitern die Nationen und die Spezies, aber die Firmen werden reich. Es gibt überhaupt nur noch Firmen, weltweit, Firmen, die sich bekriegen, die die Menschen kontrollieren, die zugleich darauf angewiesen sind, dass die Menschen ihre Produkte kaufen und die darum keine schneidend harte Propaganda machen wie ein Militärstaat, sondern sich weiter auf Werbung und Suggestion verlassen.

Die deregulierte Welt, die heute meist mit dem vollendeten Kapitalismus einhergeht, wir können sie jederzeit betreten, etwa wenn wir in Addis Abeba landen oder in Colombo oder auch in Shanghai. Die meisten lassen sich von den Möglichkeiten blenden. Sie werden zu Turbooptimisten.

Das Kennzeichen eines solchen Zeitalters – das in vieler Hinsicht bereits Gegenwart ist – besteht in der universellen und allgegenwärtigen Korruption. Theoretisch gilt Humanismus – kein Putsch proklamiert den Abschied von den alten Idealen einer zärtlichen Menschlichkeit –, aber in Wahrheit regiert die Korruption, also die Moral des Stärkeren.

Betrachtet man den Untergang der Welt-Klimagespräche in Kopenhagen an jenem denkwürdigen 19. Dezember 2009 (ein historisches Datum, wir werden es uns merken), so ist diese Korruption weltpolitisch bereits der Status quo. Korruption heißt etwas anderes zu tun als das, was man predigt. Insofern gilt die Diagnose bereits für die Politikerkaste als solche. Bislang nahm man ihr hierzulande zumindest ab, dass deren Absichten im Großen und Ganzen mit ihren verlautbarten Zielen übereinstimmten. Nun nicht mehr.

Das ist die Zäsur.

Ich muss immer wieder an Alexis de Tocquevilles Vision der Schutzmacht des schlafenden Überflusses einer vollendeten Warenherrschaft denken, „absolut, raffiniert, gleichmäßig, berechnend und mild“. De Tocqueville schrieb diese Prophetie 1835 nieder. Er meinte uns. Und heute: Die Milde der Konzerne, die all unsere Bedürfnisse erfüllen und uns so beherrschen, ohne uns zu regieren. Nicht die wirklichen Bedürfnisse, gewiss. Sondern die imaginären, die Bedürfnisse der Schwäche. Wir tun alles (Kopenhagen!), wir tun alles in unserer Macht befindliche auch gegen die Bedürfnisse der Lebendigkeit, um weiter unser Vergnügen unter dem milden Mantel dieser Macht genießen zu können. Das ist das Geheimnis, warum alle künftigen Menschheitsgipfel und alle Artenschutzabkommen scheitern werden.

De Tocqueville schreibt vollständig (De la Démocratie en Amérique, 1835):

Ich sehe eine unzählbare Masse von Menschen, alle gleichberechtigt und einander gleich, die umeinander kreisen, um kleine und vulgäre Vergnügen für sich zu ergattern, mit denen sie ihre Seelen füllen. Jeder von ihnen, in gewisser Entfernung von den anderen isoliert, steht dem Schicksal aller anderen wie ein Fremder gegenüber: Seine Kinder und seine persönlichen Freunde machen für ihn die ganze Menschheit aus. Was seine Mitmenschen betrifft, so ist er ihnen nahe, aber ohne sie zu sehen: er berührt sie, aber fühlt sie nicht; er existiert nur in und durch sich selbst... Über all diesen Menschen wacht eine gewaltige Schutzmacht, die allein deren Vergnügen garantiert und deren Schicksal beaufsichtigt. Sie ist absolut, raffiniert, gleichmäßig, berechnend und mild. Sie wäre eine väterliche Macht, falls wie dort ihr Ziel darin bestünde, die Menschen auf männliche Reife vorzubereiten; aber im Gegenteil, sie bemüht sich nur darum, die Menschen unwiderruflich in der Kindheit festzuhalten, sie wünscht ihre Bürger glücklich, so lange wie sie von nichts anderem träumen, als glücklich zu sein.“

Das Gewand, in dem diese Macht auftritt, ist die endorphinvermittelte Bildschirm (Touchscreen-) Lust. Es ist die Lust, die mit der Indifferenz gegenüber den Serverparks einhergeht, deren CO2-Impact in 50 Jahren den der gesamten bisherigen Stromerzeugung erreicht haben würde, wüchse ihre Zahl fort wie bisher.

Wir haben die Maschine längst in unserem Hirn begrüßt, während wir immer noch nicht verstehen, dass wir unfähig sind, sie in unserem Garten zu bekämpfen. Wir müssen heute – wie etwa Nicholas Carr in einem wichtigen Artikel– ebenso über Google reden und über die gierig erwarteten magischen Tablet-Pcs, wenn wir über verschwindenden Arten reden. Nicht weil Technik böse wäre, sondern weil sie Teil der Narkose ist, die wir uns dankbar selbst versetzen.

 


 


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