Eis nach Kopenhagen

Kalt ist es draußen. Und niemand wird uns helfen

Von Andreas Weber

Es schneit und schneit, ein paar Tage nach dem Kopenhagener Gipfel, auf dem zum letzten Mal die Beschlüsse nicht gefasst wurden, die 1990 schon fällig gewesen wären. Klimaforscher mahnen jetzt dringender denn je, dass ohne eine solche Einigung das Schicksal unserer Zivilisation und das von Milliarden anderen Menschen auf dem Spiel stünde. Menschen. Kein Wort von den anderen Arten. Die Wahrheit ist, dass es den meisten Menschen gleichgültig ist, ob die anderen Arten weiterbestehen. Es ist ihnen gleichgültig, wenn nur sie in ihrem eigenen Lebensluxus verbleiben dürfen, wo die größten Probleme darin bestehen, ob man sich einen neuen Laptop mit Glare-Bildschirm oder einen mit Matte-Screen kauft. Es ist aber so, dass nur dann eine Chance für die Weiterführung dieser Zivilisation bestünde, wenn sie nicht zuerst an sich denken würde, sondern an die anderen Wesen und Arten. Es ist gerade so, dass sie in ihrem Eigennutz noch in der Katastrophe die größere Wahrheit verkennt, dass nämlich diese Katastrophe dann sich von selbst ordnen würde, wenn man die Lage der anderen zu verbessern vermöchte. Hier liegen die Dinge wirklich einmal so: Nur dadurch, dass man an die anderen denkt, an das große Ganze, das von diesen anderen hergestellt und von ihnen getragen wird, ist die eigene sorglose Weiterexistenz überhaupt zu gewinnen. Indem man rücksichtslos an der Fiktion festhält, es gehe nur um sie, ist sie schon gescheitert.

Wer hat einmal ausgerechnet, wieviele Arten, Lebensräume, Lebensentwürfe, wieviele geheimnisvoll unverstandene Varianten der Schönheit verschwunden sind, seit wir in den 1970er Jahren endgültig begriffen haben, das das Leben auf diesem Planeten stirbt? Bei einer Rate von 100 Spezies pro Tag, wie ich sie seit 20 Jahren als Konsens immer wieder lese, sind es in den letzten 30 Jahren rund 100000, in Worten hunderttausend. Aber das interessiert uns weniger, statt stärker, denn nun scheint es dringlicheres zu geben (sonst waren das immer die Arbeitsplätze). Das Klima. Aber das Klima ist keine technische, gar ökonomische Funktion. Es ist eine Lebensleistung des Planeten. Ironischerweise lauten heute die Aufrufe: „Denkt mehr an Euch! Euch droht Gefahr!“ Aber die Gefahr abzuwenden gelänge nur, indem wir weniger an uns dächten. Indem wir das andere Leben stärkten und seine Rolle in einer Bio-Geo-Atmosphäre, die Lebendigkeit und Gedeihlichkeit kostenlos und von selbst hervorbringt. Die Einsicht, zu der wir nicht fähig sind, ist hier auf die Spitze getrieben: Unser Heil ist eine Funktion des Heils aller anderen Wesen. Ohne dieses wird keine Technologie die Humanität retten können, keine Durchhalteparole, kein Entschluss. Selbst ein menschheitsweiter Entschluss ohne die Gemeinschaft mit allem, was lebt, wird nie den Abschiedsschmerz übertönen, der als latente Entzündung jede Heilung untergräbt.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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