Schlecht gelegen, nicht geschlafen

Großstadtbewohner im Spital (2)

Von Fritz-Jochen Kopka

Sonnabend um zwölf Uhr mittag lagen wir zu zweit in einem Vierbettzimmer, der Kunsttherapeut und ich, ein Beinbruch und ein Oberarmbruch, und konnten die Gespräche über Kunst, Leben und Kochen konzentriert fortsetzen. Am Abend schoben sie den Diesellokfahrer ins Zimmer, 73 Jahre alt, Rentner mithin, neben dem Bett äußerst besorgt und unentwegt mit dem Kopf wackelnd seine Frau sowie ein Sohn, der misstrauisch-aggressive Blicke an alle verfügbaren Adressaten verschickte. Der Kunsttherapeut sah mich ironisch an. Um das aufgekommene Schweigen zu brechen, fragte ich, ob auch er, der Weißhaarige, ein Glatteisopfer sei.

Er ging mit zwei Kauflandtüten aus dem Supermarkt und trat auf einen unter Schnee verborgenen Eisbuckel. Dabei kugelte er sich den Arm aus. Was mit dem Becken geschehen war, blieb ungewiss. Zwei Ärzte hatten versucht, den Arm einzurenken, vergeblich. Ein dritter, ein riesiger Neger (seine Wortwahl) trat hinzu, auch mit seiner Hilfe schafften sie es nicht.

Bei schwachen Menschen ist das anders, aber ich bin so stark gebaut, bei mir sind die Knochen und Muskeln so kräftig, sagte der Diesellokfahrer. Schließlich hatten sie ihn unter Narkose gesetzt und den Arm operativ eingerenkt. Er erzählte von den Unfällen, die sich in seinem Berufsleben als Diesellokfahrer ereignet hatten, einmal, in Dresden-Friedrichstadt, habe er von oben durch den zerrissenen Arbeitsschuh hindurch auf seine Fußsohle blicken können, ja, auf die Sohle, der Fuß hatte sich total verdreht…

Wir redeten über die unmöglichen Straßenzustände und dass man gar nicht mehr wisse, wie man das räume solle, ach, rief der Weißhaarige ungehalten, die sollen Hartz-4-Leute rauschicken , die kriegen Geld vom Staat, die müssen das machen.

Er schnarchte wie ein Löwe, aber nur zu wenigen, ausgewählten Zeitpunkten der Nacht.

Kommen und Gehen

Am Tag wurde der Kunsttherapeut entlassen. Wie kommen Sie nach Hause? Wer trägt Ihre Tasche? Ich bestell Ihnen einen Krankentransport, fragte und sagte die Schwester. Es schien, als sei der Kunsttherapeut in diesem Moment anders, als er es wollte, halb glücklich, aber auch halb unglücklich. Am Nachmittag traf die Frau des Diesellokfahrers ein. Sie war nicht minder besorgt als am Vortag, wackelte ebenso heftig mit dem Kopf und unterhielt sich mit ihrem Mann auf eine ruppige und bemerkenswert akausale Weise, wobei nicht herauszubekommen war, ob die Eheleute sich akustisch oder inhaltlich nicht verstanden. Er sagte, dass die Ärzte in Dresden-Friedrichstadt seinen Fuß damals schlecht gerichtet hätten. Sie erwiderte, dass sie in der Illustrierten gelesen habe, eine vierzehnjährige Kandidatin von DSDS sei von einem Herzinfarkt heimgesucht worden, und ihr Mann antwortete, dass es zum Mittag Rinderbraten gegeben habe. Die Frau ergänzte, dass Udo Jürgens nicht ins Altersheim gehen, sondern sich von jungen Frauen pflegen lassen wolle, und ihr Mann fügte hinzu: Ich mach mir Gedanken, wie du jetzt allein bist zu Hause und was du machst. Diesen Ton war die Frau nicht gewöhnt, er machte sie sprachlos. Es stellte sich heraus, dass die Beckenblessur des Mannes nur eine Prellung und kein Bruch war, so dass er nach Hause entlassen werden konnte.  

Ich war allein im Vierbettzimmer, der letzte Verlorene, was mir seltsam vorkam. Bei einbrechender Dunkelheit kündigte die Schwester ein neues Winteropfer an, „einen sehr netten älteren Herrn”. Der Greis sah aus wie der frühere DEFA- und spätere TV-Serien-Schauspieler Fred Delmare, den ich bereits in frühen Jahren als Marinus van der Lubbe gesehen hatte („Der Teufelskreis”, nach dem Drama von Hedda Zinner). In seinem Sog mehrere Krankenschwestern, besorgte Töchter, gelangweilte Schwiegersöhne, übermüdete Enkel und die sorgenvolle Ehefrau. Ihr Mann, schon 88, war gefallen, nicht nur der Arm, auch das Becken war gebrochen. Wenn ich es richtig sehe, hatte er sich dem Tod auf die Schippe gelegt, existierte in einem Zwischenreich, in dem er nichts an sich heran ließ, am wenigstens die im rauen schlesischen Sound gesprochenen Ermutigungen seiner Frau. Kaum war die Familie verschwunden war, wandte er sich lebhaft und in der ausgesuchten Höflichkeit von Herren gegenüber ihren Dienern an die Schwester, um seine Existenz in diesem Raum zu sichern. Fenster und Vorhänge mussten geschlossen, die Heizung heraufreguliert, Medikamente, sie waren auf einem Zettel handschriftlich und wohl sehr widersprüchlich verzeichnet, herbeigeschafft werden. Zu Stuhlgang komme es bei ihm nur einmal alle fünf Tage, auch wenn er viel Wasser trinke, Obst esse und Flohsamen einnehme. Flohsamen?, fragte die Schwester ungläubig und machte einen verwirrten Eindruck. Der Patient begab sich wieder in die Pose des Sterbenden, ohne zur Kenntnis zu nehmen, dass ein weiterer Knochenbruch ins Zimmer geschoben wurde.

Tickende Zeitbomben unterwegs

Das Schweigen unter Fremden bei intimer Nähe wird zur seelischen Last. Ich wartete, bis der Neue zu stöhnen aufgehört und sein Begleiter, der wie ein schockierter Sperling aussah, sich wieder entfernt hatte, um die Frage der Stunde zu stellen. Sind Sie auch ein Opfer von Glatteis und Schnee?

Ja. Natürlich. Aber nicht nur. Als Straßenbahnfahrer hatte er einen jungen Mann darauf hingewiesen, dass Rauchen in der Bahn nicht erlaubt sei. Zweimal. Beim zweiten Mal stieß ihn der Jüngling wuchtig beiseite, der Straßenbahnfahrer fiel durch die geöffnete Tür seiner Bahn nach draußen ins Eis.

Verdammt. Da  sind tickende Zeitbomben unterwegs in der Stadt, sagte ich.

Der Straßenbahnfahrer wusste sofort, dass etwas kaputtgegangen war im Bein. Frauen halfen ihm soweit, dass er sich auf die Einstiegsstufe seiner Bahn setzen konnte, sie drückten auch den Notrufknopf. Der Täter war unbehelligt geflohen. Wann geht’s hier endlich weiter?, krakeelten ein paar Jugendliche.

Unter Schmerzen wartete der Straßenbahnfahrer auf seine Operation. Er stöhnte und ächzte und wollte sein Leben ändern. Nie mehr eingreifen. Ein Kaiserschnitt war die Ursache, dass sich die Wartezeit dehnte. Indessen erfuhr der Alte, dass er vorerst nicht operiert werde und essen und trinken dürfe. Was möchten Sie?, fragte die Nachtschwester aufmunternd. Suppe? Tomatensuppe?  Hühnersuppe? Champignonsuppe?

Roggenmehlsuppe, antwortete der alte, ich sag mal, Delmare, der wieder für einen Moment die Schippe des Todes verlassen hatte. Wenn es mehr Menschen seines Schlages gäbe, hätten wir in Deutschland kein Arbeitslosenproblem. Seine Aufträge begannen mit „Schwester, Sie hatten mir doch versprochen…”  oder „Mir ist gesagt worden, der Chefarzt …” Er brauchte neue Enten und neue Ersatzenten, die entleert werden mussten, sein Zahnersatz musste abgespült werden, ein Finger der linken Hand drohte, taub zu werden, er benötigte Papier, um „abhusten” zu können.  Neidisch blickte er auf den Straßenbahnfahrer, der, noch sichtlich narkotisiert, nach stundenlanger Operation wieder ins Zimmer geschoben wurde.

Sprechen Sie mit Ihrem Lebensgefährten, sagte die Schwester humorig, das Telefon in der Hand, er glaubt uns sonst nicht, dass Sie noch leben. Ungnädig und mit lahmer Zunge tat der Straßenbahnfahrer, wie ihm geheißen. Am folgenden Tag wusste er nichts mehr davon.

Der bombensichere Job bei den städtischen Verkehrsbetrieben und die Annehmlichkeiten einer Lebenspartnerschaft hatten ihm erlaubt, sein Gewicht auf gute 95 Kilo anzuheben, er hatte in Notfällen echt etwas zuzusetzen. Auf der anderen Seite fiel es ihm nicht leicht, seinen Körper unter den nunmehr erschwerten Bedingungen zu kontrollieren. Zwar spürte er enormen Harndrang, aber die Ente blieb leer. Mühsam stützte er sich auf den rechten Arm. Was ich für Stöhnen gehalten hatte, war verzweifeltes Drücken, vergeblich, er konnte sich nicht befreien.

Es wurde eine Nacht einer wieder ganz anderen Art. Der Straßenbahnfahrer stöhnte, ächzte, drückte und wälzte seinen schweren Körper in möglichst günstige Lagen. Der alte Delmare hustete ab in einer Tonhöhe, die mich jedes Mal aufschrecken ließ. Er arbeitete sich an seinem tauben Finger ab, klingelte nach der Schwester, versuchte den Juckreiz an seinem Hinterkopf durch heftige Schabbewegungen auf dem Kissen zu besiegen. Was macht er denn jetzt noch, dachte ich verzweifelt. Es klang, als ließe er einen Ball fallen, der in immer kürzeren Abständen auf dem Boden aufsprang, bis er zum Liegen kam. Es war ein Festival der Flatulenz, dem ich beiwohnte, denn auch der Straßenbahnfahrer verstand es, seinem Darm Erleichterung zu verschaffen, wobei seine Winde von einem eher dünnen, zwitschernden Klang waren. Er lebe mit dieser Form des Stoffwechsels, erklärte er bei Tage zu unserer Beruhigung, schon seit seiner Kindheit.

Alle in einer Stadt

Er kam aus Sachsen. Wenn er mit seinen Eltern oder den alten Bekannten telefonierte, käme bei ihm der Dialekt wieder durch, gestand er. Ich konnte ihn beruhigen. Der Dialekt war vor den Unterredungen mit seinen Landsleuten genau so deutlich wie danach. Bei uns, äußerte er zu Fragen der häuslichen Lebensweise, läuft immer RTL. Die anderen bringen eh nichts Gescheites. Er kannte sich in den europäischen Königshäusern aus, obwohl sie daheim nicht die einschlägigen Familienzeitschriften läsen, sondern die Super Illu abonniert hätten. Die bringen immer so gute Geschichten aus dem Osten.

Nachdem die Wirkung der Betäubungsmittel und die Schmerzen nachgelassen hatten, wirkte der Straßenbahnfahrer wie ein Mensch, der den richtigen Weg im Leben gefunden hat. Die Gleichgeschlechtlichkeit war sowieso die modernere Form der Sexualität, sein Job war nicht ideal, aber doch besser, als wenn er, wie einst beabsichtigt, Lehrer geworden wäre. Lehrer genießen in der heutigen Zeit keinen Respekt mehr. Im Gegensatz zu den Straßenbahnfahrern. 

Bei Tage stellte sich auch heraus, dass Delmare sein Arbeitsleben in einem Feuerlöscher-Werk in Görlitz verbrachte, wo er sich vom Schlosser zum Gütekontrolleur hochgearbeitet hatte. Die begabten Töchter machten ihre Karrieren in Berlin und holten die alten Eltern nach. Dann stimmt es also nicht, dass man einen alten Baum nicht verpflanzen soll, fragte ich. Nun. Es war nicht leicht, sagte der alte Delmare, für einen Moment vergnügt.

Wir leben alle in einer Stadt, dachte ich. Wir brechen uns alle auf den gleichen Straßen die Knochen. Das ist Berlin. Wir kommen wieder auf die Beine oder auch nicht.

Nächste Woche letzte Folge: Der ungewaschene Patient

 





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