Zukunft mit Aubergente

Die Grüne Woche 2010 backt perfekte Supermarktwesen

Von Andreas Weber

Die derzeit laufende grüne Woche 2010 in Berlin, die weltgrößte Landwirtschafts und Naturbewirtschaftungsmesse der Welt, will die Besucher mit lustigen Bildern hinter ihre Pforten locken, die Vielfalt suggerieren sollen und Unerwartes. Die Befriedigung von Bedürfnissen unerwarteter Größe und Dringlichkeit.

Eine Werbeagentur hat dafür die Formen verschiedener Tiere und Pflanzen am Computer zu Chimären montiert. An den Bushaltehäuschen hängen jetzt beleuchtete Bananen mit Brust- und Schwanzflossen von Makrelen, Auberginen, die sich auf orangefarbenen Watschelfüßen erheben und ihren stumpfen Stiel wie einen unendlich gequälten Schnabel in die Luft recken, Kartoffeln mit Geweihen, entengeschnäbelte Birnen, Kiwis mit Schweinsohren.

All das sind die kleinen bösen Nachkommen des Wolpertingers, und anderer eierlegender Wollmilchsäue. Der Steinlaus. Ästhetisch und reduziert foto-grafiert und  -geshoppt stehen die Biester an den Bushäuschen nicht mehr für ironische Märchen über die Wirrnis der zoologischen Fülle. Augenlos und glatt starren uns die Wesen an wie Waren aus einem noch zu definierenden Tiefkühlregal voller Hybridkost, in einer Zeit, wenn Bio längst zum heimlichen Ananchronismus geworden ist, also vielleicht die frisch angebrochene Gegenwart.

Das Lachen gurgelt nur noch hinten im Hals, weil diese Scherze unter dem Motto „Unglaublich abwechslungsreich“ doch in Wahrheit aus dem Denklabor einer der großen Agrargenfirmen zu stammen scheinen und der Witz nur das Handgeld ist, durch das wir uns über diese Normalität amüsieren sollen, statt sich über sie zu entsetzen. Denn in Wahrheit ist die Glätte der präsentierten plattesten Durchschnittswesen und –waren das absolute Gegenteil von Abwechslung. Was da als Fülle verkauft wird, ist deren vollständiges Dementi – nur dass vorausgesetzt wird, damit die Plakate funktionieren, dass gerade das keiner mehr weiß. Die Düsternis kommt als unsentimentale Pose, als Coolness, als Amüsement, als Fotoshop-Produkt.

Vielleicht aber ist die Aubergente auch nur schlicht das Horroremblem für die Genverschmelzung, die jedem blüht, der sich in die gewaltigen und bis zum Bersten mit Hochleistungslebensprodukten und emisgen Artgenossen gefüllten Hallen am Charlottenburger Autobahnkreuz verirrt, weil er wieder einmal eine Kuh muhen hören wollte.


 

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M. Degginger

Sonntag, 24-01-10 14:49

Der Artikel über Haiti war hervorragend recherchiert. Danke. die Tragödie wird weitergehen, leider.

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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