Der Schwamm

Ein Treffen mit dem Wichtigen und dem Wicht

Hin und wieder stelle ich fest, dass es eine Menge Dinge gibt, die ich noch nicht kenne. Wenn man einigermaßen häufig unter Leute geht, hört man Geschichten, und manche von diesen Geschichten hört man so oft, dass man denkt: Das kann doch wirklich nicht wahr sein. Leider muss man sich, wenn man zu etwas eine Meinung haben will, mit dem Thema auseinander setzen. Das habe ich getan. Natürlich.

Es war so: Ich fuhr im Zug nach Hamburg. Dass ich den Mann traf, war vollkommener Zufall. Ich erkannte ihn sofort. Er war ein wichtiger Macker bei einem Nachrichtenmagazin dort, und es waren so viele Geschichten über ihn im Umlauf, dass ich gar nicht anders konnte als hinzustarren. Er saß zusammengesackt auf einem Sitz in der ersten Klasse. Sein Körper sah schlaff aus, als hätte man ihm die Knochen entnommen, und sein Gesicht zeigte den fahlen Hautton der chronisch Untervögelten. Mitleid war das erste, was sich in mir regte. Dann kam die Neugier. Er war der Mensch gewordene schreckliche Autounfall, bei dem man unweigerlich stehen bleibt, um hinzustarren.

Ich stand also da und glotzte, das fiel ihm natürlich auf. So kamen wir ins Gespräch. Er war klug und sprach intelligent von wichtigen Dingen, und wenn er auch nicht besonders attraktiv war, so verströmte er doch einen gewissen Charme. Zwei Stunden später waren wir bei ihm in der Wohnung. Ich musste schließlich die ganzen Gerüchte auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen. Um es vorweg zu nehmen: Jedes Wort ist wahr. „Tust du mir einen Gefallen?“, fragte er irgendwann, so beiläufig, dass ich dachte, er bräuchte einen Tee, um sich zu stärken, oder vielleicht erstmal ein Butterbrot. „Klar“, sagte ich, „jeden.“

Ein paar Minuten danach stand ich vor der Wohnungstür. Ich trug seinen Trenchcoat und nichts darunter. „Aber hallo“, sagte er, als er die Tür öffnete. „Sie sind sicher die neue Reinemachefrau.“ Reinemachefrau. Das hat man davon, wenn man mit Männern über fünfzig ins Bett geht. „Jepp“, machte ich. „Wo soll ich anfangen zu schrubben?“ Er führte mich ins Schlafzimmer. „Hier auf dem Boden sind ganz scheußliche Flecken“, sagte er und zeigte auf die Dielen. „Ich hole Ihnen mal Ihr Arbeitsgerät.“ Er eilte in die Küche und kam mit einer bunt geblümten Schürze zurück. In der Hand hielt er einen Glitzi-Schwamm.

Ich war gespannt. Bislang hatte ich ein ganz unverfängliches Verhältnis zu Glitzi-Schwämmen. Ich benutze sie, um Pfannen zu säubern oder die Kacheln im Bad zu schrubben. Ins Schlafzimmer habe ich sie noch nie mitgenommen. „Am besten, Sie fangen gleich hier an“, sagte er und wies mir einen Platz auf dem Boden. „Schrubben Sie einfach ganz fest.“ Ich zog mir die Schürze über den Kopf und nahm den Schwamm in die rechte Hand. Ich mag Rollenspiele, vor allem, wenn sie überraschend sind. Was würde geschehen? Würde er mich von hinten bespringen? Mich in der Besenkammer nehmen, so wie Boris Becker?

Er schlenderte zum Bett und setzte sich hin. Ich kniete auf allen Vieren und begann, mit der weichen Seite des Schwamms auf den Dielen zu schrubben. Mir tat das Holz leid. An einigen Stellen sah es irgendwie mitgenommen aus. „Nimm die harte Seite!“, keuchte er plötzlich. Ich sah, dass er seinen Schwanz in der Hand hielt und wie gebannt auf den Glitzi-Schwamm starrte. Ich drehte den Schwamm um und rubbelte mit schnellen Bewegungen über den Boden. „Ja, so ist es gut“, jauchzte er. Dann kam er. „Das war es?“, fragte ich. „Ja“, sagte der große Intellektuelle kleinlaut, „glaub schon.“

Manchmal bedauere ich die Episode. Mein Verhältnis zu Glitzi-Schwämmen ist seitdem irgendwie anders. Natürlich gibt es für jedes Problem eine Lösung. Ich habe jetzt eine Putzfrau.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.



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