Das Leben im Liegen
Was auf einer Kreuzfahrt von 1000 Männern übrig bleibt
Früher, als Mimi noch jung war, hat sie immer gesagt, Urlaub ist, wenn man mit Leuten vögelt, deren Namen man nicht aussprechen kann. Das ist natürlich völliger Quatsch, weil wir erstens nie in arabische, afrikanische oder asiatische Länder gefahren sind, und zweitens, weil man Pannaiotis, Jaime oder Andrea-Filippo auch mit einer Menge Alkohol im Blut noch seufzen kann, so schwierig ist es nun wirklich nicht. Ich sage, Urlaub ist, wenn man hinterher fix und fertig ist. Das liegt vielleicht daran, dass Mimi und ich immer zusammen in Urlaub fahren.
Lass uns doch mal eine Kreuzfahrt buchen, hatte ich gesagt.
Warum denn das, fragte Mimi, da sind wir mit lauter Bekloppten eingesperrt und können nicht weg.
Stimmt, sagte ich. Aber die Männer können auch nicht weg.
Schneller waren wir noch nie einig. Das Schiff war eine dieser bunt bemalten Partyschüsseln, aber ich glaube inzwischen, in Wahrheit soll die Farbe nur darüber hinwegtäuschen, was das Teil wirklich ist: Ein fahrbarer Knast, eine bewegliche Hölle, in der einem jede Verfehlung mehrmals täglich über den Weg läuft.
Wir hatten so gerechnet: 2000 Passagiere = 1000 Männer. Minimum. Davon fallen ungefähr 800 aus intellektuellen, optischen und sozialen Gründen weg. Bleiben 200 für zwei Frauen, die zwei Wochen Zeit haben, sich durchzuarbeiten und die besten, sagen wir, zehn, heraus zu picken. Es wäre wie Weihnachten, dachten wir. Nur wärmer.
Schon beim Borden fiel mir ein großer Blonder auf. Ich zwinkerte ihm zu (ich zwinkere sonst nie, das schwöre ich!), aber ich dachte, es ist gut, gleich das Territorium abzustecken. Nach dem Abendessen trafen sich unsere Körper in seiner Kabine, mein Geist war zum Glück nicht dabei – der Kerl war leider strohdoof, aber genau mein Typ. Das ist eben Pech.
War nix, sagte ich zu Mimi, als wir uns später in einer der Bars trafen.
Der nächste ist bestimmt besser, sagte Mimi. Was ist mit dem da hinten.
Deine Runde, sagte ich.
Die Leute glauben gar nicht, wie leicht es ist, massenhaft unverbindlichen Sex zu bekommen. Liebe, das ist was anderes. Aber Sex? Dafür muss man nicht mal mit dem Finger schnippen. Ich habe Freundinnen, die ständig klagen: Ich kriege keinen ab, dabei will ich doch wirklich nur ein bisschen vögeln. Keine Ahnung, wie sie das anstellen.
Es gibt ein paar Regeln, die man im Urlaub beachten muss. Erstens, keine Engländer. Die meisten von ihnen sind grauenvolle Liebhaber, also kann man es auch gleich lassen. Zweitens, keine Franzosen. Ich hatte vier in meinem Leben. Drei davon waren nach circa 50 Sekunden fertig und sagten: „Ouf, c’est ça pour moi.“ Ist das noch Zufall? Drittens, keine Animateure. Animateure sind abgenutzt und voller Erinnerungen an vergangene Studentinnen/Hausfrauen/Sekretärinnen. Wenn schon, dann soll man einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Maik aus Wanne-Eickel soll erzählen können, dass er die schärfste Braut in seiner Kiste hatte. Das sie danach umgehend abgehauen ist, kann er ja für sich behalten.
Natürlich hatte ich keinen aus Wanne-Eickel. Das stelle ich mir schrecklich deprimierend vor. Ich hatte aber Luigi aus Como, Sven aus Ebersberg, Jochen aus Berlin, Albert aus Zürich und noch ein paar andere, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnere. Einer knallte mich nachts auf eines dieser Styropor-Surfbretter im Pool und versuchte, mich quasi im Schwimmen zu vögeln.
Das schwierigste war, den ganzen Typen danach aus dem Weg zu gehen. Mimi und ich tigerten wie Raubkatzen im Zoo auf dem Sonnendeck hin und her und machten eine Menge schwachsinnige Kurse, um den Kerlen zu entgehen, die dann doch noch mal „Essen gehen“ wollten oder „einfach treffen“ oder „kuscheln“, was für eine grausige Vorstellung. Einer seufzte sogar „Ich vermisse dich“, und das nach einer kleinen Nummer hinter den Stapeln mit den Rettungsringen. Manchmal wundere ich mich wirklich.



