Die oben

Verhängnisvolle Karrieren

Von Paula Lambert

Sie

Hammerbau verströmte immer diesen Geruch des Frischgeduschten. Ich schätze das an einem Mann, auch, weil Reinlichkeit erlaubt, spontan nett zueinander zu sein. Und optisch war Olivier Martinez gegen Hammerbau ein unscheinbarer Dorfknabe. Hammerbau schwitzte Testosteron. Leider war Hammerbau ein Schwein.

Ich stand am Kaffeeautomaten und hämmerte auf den Knopf mit der Aufschrift „Latte macchiato“ herum, als Hammerbau, der Personalchef, aus dem Fahrstuhl stieg. Hammerbau vernaschte anderer Leute Seelen zum Frühstück, ohne mit der Wimper zu zucken. Gestern hatte er vier Leute gefeuert, um seine Bilanz zu päppeln. Er sah aus, als hätte er gut geschlafen.

Abends wartete ich, bis die anderen verschwunden waren, und ging zu Hammerbaus Büro. Er blickte kurz auf. „Was gibt’s denn?“ Ich trat in den Raum und schloss die Tür. „Ich wollte nur mal die eine oder andere Personalie mit Ihnen erörtern“, sagte ich und stellte mein Bein so auf den Besucherstuhl, dass Hammerbau sehen konnte, dass dort, wo ein Höschen sein sollte, keines war. Er leckte sich über die Lippen. „Ach so, aha“, sagte er und stand so abrupt auf, als müsste er schnell wohin. Langsam kam er näher. Ich nahm ihn bei der Hand und zog ihn an mich heran. „Ich bewundere Ihre Entscheidungsstärke“, wisperte ich und strich an seinem Hosenbund entlang. „Tja, das macht eine Führungskraft so wertvoll“, keuchte er, während ich seinen Reißverschluss öffnete, „Leute wie ich sind das Herz eines Betriebs.“ War ich froh, dass ich am Abend zuvor einen Vertrag bei der Konkurrenz unterschrieben hatte.

Einen schönen Mann zwischen den Beinen zu haben ist immer ein gutes Gefühl. Ich öffnete meine Schenkel weit, damit er sein Gesicht tief vergraben konnte. Und war schneller fertig als eines von Hammerbaus legendären Kündigungsgesprächen.

Dann nahm ich ihn in den Mund. Meine Zunge drehte Loopings, dann wanderten meine Lippen nach unten, um sein Gemächt ins Warme zu bringen. In meiner Hand lag sein bestes Stück. Nur leider war es schlapp wie eine Raupe. Da war nichts zu machen. Hammerbau kicherte verlegen. „Ha ha“, machte er, „ein kleines Problem von mir. Das muss aber nun wirklich niemand wissen, nicht wahr?“ Doch, dachte ich, unbedingt. Schade nur, dass ich das nicht auf Film hatte. Als Weihnachtsgeschenk für die Mädels vom Betriebsrat.

Er

„Denk dir nur, Steilmann übernimmt von Bebel“, hatte Holger während des Lunches gesagt, als würde er nur mal über das Wetter sprechen. Mir blieb fast das Vitello Tonnato im Hals stecken. „Steilmann? Aber das ist doch...“ – „Klar“, sagte Holger, „eine Frau. Die Härte, was?“ Den Punkt fand ich eigentlich weniger problematisch. Nur hatte ich vor ungefähr fünf Monaten, mit Paulas Einverständnis, ein Techtelmechtel mit der Steilmann gehabt. Krampfhaft versuchte ich mich an die Worte zu erinnern, mit denen ich die Sache beendet hatte. Es war so etwas gewesen wie „Du bist im Job sicher sehr kompetent, aber was das Körperliche angeht, eher nicht so“ gewesen, wenn auch nicht ganz im selben Wortlaut. Die Frau hatte auf mir gelegen wie ein Sack Roggen und meine Vorhaut zitterte heute noch bei dem Gedanken an ihre Metzgerhände. Dabei sah sie eigentlich ziemlich scharf aus, abgesehen von den Händen.

Ich legte die Gabel beiseite. „Wann?“ Holger zuckte die Schultern. „In den nächsten Wochen. Ist noch geheim.“ Das konnte ja gemütlich werden. Steilmann als Direktoriumsmitglied, da konnte ich mir gleich einen neuen Job suchen. Nachdem Mittagessen klopfte ich bei Steilmann an die Bürotür. Sie musterte mich, als hätte sie Eispacks anstelle von Augäpfeln im Kopf. Aber Karrierefrauen sind leicht herum zu kriegen. Angebot und Nachfrage, ganz einfach.

Sechs Stunden später rang ich wieder mal nach Atem und hoffte, dass uns der Sicherheitsdienst nicht überraschen würde. Die Steilmann bewegte sich auf und ab als wäre ich ein Karussellpferd und stützte sich dabei schwer auf meinen Brustkorb. Ich betrachtete ihre knackigen Brüste und ihren durchtrainierten Körper, mit dem sie nichts anzufangen wusste. Schließlich drehte ich sie auf alle Viere und bestieg sie von hinten. So hatte sie wenigstens keine Chance, mir irgendetwas abzureißen. Die Wärme ihres Fleisches umschloss mich und lullte mich ein. Wie sie so auf dem Büroboden kniete und ich hinten drauf, das hatte fast etwas Romantisches. Zur Belohnung ergoss ich mich auf ihren Rücken.

Noch während ich mich anzog, dachte ich darüber nach, warum zur Hölle ich so etwas nötig hatte.

 


 

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Robert R.Kühn

Sonntag, 17-01-10 13:28

Warum schreibt Paula Lambert diesen Text, den auch Kundera hätte schreiben können?
Warum schreibt man überhaupt? Bestimmt nicht, um Geld zu verdienen, es sei denn man heißt Rosemarie Pilcher oder so ähnlich. Und was fasziniert einen Leser, Paula Lamberts „Die oben zu lesen“? Gemeinhin, so geht die Sage, identifiziert sich ein Leser mit einem bestimmten Genre. Hier die Sexualität als „Genre“ zu sehen, greift zu flach.

Sehe ich das falsch? Eine Frau und ein Mann benutzen ihre Sexualität, um einen Vorgesetzten zu demütigen. „Sie“ rächt sich im Abschied von einem fiesen Kerl, der ihr Vorgesetzter war, „Er“ macht sich den Liebesdurst einer Karrierefrau zu Nutze, um ihr zu beweisen, dass es Gelegenheiten gibt, in denen sie „unten“ liegt.

Sie genießt ihren Triumph, weil sie geht. Er fragt sich, ob er so etwas nötig hat. Er muss ja mit der Frau zusammenarbeiten und ist auf sie angewiesen.

Insgesamt also eine sozialkritische Studie über die Unzurechenbarkeit in der Hierarchie eines Betriebs.

Dass sich „Die Oben“ so gut liest, verführt dazu, diese Arbeit nur als Literatur zu sehen, was sie ja auch ist. Aber eben „nicht nur“. Danke!“

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.



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