Die größte Nebensache der Welt

Warum sollte ich Frauen beim Fußball zugucken?

Endlich ist Sommer, da kann ich bald wieder mit meinem Sohn auf der Wiese Fußball spielen und mich so wunderbar beleidigen lassen. Dass ich einen an der Latte habe, wenn ich nicht treffe, oder dass der alte Mann endlich mal laufen soll. Ist doch gar nicht schwer, Papa, und der Defibrillator steht wie jedes Jahr griffbereit neben dem Pfosten. Ach, wie habe ich mich auf diese gerontologischen Kränkungen gefreut; und keine Bundesliga mehr weit und breit und keine schlauen Sprüche am Montag von denen, die sowieso immer alles besser wussten. Die meisten dieser ballazoiden Schwätzer sitzen jetzt auf der Bank und lassen sich die Sonne auf ihre sportschaugestählten Wampen scheinen, nur ich renne über den Rasen und hyperventiliere mich glücklich durch die Ferien. Alles andere lasse ich hinter mir. Ist doch egal, ob Schnösel Diego für Wolfsburg II in die vierte Liga und demnächst gegen Meuselwitz, Plauen und Havelse kicken muss. Oder ob der Neuer wirklich genug auf dem Kasten hat, um auch bei Bayern den Ball flach zu halten.

Aber so richtig ruhig wird der Sommer wohl nicht, was sich bereits vor Monaten angedeutet hat. Da habe ich irgendwo laut gesagt, dass ich Frauenfußball richtig blöd finde, ja nachgerade hasse, und schon hatte ich das Thema für die nächsten Wochen auf dem Tisch. Es lag dort schwer wie Beton. Frauenfußball! Kommt für mich gleich nach Frauenboxen! Frauenfußball ist für mich wie Autorennen in einer verkehrsberuhigten Zone. Wie Sex, der nach dem Kuscheln endet, oder eine Fahrt zum Mond, die im Stau vor dem Hamburger Elbtunnel beginnt. Ich finde, jeder in Ehren ergraute Sportreporter, der sich mit Frauenfußball beschäftigen muss, ist ein Fall für die journalistische Berufsaufsichtsbehörde: Sie sollte sich sofort einschalten, wenn ein Schreiberling dazu gezwungen wird, sich mit einem von vornehmlich Mannweibern entfremdeten Spiel unter besonderer Berücksichtigung der Zeitlupen zu befassen. Oh Mann, Frauenfußball geht mir körperlich nahe, ich ertrage diese motorische Nötigung einfach nicht, wenn sich meist dralle Damenbeine saumselig dem Tor nähern wollen.

Ich bekenne mich, hier und jetzt, so kurz vor der WM. Jetzt also Feuer frei, schießt mich ab, ihr teilweise schwulen Mädchen mit dem Drang nach vorn. Ich bin einer von gestern, ach was, von vorgestern, als vermutlich schon Fritz Walter in seiner guten deutschen Stube staubsaugen musste; einer, der begeistert Beifall klatschen würde, wenn unsere Frauen beim Gewinn des Titels wieder ein sechsteiliges Kaffeeservice der zweiten Wahl bekommen würden wie bei der Europameisterschaft vor 22 Jahren. Einer, dem vielleicht auch so ein unwürdiger Spruch einfallen würde wie jenem frechen Radiofritzen, der Ende der vierziger Jahre emphatisch feststellte, dass den Damen die Umstellung von der Haushaltsführung zur Ballführung doch noch ein wenig schwer fallen würde. Und Mutti freut sich, rief er. Nur Vati nicht. Der stand daneben, mit der Flasche Bier in der Hand, er lachte und wartete darauf, dass sein Weib ihm zuhause wieder gefälligst seine Schnittchen machen würde.

Dabei liegt die Sache bei mir ganz anders, das müssen Sie mir glauben, doch meine sportliche Sozialisation in Bottrop spricht leider eindeutig gegen mich. Das sagte ich auch denen, die mich zu den Frauenfußballfußballspielerinnen schickten, aber natürlich dachten alle nur an eine schlechte Ausrede. Denn schon früher, so um die Zeit von Stan Libuda, Bulle Roth und Lothar Emmerich, steckten wir halbstarken Netzers die Mädels sofort ins Tor, wenn sie uns beim Kampf auf der Wiese hinter der Zechensiedlung mit  ihrem „Wir auch!“ nervten. Damals nervten sie eigentlich ständig, beim Fußball allerdings am meisten. Bei jedem blutigen Knie brüllten sie, als wären Rex Gildo und Roy Black gemeinsam singend hinter ihnen her, und wenn wir ihnen, völlig unabsichtlich, unsere spitzen Ellbogen in die zarten Nierchen rammten, liefen sie flennend nach Hause und trösteten sich mit Puppenkram und Pferdebüchern. Mädchen eben.

Heute sind sie zwar erwachsen geworden und stehen, wie lustig, ihre Männer, aber sie quengeln immer noch: Wir auch! Stabhochsprung? Wir auch! Motorradrennen? Wir auch! Nase bohren? Wir auch! Nirgendwo ist Mann mehr sicher vor ihnen, selbst wenn es im Fußball damals ernsthaft besorgte Ärzte gab, die Frauen schon aus organischen Gründen davor warnten, sich ganz dem Leder hinzugeben. Bälle, die auf den Bauch prallen, könnten unfruchtbar machen, sagten sie, und da sie auch Angst um die Brustdrüsen hatten, rieten sie zu einer neuen Regel, bei der Frauen den Ball mit der Hand stoppen sollten. Da zürnten alle lauter als Frau Schwarzer, aber andererseits: Was soll man davon halten, dass es Rekordnationalspielerin Birgit Prinz als Barbiepuppe gibt und Turbine Potsdam auch bis heute noch nicht sexy klingt? Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand, na bitte, das waren noch einwandfreie Erklärungen dafür, dass die Männer ihren Damen das Pflaster am Schambein ersparen wollten und ihnen 1955 das Fußballspiel verboten. In Essen, nicht sehr weit weg von unserer Wiese, soll es damals zu einem Polizeieinsatz gekommen sein, um das zarte Geschlecht vom Feld zu zerren.

Ja, so war das damals, Mädchen. Da müsst ihr jetzt stark sein. Die Pfarrer predigten auf ewig Sünde von der Kanzel, gehet nicht zum Weibe in den kurzen Hosen, und in Hamburg mussten sie Schlagzeilen wie folgende ertragen, als der Deutsche Fußballbund ihr Spiel doch wieder zuließ, weil es schließlich den Vietnamkrieg gab und Rudi Dutschke und den Muff von tausend Jahren unter ihren Trikotagen: „Die Damen des FC St. Pauli machten es gleich zweimal – und das umsonst.“ Was eigentlich nur heißen sollte, zwei Tore und kein Geld dafür. Das hatten sie nun davon, selbst Schuld, finde ich, warum wollen scheue Rehe auch im Gehege von Platzhirschen wildern; und heute sitze ich dann also in meinen unfreiwilligen Gesprächen (die ich nur führe, um nicht den arbeitsrechtlich bedenklichen Tatbestand der Arbeitsverweigerung zu erfüllen) äußerst selbstbewussten Frauen gegenüber, die sich gern als Kampflesben bezeichnen und ihre Herzensdamen in BILD zur Frau nehmen, und muss mir anhören, dass sie noch vor uns Männern die Viererkette erfunden haben. Ha! Warum nicht gleich den Schlenzer? Den Fallrückzieher?  Oder den Übersteiger? War es am Ende doch nicht Hannes Bongartz, der vor langer Zeit so ruhmreich über die Bälle strich, dass die Gegner irritiert bis in die Sprunggrube liefen?  Waren es Kerstin Garefrekes, Célia Okoyino da Mbabi oder Saskia Bartusiak? Sie spielen für Deutschland, für die wenigen, die es nicht wissen.

Ich aber saß da bei meiner Zwangsarbeit, mein Wille war mittlerweile fast völlig gebrochen, und notierte mir mutig was von vierter Kette statt Viererkette. Oder: Frauen faulen, pardon, foulen weniger als Männer. Oder: Es gibt noch, hurra, Restkarten beim Spiel Äquatorialguinea gegen Australien in Bochum. Ja, so war das, doch zwischendurch kam immer wieder mein frühhistorischer Trotz zurück, ich dachte an die Wiese an Bottrop und schrieb mit großen, wichtigen Buchstaben: Sommermärchen? Von wegen! Träumt weiter, bis ihr wieder vor siebzig zahlenden Zuschauern bei Jena gegen Bad Neuenahr in der Bundesliga aufwacht. Träumt weiter!  

Dann beschloss ich, für die Dauer der WM eine männliche Selbsthilfegruppe zu gründen. Dort will ich mir mit gleichgesinnten Frauenfußballverweigerern ein paar alte, wichtige Männerfußballspiele schön trinken. Anmeldungen bitte unter dem Text.

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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