Gehopst wie gesprungen!

Skispringer geraten nie auf die schiefe Bahn

Von Michael Schophaus

Wir medienschaffenden Klugscheißer machen gern mal auf wichtig. Weiß doch jeder. Dem Minigolfspieler haben wir es aber gezeigt, als wir über ihn berichtet haben, wie er Nasentropfen nahm. Weil, Sie wissen doch: stehen auf der Dopingliste. Knallharte Recherche, soviel steht fest, und die Sportwelt wird jedes Mal in ihren Grundfesten erschüttert. Danach werfen wir zufrieden das Haupthaar nach hinten und gefallen uns sehr. Bin ja selbst so einer. Allerdings kann ich bei mir nichts mehr nach hinten werfen, alldieweil ich unter progredienter Glatzenbildung leide.

Aber dann hast du Momente, da wirst du so klein. Ohne Mut. Ich hatte einen solchen, als ich vor sechszehn Jahren an einem Wintermorgen mit dem Skispringer Jens Weißflog auf der Fichtelbergschanze im Erzgebirge stand. Vorher hatte ich wieder mal, sprachlich völlig neben der Spur, mit klammen Fingern und hämisch grinsend so saublöde Sätze wie „Der mit dem Weiß flog“ und „Don`t eat yellow snow“ in den Block geschrieben, aber von wegen junger Hüpfer. Der zarte Zentner Mensch mochte zwar ziemlich schüchtern wirken, als wäre ihm selbst das Schwitzen unangenehm. Doch als er sich da oben auf einen schmalen Balken setzte und seine dünnen Beinchen über dem mulmigen Abgrund baumelten, wurde aus dem Suppenhuhn so plötzlich ein Adler, dass dem Herrn Reporter nicht nur das Herz bangbüxig in die Hose rutschte. Ich wurde kleinlaut vor Ergebenheit.

Ähnlich tief unten war ich das letzte Mal, als ich kurz nach dem zweiten Weltkrieg (gefühlt, wenigstens) auf einem Rennrodel die Eisbahn hinunter sollte. Nein, nicht zum Spaß, nur so zum Schreiben. Aber ich kniff erfolgreich, weil das Geld bei meiner Frau für ihre Witwenrente noch nicht reichte. Gerade eben habe ich wieder daran gedacht, als ich bei den Olympischen Spielen von Vancouver im Fernsehen sah, wie Nodar Kumaritaschwili aus Georgien mit hundertvierundvierzig Sachen vom Schlitten stürzte und sein blutjunger Körper hilflos an den Stahlträgern im Ziel zerbarst. Die von der ARD zeigten die Bilder, zeigten die Bilder, zeigten die Bilder, und legten dabei so eine heuchlerische Wir-sind-zwar-alle-entsetzt-müssen-aber-leider-unserer-Plicht-nachkommen-Betroffenheitsmiene auf, wie sie öffentlichrechtlicher nicht sein konnte. Ich sag nur GEZ: ganz ekelhafte Zurschaustellung. Und einen Tag später tat Pfarrer Broch aus Leonberg in derselben Anstalt beim Wort zum Sonntag bewegt seine Bestürzung über ein totes Gotteskind kund, das vom rechten Weg abkam.

Jens Weißflog redete leise, sehr leise, er flüsterte beinahe liebevoll von seinem kaputten Knie; von seiner Zeit aus der DDR, für die er gefälligst auch mit Schmerzen weit zu springen hatte, um die Genossen der Planerfüllung Wintersport zu erfreuen. Er sprach ruhig, gelassen, die Stille unserer Katharsis wurde nur vom Klappern meiner Zähne gestört. Oder war es das Schlottern meiner Beine? Er aber erzählte, so geradeheraus wie diese schreckliche Spur da vor ihm, über seine ungefähr achtzehntausend Sprünge ... und Landungen, die im günstigsten Fall ja stets die gleiche Anzahl ergeben sollten. Ich spürte nur noch Größe bei dem kleinen Mann, während ich mir fast in die lange Unterhose machte. Er schaute eiskalt in die Schlucht, sprach von dieser Lust zu fliegen, dem Drang in die Tiefe, und seine Augen brannten wie Feuer. Ich geriet rein rhetorisch immer mehr auf die schiefe Bahn und hatte nur noch einen Wunsch. Runter. Über die Treppe.

Dabei war ich verdammt gut vorbereitet. Hatte gelesen, dass je höher der Drehimpuls ist, desto schneller der Springer die aerodynamisch beste Flughaltung einnimmt. Dass die Springer in Innsbruck Richtung Friedhof zu Tal segeln. Dass Eddy the Eagle, dieser nette, englische Clown mit der dicken Brille, angeblich 400.000 Pfund damit verdiente, bei jedem Wettkampf Letzter zu sein; dass seine Weiten nur unwesentlich höher als seine Dioptrienzahlen waren. Und dass dem Norweger Olaf Rye mit 9,5 Metern der erste nachweisliche Sprung im Jahre 1808 gelang, worauf nicht viel später einem Landsmann von ihm begeistert entfuhr: „Zu sehen, wie ein tüchtiger Skiläufer seine Luftsprünge aufführt, das ist eines der stolzesten Schauspiele, welches die Erde uns zu bieten vermag.“ Ja, sogar die Formel zur Berechnung der Weitenpunktezahl hatte ich auswendig gelernt, weil sie so leicht zu merken war: 60+(125-120)x1,8.

Aber was nützte mir das da oben? Dem kleinen Mann war das nämlich ziemlich egal. Er wirkte nur noch kühn, fast hochmütig und befreit von allem, was ihn auf der Erde fesselte. Der Adler spuckte in den Schnee und breitete seine Schwingen aus. Ich habe niemals vorher und auch nachher einen Sportler erlebt, dessen Mut ich mehr bewunderte. Mir fror mein freches Maul ein, als es vor Bewunderung offen stehen blieb. Jens Weißflog zögerte kurz, dann kauerte er sich in die Hocke, entließ sich in das steile Grausen, wuchtete über den Schanzentisch und landete als schwarzer Punkt auf weißer Erde.

Ich blieb noch lange oben stehen und sah ihm nach. Ich spürte nur noch Größe für den kleinen Mann. Ich verneigte mich in Gedanken vor ihm, und stieg langsam die Treppe hinab.

P.S.: Halt, die Geschichte ist noch nicht ganz zu Ende. In meiner Jugend habe ich es selbst mal versucht. Wäre doch gelacht für einen, der beinahe Bottroper Meister im Skifahren geworden wäre. Also, meine erste Freundin rief: Traust dich nicht! Ich: doch! Sie: Nie! Ich: doch! Und dann machte ich, schon damals, einen auf dicke Hose. Auf einer Schanze, lachen Sie nicht, im Sauerland. Ich rauf, na klar, war verboten, und gleich runter. 27 Meter! Meine erste Freundin war beeindruckt. Dann wurde ich mutiger. Ich zischte über die Bahn, der Weltrekord war in Gefahr. Ich kam auf 40 Meter und ein paar zerquetschte. Aber den Stein unten in der Spur bemerkte ich spät. Zu spät. Im Krankenhaus musste ich zwei Wochen auf dem Bauch liegen, weil ich mir im wahrsten Sinne des Wortes, den ... Sie wissen schon, aufgerissen hatte. Und meine erste Liebe? Flog für immer davon.


 

Anzeige: 1 - 1 von 1.
 

Marina

http://www.marinaheib.de

Donnerstag, 18-02-10 20:30

Und schon wieder so ein wunderbarer Artikel, der mir Herz und Sprachzentrum erwärmt. Danke.

 
 

Mit ... teilen: 



Artikel empfehlen
Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.



ANZEIGE


NEU

Streit
05.02.2012

Leidenschaften
31.01.2012

Abwesenheitsnotiz
24.12.2011

Kopkas Tagebuch
24.01.2012

Lieckfelds Tierleben
17.01.2012

Bel Etage
29.12.2011

Weltiswortwechsel
01.02.2012