Ich bin starr, holt mich hier rein!

Frische Eier im Schritt oder: Warum Boßeln nur bei Hermann geht

Heute möchte ich Ihnen von einem Sport erzählen, von dem ich gar nicht weiß, ob es ein Sport ist. Ich weiß nur, dass ich bis heute nicht weiß, wie die Regeln eigentlich gehen, ach, was weiß ich! Wahrscheinlich habe ich sie nicht verstanden, weil ich ihn immer einigermaßen sinnentleert ausübe; und dabei regelmäßig eine ausgeprägte Dipsomanie aufweise, indem ich mich laut grölend und drei Tage lang der Aufnahme psychotroper Substanzen widme. Man nennt sie dort, wo ich jedes Jahr im Januar bin, Bullenschluck, Saurer oder Genever. Die schleppen, na ja, erwachsene Menschen bei Wind und Wetter in einem Bollerwagen hinter sich her und schütten sie in einem Glas am Bande so konzentriert hinter die Binde, dass sie bisweilen ihre berufliche Herkunft vergessen.

Ich will Ihnen nicht zu viel verraten. Aber ich habe schon angesehene Ärzte erblickt, die sich nach diversen Kurvenschnäpsen in ihrer Kleidung bis auf die Unterhose reduzierten und freudig erregt eine rote Kugel in die Luft warfen, um sie dann nach merkwürdigen Verrenkungen der oberen Extremitäten mit einem langen "Schöööööööööööt!" auf den holprigen Weg über die friesischen Felder zu schicken. Oder gerade erst, der Mann ist, glaube ich, Abteilungsleiter und im nüchternen Zustand durchaus der elaborierten Sprache mächtig; aber vor ein paar Tagen noch hockte er mit einer schief sitzenden Mütze im Gesicht auf einem hohen Zaun, klemmte sich das Schild "Frische Eier!" zwischen seinen Schritt und brüllte dabei irgendwas in die stramme Schar der alkoholisierten Adepten, dass man kaum mehr eine Syntax zu erkennen vermochte, aber egal: Auch Grunzen kann manchmal akademisch klingen.

Jetzt wollen Sie doch sicher wissen, wie dieser wunderbare Unsinn heißt, bei dem man sich unter besonderer Berücksichtigung norddeutscher  Kaltgetränke so richtig schön die Kante geben kann. B.o.ß.e.l.n! Wie gesagt, kein Sport, eher ein Wettkampf für die linguistische Befindlichkeit oder: ein Dschungelcamp mit dicker Hose, siehe oben, bei dem es die feinen Pinkel nur beim Grünkohl gibt. Ich bin jedes Mal sehr überrascht, wie viel so ein normalsterblicher Körper alles aushält, muss allerdings gestehen, dass ich meine Leber schon nach dem ersten Boßeln wegen medizinischer Unzumutbarkeit von meinem Organspendeausweis gestrichen habe. Die könnte ich danach selbst Johannes Heesters nicht mehr anbieten.

Beim Boßeln sind alle gleich und alle nett und alle gleich ganz nett besoffen. Das macht die Sache mit dem Werfen nicht viel leichter, aber die Sprüche so ungehemmt schmutzig wie die Straßen von Varel. Das ist ein Ort in Friesland, in dem man gern ausgiebig Trecker fährt, sich auf den Deichen hartnäckig anschweigt und wo Uwe schon als kleiner Junge ins Jeverglas fiel. Sie wissen doch, Uwe, mein alter Freund, ich habe ihn hier bereits mehrmals an anderer Stelle erwähnt, weil er einem halbseitig gelähmten Kollegen schöne Grüße an die bessere Hälfte ausrichten ließ und einen Artikel über eine Urnenbestattung damit begann, die Hauptperson als sehr zerstreut zu bezeichnen. Uwe ist ein fantastischer Boßler und stets gut drauf, an diesem langen, sehr langen Wochenende. Wie Varel, seine liebliche Heimat. Sie ist zwar nicht am Arsch der Welt, aber sorry, Uwe: Man kann ihn von dort aus verdammt gut sehen.

Da ist vor allem Hermann, der Wirt und Besitzer von der Linde zu Rallenbüschen. Denn vor oder besser nach dem Boßeln haben die Götter Hermann gesetzt. Seit über 25 Jahren, solange richtet Uwe das Friesenfest mit seinem Handballverein schon aus. Hermann jedenfalls läuft ein wenig steif und trägt sein graues Haar offen und wirkt wie aus einem Buch von Wilhelm Busch entsprungen; oder wie Rainer Langhans ohne Locken, nach einem australischen Regenschauer. Ich bin starr! Holt mich hier raus! Ja, ich glaube, wenn Stolz laufen könnte, müsste er Hermann heißen, und so viel steht fest: Boßeln ohne ihn wäre für mich überhaupt nicht denkbar; er sagt dir, wie das geht mit der Kugel, wie voll die Wassergräben an der Strecke sind, prahlt dir was vor von överd Finge und liek ut Hand, und wenn einer neu ist, völlig neu ist, gibt es an der Theke mit teuflischem Grinsen einen Schluck aus der Flasche mit dem Totenkopf drauf. Danach sah so mancher Neuer sehr alt aus.

Hermann ist über achtzig und hat alles im Griff. Seine Frau Christel kocht einen Grünkohl, dass sich die über 140 Boßler noch lange danach die Finger lecken, und die zwölf Taxen von Varel machen an dem langen, sehr langen Wochenende das Geschäft ihres Lebens. Es ist immer alles wie immer beim Boßeln. Das macht es so schön, so einzigartig für uns, die sonst nur, wie langweilig, Sport treiben. Boßeln dagegen ist ein Zustand, ein Spiel mit dem Teufel, es gibt - dem Alkohol sehr zugeneigte - Kollegen, die fürchten sich jedes Jahr, wenn die Einladung kommt, weil sie wissen: Gehe ich hin, kann ich erst nach einer Woche wieder ganze Sätze sprechen. Einem von denen, eine große Nummer beim Stern, gelang es sogar, zweimal hintereinander Kohlkönig zu werden. Er ging in die Geschichte ein, nicht zuletzt  wegen seiner denkbar großen motorischen Leistung. Es gelang ihm im Saal von Hermanns Linde seinen linken Schuh dem weggenommenen rechten einwandfrei zuzuordnen. In aller Bescheidenheit, ich trug auch schon eine Krone, weil ich am Abend vorher den teuersten Deckel hatte.

Alles wie immer bei Hermann. Nach der Schlacht draußen und dann bei der Hermannsschlacht, sozusagen. Sicher, ich habe erlebt, wie er nachts um zwei den Stecker der Musikanlage zog, da ihn Angst vor Rissen in den tragenden Wänden trieb. Aber mit Hermann solltest du dich einfach gut halten, auch wenn du König wirst und du mit deiner Königin bei den Klängen von Hans Albers nachts um halb eins auf der Reeperbahn tanzt und dabei zwei angeklebte Bierdosen auf einem Baustellenhelm dein adliges Haupt krönen.

Doch Hermann kennt da keinen Respekt, warum auch, er ruft sie alle beim Namen, ob sie Ratter, Kautschuk, Großer Fass, Zauberzahn, Krake, Mini oder Asamoah heißen; letzterer ist übrigens weißer als eine Salzwüste am Mittag, nur Mini ist wirklich mini und bekommt gern mal zum Essen ein Kissen unter seinen blauen Hintern geschoben. Hermann, ja, ich weiß, was du jetzt sagen willst, der Kerl hat keine Ahnung vom Boßeln und kann mir nicht gerecht werden, den laden wir nicht mehr ein, der kriegt jetzt einen guten Schluck aus der Totenkopfflasche; und dabei grinst du ganz bestimmt, als hätten dich Maden am Gaumen gekitzelt oder Würmer deine Tonsillen. Doch dann nimm diesen hier, den hast du sicher nicht erwartet von mir: "Gesprochen wurde von all den Menschen wenig, nur wenn ein Kapitalwurf geschah, hörte man wohl einen Ruf der jungen Männer oder Weiber. So warf dein Vater auch, Gott tröste ihn in der Ewigkeit!"

Das war der olle Storm, Hermann. Im Schimmelreiter übers Boßeln. Aber solange will ich nicht mehr warten.


 

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Boris Jelzin & al., in me

http://de.wikipedia.org/wiki/Alkoholkrankheit#ICD.E2.80.9310

Dienstag, 25-01-11 07:20

Hui, lustig. Falls nicht, hilft erstmal die Wiki weiter (Link).

 

Harald Juhnke

Dienstag, 25-01-11 11:52

Ichwärdmirdasgleischmalanschaun.
Harald

 

gunna

Dienstag, 25-01-11 16:08

ich war auch dabei - und das schon ganz schön oft!
dem Artikel ist nix, aber auch rein gar nix, mehr hinzuzufügen. doch eine kleinigkeit: schade, dass es schon wieder vorbei ist...
schööööööööööt!!!

 

Boßelgott

Dienstag, 25-01-11 16:17

Sind wir nicht alle ein bisschen Hermann?

 

Ede

Dienstag, 25-01-11 17:59

...genaus so ..und kein bisschen anders habe ich die letzten Jahre erlebt ....glaub' ich jedenfalls :-))
Ich ziehe den Hut vor dem Verfasser ....und freu' mich wie Bolle auf nächstes Jahr!!!

 

christoph kacklire

Dienstag, 25-01-11 19:11

.....und ich war nicht dabei.. ....
...besser hätte ich drei Tage die Kugel geschoben .
..stattdessen schieb ich jetzt nen Affen...
... und das 360 Tage ..hoffentlich halt ich das durch...
...hätt ich das bloß nicht gelesen......
...kompliment..........christoph

 

Bine W.

Dienstag, 25-01-11 19:21

Na, sooo mini is` Lausi auch nu`wieder nich`!
Zu meinem größten Entsetzen bin ich in diesem Jahr schon VOR dem Start (aus)gefallen! Dennoch konnte ich aus dem Begleitfahrzeug des äußerst liebenswerten Varelers Werner A. Senior ein weiteres Hai light (Andi in Unnerbüx) bestaunen... (Danke nochmal!)
...und der Theo hätte mal lieber mit uns boßeln sollen!!!

 

Heinrich Seeger

Dienstag, 25-01-11 22:18

Großes Zeilen- und Kopfkino. Schopi. Aber nur fast ein bisschen Ersatz fürs Dabeigewesensein. Nächstes Jahr wieder, König!

 

Jah Janzon

Mittwoch, 26-01-11 09:57

Zauberhaft aufgeschrieben, das trifft's. Am knappsten hat die Sache mal ein hochrangiger Hamburger Banker auf den Punkt gebracht, und das ist durchaus als Kompliment zu verstehen: „Das Größte für mich war: Ich habe drei Tage lang mit 180 Leuten rund um die Uhr Gas gegeben - und nicht einer hat mich gefragt, was ich eigentlich beruflich mache.“

 

Zauberzahn

Mittwoch, 26-01-11 15:37

Mein lieber König, da hast Du aber richtig einen rausgehauen! Glückwunsch.

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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