Mein Sohn, der Vizekreismeister
Ein stolzer Vater über den Schüler M13
Eigentlich wollte ich heute was ganz anderes schreiben. Über Skispringer beispielsweise, unter besonderer Berücksichtigung von Panikattacken. Oder wie ich mal Wladimir Klitschko sinnlos verprügelte. Oder über Brasilianer, die nach der Winterpause einfach nicht zurück in die schneevermatschte Bundesliga wollen und sich lieber in Rio einen gelben Zettel holen. Aber jetzt sitze ich hier am Schreibisch, zittere vor Erregung, wie jemand nur zittern kann, der seit ein paar Stunden fest daran glaubt, einen Helden gezeugt zu haben. Mein jüngster Sohn Simon ist gerade Zweiter beim 1000-Meter-Lauf der Leichtathletik-Hallenmeisterschaften im Kreis Bergisches Land geworden. Und ich war dabei! Habe auf der Tribüne vor Glück geweint. Nur läppische nullkommazwei Sekunden trennten ihn vom Sieg. Ich glaube, morgen steht er in der Lokalausgabe von Langenfeld.
Ich muss mal kurz ausholen. Also, mein Sohn ist ein glänzender Schüler und hat auch in Sport eine Eins, aber egal, was er anfing: Beim Judo wurde er regelmäßig flach gelegt, beim Handball war die Zahl seiner Tore äußerst übersichtlich, und im Kicken hat er eher (sieht mein Sohn völlig anders) das Talent seines Vaters erworben, der zwar immer noch ziemlich schnell laufen kann, dabei unterwegs aber gern mal vergisst, den Ball mitzunehmen. Nur beim Skifahren hängt er unten im Tal lässig über seinen Stöcken, legt so ein freches, sonnenbebrilltes Grinsen auf und fragt bei der Ankunft seines hyperventilierenden Erzeugers: „Ey, Digger, wo bleibst du denn?“ Soviel zur Sportkarriere meines despektierlichen Zöglings. Seine neue Liebe ist die leichte Athletik. Hüpfen, werfen, springen, laufen.
Der Tag fing erst nicht so richtig gut an. Beim Weitsprung wurde mein Sohn 16. von 21 Teilnehmern, was ihn nicht wirklich zufrieden machte; ja, fast so sehr die Wut aufstiegen ließ, dass er selbst die Cola ignorierte , die ich ihm tröstlich entgegenhielt. Keine Cola nehmen heißt Wutstufe drei, mindestens. Danach kann bloß noch die sofortige Verweigerung sämtlicher ihm zur Verfügung stehender motorischer Grundeigenschaften oder die nachhaltige Aufforderung: „Papa, ich will weg!“ folgen. Sie folgte aber nicht, was mich sehr wunderte. Denn erstens kam noch Trainer Dirk Zorn und fragte nicht besonders zornig, ob mein Sohn auch so einer sei, der mit dem Gesicht zuerst in die Grube fällt; und zweitens ließ irgendsoein unwissender Kontrahist den Spruch des Bergheimer Philosophen Lukas Podolski los (er kann auch ganz gut gegen den Ball treten), der da lautet: „Ich stecke niemals den Sand in den Kopf.“
Mein Sohn blieb, und wie. Er fieberte dem Nachmittag entgegen, weil er wusste, wenn überhaupt, dann über 1000 Meter. Fünfmal in der Halle rum. Das Rennen beginnt. Der Startschuss fällt. Simon droht zu straucheln, wird weggedrängt, stolpert in die Innenbahn, fängt sich wieder. Ist Fünfter. Mama ruft „Mein Junge!“, Papa ruft „Mein Junge!“ und bereitet schon mal das Handy auf den Schnappschuss seines Lebens vor. Simon ist Fünfter. Die vier vor ihm drohen wegzurennen. Mein Sohn, unser Sohn, schließt die Lücke, wie wir Leichtathleten das nennen. Simon ist Dritter. Rollt das Feld von hinten auf. Da, ein storchenbeiniger Zahnspangenträger von hinten, oh, nein, wieder Vierter. Sieht nicht gut aus. Vorletzte Runde. Schließ die Lücke! Genau das haben wir seinem Zahnarzt beim letzten Besuch auch gesagt, ohne großen Erfolg. Letzte Runde. Er gibt alles. Was für ein Mut. Hat er bestimmt vom Vater. Er stürzt fast ins Ziel. Das Scheiß Handy will nicht. Aber das Bild bleibt. Im Herzen, für immer. Ich küsse meine Frau. Sie schluchzt hemmungslos. Bergischer Vizemeister, in 3.17.46, bei den Schülern M13. Keine Ahnung, warum das so heißt, wenn man 12 ist. Ich schließe die Augen, Olympiasieger 2020! Es wird erst der Anfang sein. Ich hole eine Cola und wische meiner Frau die Tränen weg.
Es ist elf Uhr. Mein Sohn, unser Sohn, schläft den Schlaf des gerechten Helden. Über seinem Bett prangt Startnummer 1753 an der Wand. Seine Sporttasche liegt mit den verschwitzten Sachen im Flur herum. Achtlos in die Ecke gepfeffert. „Das sind Starallüren“, flüstert seine Mutter.



