Turbine Tampon und andere Missverständnisse

Warum das Sportjahr 2012 nur noch besser werden kann

Neulich war es wieder soweit. Da sitzt du als Journalist vor dem Bildschirm und kommst dir plötzlich ganz klein vor; ach was, du berufsbedingter Wichtigtuer beginnst dich zu hassen, dich rhythmisch zu ohrfeigen und rufst: Warum die und nicht ich? Doch wenn ich ehrlich bin,  stelle ich mir diese Frage am Ende eines jeden Jahres, wenn die Welt nach verbrannter Wurst und ausgekotztem Glühwein riecht; und nicht nur dann, wenn dir die Mayas gerade mal wieder den Weltuntergang einreden wollen. Nur weil denen ständig die Kalender ausgehen, wie jüngst ein freundlicher Defätist meinte.

Also, wie gesagt, ich hocke dann da und schaue in das Kurhaus von Baden-Baden. Manchmal entdecke ich einen netten Herrn Kollegen mit feistem Wanst unterm edlen Zwirn oder eine nicht minder betuchte Klatschpresseschlampe, die sich irgendeinem adipösen Sportfunktionär ans Doppelkinn schmeißt, und gleich werde ich noch kleiner. Es laufen Schreiberlinge von ziemlich unbedeutenden Provinzblättern über den toten, äh, roten Teppich, die ich noch als Praktikanten kannte und sich jetzt, „Küsschen, Frau Gemahlin der Nationaltorwarthüterin, habe die Ehre, Herr Hockeyverbandspräsident“, im hübsch gedeckten Festsaal zusammenrotten dürfen, um die von ihnen höchst selbst gewählten Sportler des Jahres zu feiern. Na toll, denke ich, warum warst du eigentlich Chef der „Bäckerblume“?

Doch dann ist es wie immer, ha, das gönne ich denen. Timo Boll ist nicht gekommen, der gern Tischtennis spielt und Dritter wurde und lieber von Teneriffa aus grüßt. Sebastian Vettel ist nicht gekommen, der gern Auto fährt und Zweiter wurde und von nirgendwo grüßt, wahrscheinlich weil der arme Kerl als Weltmeister 20 Millionen Dollar weniger im Jahr als Spaßbremse Michael Schumacher macht. Und Dirk Nowitzki ist auch nicht gekommen, der Basketball spielt und Erster wurde, weil er mit seiner Mannschaft die NBA-Meisterschaft gewann, was ungefähr so ist, als würde Kaiser Franz endlich den Heiligen Stuhl besteigen. Dirk hat allen einen Korb gegeben und grinst in einer Schalte, wie wir das nennen, über den Atlantik, „freue mich, danke meiner Mutter“, Sie wissen schon, das volle Programm. Keiner da! Und bei den Frauen auch nur die Neuner, die Magdalena, das fesche Mädel, das auf Skiern beim Biathlon mit einer Knarre durch den Wald hetzt, und rein frauenmäßig ein echter Schuss ist, wie ihr jüngst der Playboy beschied.

Nichts verpasst, wie schön, dachte ich und hörte auf mich selbst zu quälen. Sollen die doch ihre geliehenen  Smokings spazieren führen und dem lieben Herrn Doktor Bach vom selbstredend korruptionsfreien NOK huldigen dürfen; und wenn man genau überlegt, an jenem einsamen Adventsabend vor dem Fernseher, hat das Sportjahr 2011 es auch nicht besser verdient, dass kaum einer dabei gewesen ist. Denn war da was?  Na gut, die 17,01 Millionen Zuschauer  beim Frauenfußballspiel zwischen Deutschland gegen Japan schlugen alles, was im Kasten lief, da kommt auch, wetten dass, Thomas Gottschalk und sein medialer Heldentod nicht mit; auch nicht die 450.000 Kilometer Stau, die wir im letzten Jahr zwischen Kiel und Kempten angeblich im Stau gestanden haben. Dritte Plätze sind nur für Männer, prahlten die Damen vor der WM, das haben sie jetzt von ihrer gar dümmlichen Gespreiztheit und kicken wieder vor ein paar hundert hartgesottenen Kampflesben, bei 1. FC Klimakterium  gegen Turbine Tampon, oder was weiß ich.

Was ich weiß, ist eher das: Wir Deutschen bleiben ein nachgerade bescheidenes Sportvölkchen, das im Achter rudern und im Kleinkaliber schießen und den Speer werfen und die Kugel stoßen und die Gewichte heben und Kajak fahren und Dreispringen und doppelsitzend rodeln und sich ganz trefflich nordisch kombinieren kann; und für das Olympiajahr 2012 bleibt wohl die Vermutung, dass sich daran grundsätzlich nichts ändern wird. Da wirkt bis heute, Oberhof lässt grüßen, noch unsere aller Wende nach, dieses spritzige Verlangen nach allem, was sich so wunderbar pharmakologisch planen lässt. Deshalb, ich ahne es schon, wird es so sein wie oft: Unsere HERREN Fußballer werden es in diesem Jahr herausreißen müssen, seit sie sich nicht mehr über die Füße rumpeln und selbst im Winter sommermärchenmäßig das Leder streichen.

Mit dieser Begeisterung, diesem pubertären Drang, mit der bereits die schwarzgelben Torknaben Meister wurden, der herrlich bekloppte Klopp hat es gerade erst im Fernsehen, ja, genau, in Baden-Baden, vor meinen blöden Kollegen erklärt:  „Mein Kindergarten nagelt durch die Liga, als gäbe es kein Morgen mehr.“ Das wollen wir sehen bei der EM, wenn ihr sie fertigmacht, die Spanier, die Italiener, die Holländer, die Engländer, die Griechen sowieso, weil die aus Geldmangel mit dem Bus in die Ukraine und nach Polen müssen!

Sollte es wirklich stimmen, dass der Witz „ die willkürliche Verbindung zweier miteinander in irgendeiner Weise kontrastierender Vorstellungen, zumeist durch die Hilfsmittel der sprachlichen Assoziation“ ist, fällt mir zum letzten Jahr nur noch Stefan Effenberg ein, der da sprach: „Die Situation ist aussichtlos, aber nicht kritisch.“ Und von jedem Leser, der es bis hierher geschafft hat, erwartete ich den Ausspruch Helmut Schöns, mindestens: „ Da gehe ich mit Ihnen ganz chloroform.“ Haben wir gelacht. Oder?


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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