Wie bitte, Biathlon?
Oft geht der Schuss nach hinten los
Weil jetzt bald wieder Olympia ist, fällt mir gerade ein, wie ich mal als Reporter in Albertville war. Wir hatten ganz schön Spaß damals, im Winter 1992, der Stern trank sich einen mit der Welt, der Spiegel mit der Süddeutschen. Eigentlich blieb uns auch nichts anderes übrig in dem dreckigen Nest, als sich die Kante zu geben. Bonjour, Tristesse, und wie. Kein Schnee, so weit das Auge reichte. Dazu mussten wir schon zwei Stunden lang in die Berge fahren. Aber wenn man es mal genau betrachtet, heute ist es ja genauso. In Vancouver leidet Mrs. Holle unter hartnäckiger Schüttellähmung und in Sotschi am Schwarzen Meer, wohin Genosse Putin 2014 die Jugend der Welt bittet, werden wohl mehr Palmen als Slalomstangen stehen.
Aber wie gesagt, wir hatten trotzdem Spaß. Nur die FAZ lief wie immer hektisch herum auf der Suche nach Geschichten, die sonst keiner hatte. Nicht umsonst sind sie ständig Sportjournalisten des Jahres. Dem Schorsch Hackl schmeckt die Weisswurst nicht. Oder war Wasi bei der Stasi? Das klang nicht schlecht, so kurz nach der Wende. Ich hielt übrigens für Sports die Stellung, ein Blatt , das mal das Lieblingskind eines Verlagszeitschriftenvorstandes war und gefälligst auf die Hutablage eines Porsches gelegt werden sollte. Nur kam die Karre nie richtig in Fahrt, was natürlich nicht an mir und schon gar nicht am Verlagszeitschriftenvorstand lag. Ganz im Gegenteil, ich machte mir damals in unseren langen Rotweinnächten durch das Einführen des heiteren Gesellschaftspieles „Stadt, Land, Fluß“ einen Namen. Bei A fiel uns immer gleich was ein. Wir spielten es, bis uns bei Einbruch der Dämmerung unserer inneren Organe der Bleistift aus der Hand fiel. Die Lausitzer Rundschau und die Dresdner Morgenpost durften grundsätzlich nicht mitspielen. Trotz Wende.
Ach so, arbeiten mussten wir auch. Denn für uns Deutsche war mächtig was los. Oberwiesenthal, Oberhof und Oberallgäu glänzten im Medaillenspiegel. Die Stars hießen nicht Alberto Tomba oder Markus Wasmeier, sondern Olaf Zinke, Stefan Krauße, Uschi Disl und Antje Misersky. Vor allem die gute Uschi fuhr mit einem Gewehr über den Schultern auf Skiern durch den Wald und nahm ihre Sache sehr ernst. Da konnte uns auch kaum mehr dieses zum Schießen komische Bild erheitern, als ein russischer Bobfahrer beim Anschieben zu spät in sein Gefährt sprang, sich hastig völlig falsch platzierte und während der gesamten Fahrt seinem Nebenmann Auge in Auge gegenübersaß. Nur Walter, unser Fotograf, hatte dieses Foto.
Dann war Schluss mit lustig. Mein Chef rief an. Das tat er zwar öfter, aber dieses Mal bekam ich vor Ärger fast Hautausschlag, als er mir thematisch auf die Pelle rückte. Er wollte, dass ich was über Biathlon mache. Und das ich! Der Pazifist. Der Kriegsdienstverweiger, der vor dreißig Jahren nicht mal eben so mit einem Brief die Flinte ins friedensbewegte Korn werfen durfte, sondern in der Prüfungskonferenz noch Fragen wie „Was machen Sie eigentlich, wenn ein nackter Mann aus dem Gebüsch springt und Ihre Freundin vergewaltigen will?“ ertragen musste. Wirklich wahr.
Und jetzt mein Chef. Kam mir einfach so mit Biathlon. Er war, wie ich später hörte, lange beim Militär, und vorher bei Hobby, einer berühmten Zeitschrift, die auf einer Stufe mit Heim und Tier stand. Biathlon! Diese Einheit zwischen Kampf, Körper und Kaliber, schwärmte er. Ich konnte mich kaum mehr aufs Trinken konzentrieren. Ich wollte nicht. Er wollte. Ich wollte nicht. Er wollte. Ein paar Wochen später schmiss er mich raus.
Vor dem endgültigen Verlust meines Arbeitsplatzes versuchte ich noch, dieser Sache irgendwas Nettes abzugewinnen. Ich erzählte meinem Chef die Geschichte, wie Alkohol angeblich auf die Dopingliste kam. Ja, wissen Sie, das war so, also, da sollen wirklich ein paar angetrunkene Biathleten herumgeballert und so einem flüchtenden Feigling den Aussenminiskus zerschossen haben. Und diese krude Story war nicht mal von der FAZ. Aber er wollte das nicht hören, obwohl es Zeugen dafür gab. Er wollte Biathlon. Wie ein kleines Kind. Er bekam sie, von einem stolzen, aber käuflichen Schreiberling aus den neuen deutschen Bundesländern. Glaube ich. Sie meiden mich, sagte mein Chef. Allein für so einen Satz müsste man ihn schon wieder gern haben.
Heute denke ich noch manchmal an ihn. Weil er mir erstens an anderer Stelle ein paar Mal über den Weg gelaufen ist. Und er zweitens mit allem so verdammt Recht hatte. Biathlon hat seit Jahren manchmal mehr Einschaltquote als Fußballspiele der Nationalmannschaft. Biathlon ist ständig ausverkauft im Thüringer Wald. Oder in anderen lieblichen Gebirgen. Mit Biathlon wird Mode und Werbung gemacht. Und mittlerweile ziemlich viel Geld. Wie man in den Wald schießt, so knallt es heraus, und übrigens: Auf Albertville traf ich auch noch mal. In einem Personenregister. Es war dort unter „Ville, Albert“ abgelegt.



