Wo bitte geht`s zum goldenen Arschtritt?

Zum Kotzen, wie sich das Trainerkarussell dreht

Sie haben recht, es gibt gerade mal wichtigere Dinge als Fußball zu spielen. Die Welt brennt, aber es gibt leider keinen, der sie löschen kann; und Knut, dem hirnkranken Nichtschwimmer, haben sie auch noch das Fell über die süßen Ohren gezogen. Oh, das Ende ist nah! Doch wenn Samstag, Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag oder Freitag ist, wenn also Spieltag ist, will ich keinen japanischen Kernkraftwerkbetreibersprecher mehr sehen, der rotzfrech in die Kamera lügt und dabei soviel Kälte versprüht, dass er damit seine Reaktoren kühlen könnte. Oder den meschuggen Gaddafi, diesen fehlgeleiteten Zipfelklatscher, bei dem Schüsse eine bedauernswert endgültigere Auslegung zulassen als nur das Runde ins Eckige zu wummern; ganz zu schweigen vom Bomber der Nation.

Da halt ich mich schon lieber an Lothar Matthäus, der wo keine Verwandten kennt, wenn es darum geht, seine mit Verlaub beschränkten soziopolitischen Gesinnungen ins Licht zu rücken. Womit nicht die fast frühkindlichen Neigungen zu seinen sehr frischen Ischen gemeint sind, sondern die tiefe Treue zum gemeinen Diktator an sich. So lustwandelte er eben erst noch in Grosny zu Ehren des brutalen Despoten Ramsan Achmatowitsch Kadyrow, nebenbei Präsident von Tschetschenien, gut gelaunt übers Spielfeld; als würde er für geruchfreie Spreizfüße in Stollenschuhen werben und nicht für die weitere Freigabe von Folter.

Wahrscheinlich haben ihm seine gefühlten tausend Frauen den letzten Rest von Verstand ausgesaugt, obwohl er ja schon früher nicht nur auf der Höhe des Balles, manchmal auch auf der einer gewissen Geistesgröße war, wenn er so wundervolle Sätze wie diese sagte: „Der Rücken ist die Achillesferse des Körpers.“ Für immer aber blieb mir sein gar nicht so übles Ingenium im Gedächtnis, als er die Kokainaffäre von Christoph Daum, vermutlich ungefragt, folgenderweise kommentierte: „Wichtig ist es,“ sprach Herr Matthäus, „dass er nun eine klare Linie in sein Leben bringt.“  Ich finde, dafür sollte man ihm heute noch eine eigene Flugverbotszone für jeden Loddar-Witz über deutschen Stammtischen einrichten.

Womit wir aber endlich beim Thema wären: Daum! Er ist jetzt wieder da, nämlich in Frankfurt, und springt mit vollen Taschen auf ein Karussell, das sich so schnell dreht in der Bundesliga, dass man beinahe das Kotzen kriegen mag; in einem halben Jahr, genau seit dem 13. Oktober 2010, flogen dort zehn Trainer herunter, die eigentlich gewöhnt sind, dass sich gefälligst alles um sie dreht im Vergnügungspark Bundesliga. Darf ich bitten, meine Herren, sie alle fielen tief, aber sanft auf Bündel von Geld, nach einem goldenen Tritt in den Arsch: Gross, Stuttgart. Soldo, Köln. Keller, Stuttgart. Rangnick, Hoffenheim. McClaren, Wolfsburg. Frontzeck, Gladbach. Veh, Hamburg. Magath, Schalke. Littbarski, Wolfsburg. Skibbe, Frankfurt. Bald werden sicher viele von ihnen die Nachfolger der Nachfolger und die Vorgänger der Vorgänger oder, ach, was weiß ich: Wie gesagt, keiner blickt mehr durch, zum Kotzen.

Weil ich finde, dass es erstens schlimmere Schicksale als das von gefeuerten Fußballtrainern gibt, und sie sich zweitens kaum besser benehmen als eine Prostituierte im Durchgangsverkehr. Doch während die wenigstens ihren Freiern noch Kondome überziehen, um die Allgemeinheit und sich selbst zu schützen, werben unsere Herren Übungsleiter nur für sich und sonst gar nichts; und überlassen uns ungeschützt ihrer großmäuligen Arroganz. Die Seele des Vereins, so vorhanden, ist ihnen scheißegal, häufig kann man schon froh sein, wenn sie während der paar Monate ihrer Mitgliedschaft mitbekommen, wo sich der Haupteingang des Vereins befindet. Man wechselt von Mercedes auf Audi, von VW auf Maybach, und ich persönlich wundere mich oft, dass sie nach ihrem Rausschmiss immer noch den Dienstwagen benutzen dürfen. Felix Magath wechselt innerhalb von nur zwei Tagen von Schalke zu Wolfsburg, nimmt den blauweißen Schal ab, als sei nie was gewesen, und bindet sich fröhlich eine grüne Krawatte um. Hallo, hier bin ich wieder. Als sei nichts gewesen, na ja, doch: Zwei Milliönchen, nein, nicht Abfindung, sondern, kein Scherz, man nannte sie Drops als süße, pekuniäre Dreingabe. Aber für Felix ist der sowieso schon lange gelutscht.

Verdammt, wissen die eigentlich noch, was eine Seele ist? Wissen die überhaupt, warum Anhänger ihren Verein lieben? Ich selbst bin seit über vierzig Jahren der Borussia von Mönchengladbach sehr zu getan, obwohl Günter Netzer ausgerechnet in der Zeit einen Ferrari fuhr, als ich in Bottrop mit einigen langhaarigen Schulfreunden den Kapitalismus abschaffen wollte. Selbst die Tatsachen, dass ich wie in dieser Saison wieder ziemlich leiden muss oder ich als junger Reporter von oben genanntem Sportwagenfahrer reichlich zusammengefaltet wurde, nur weil ich ihn, journalistisch völlig valide, nach dem größten Treter der Liga fragte, halten mich bis heute nicht davon ab, diesen Zweckverband kurz vor der holländischen Grenze abgrundtief zu lieben.

Erst letzte Woche saß ich über eine Stunde im Zug fest, weil ein paar dumme Düsseldorfer meinten, nach einer Niederlage ihrer Fortuna gegen Duisburg auf den Gleisen sitzen zu müssen; und obwohl ich diese Düsseldorfer für die schlimmsten Fans im Lande halte, weil sie den öffentlichen Nahverhehr durch regelmäßiges Zerlegen der S-Bahnen doch empfindlich stören, denke ich: Hauptsache Liebe! Auch wenn viele von denen nach den Spielen oft so besoffen sind, dass sie nicht mal mehr den Griff ans Herz motorisch auf die Reihe kriegen würden.

Aber was machen unsere Trainer? Liebe? Leidenschaft? Pah! Sie springen einfach rauf aufs Karussell und hoffen, dass es sie möglichst teuer wieder abwirft. Ich glaube, nur Louis van Gaal hat noch eine Seele bei Bayern gespürt, als er im letzten Jahr nach dem Gewinn des deutschen Titels der Menge verzückt „Ein dicke Kuss von die Trainer von der Meister!“ auf dem Münchner Marienplatz zurief. Geholfen hat es nichts, für ihn kommt bald Jupp Heynckes, auch so einer, auch so ein Gladbacher, der wissen müsste, wo die Seele im Verein zu finden ist. Oder war er dafür etwa schon zu lange bei Bayer Leverkusen, dieser Werksmannschaft, die im Rheinland so beliebt ist wie eine Reifenpanne auf der Autobahn? So, das musste mal raus, oder wie Lothar Matthäus sagen würde: „Ich habe gleich gemerkt, das ist ein Druckschmerz, wenn man drauf drückt.“

 

 

 

 

 

 

 


 

Anzeige: 1 - 2 von 2.
 

Loddar

Dienstag, 29-03-11 15:23

Herrlich böse und doch so wahr. Ich frage mich auch, warum es immer nur so eine Handvoll von Trainern gibt, die auf dem Karussell sitzen. Ist die Ausbildung so schlecht im deutschen Land oder geht alles nur über Vereinsgemauschel? Erbitte Antworten. Loddar

 

Loddar

Dienstag, 29-03-11 15:23

Herrlich böse und doch so wahr. Ich frage mich auch, warum es immer nur so eine Handvoll von Trainern gibt, die auf dem Karussell sitzen. Ist die Ausbildung so schlecht im deutschen Land oder geht alles nur über Vereinsgemauschel? Erbitte Antworten. Loddar

 
 

Mit ... teilen: 



Artikel empfehlen
Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


NEU

Streit
12.10.2016

Leidenschaften
11.01.2017
Der Volltreffer von Eppendorf
Liebeserklärung an eine Kneipe
Von Michael Schophaus (Text) und Frank Dietz (Fotos)

Die Reportage
06.08.2014

Die Stadt und ich
01.03.2014

Wiese und Weltall
12.12.2014

Bel Etage
14.04.2015

KrossMedia
12.01.2015