Wo sind unsere Helden?

Mama schläft jetzt, weil Boris nicht mehr boxt

Von Michael Schophaus

Für mich ist das ganz einfach mit den Helden. Wenn meine Mutter nicht vorm Fernseher einschläft, taugen sie was im Sport. Man muss dazu wissen, die alte Dame ist 82 und konnte noch vor kurzem mit gestreckten Beinen eine Streichholzschachtel mit dem Mund vom Boden hochholen. Bevor sie eine künstliche Hüfte bekam.

Sie scheuchte Boris Becker über den Rasen von Wimbledon, kämpfte sich mit Henry Maske durch die Nacht, rief Rudi Völler überm Häckeldeckchen zu, wo er gefälligst hinzuschießen hatte, und quälte sich mit Jan Ullrich die Berge hinauf. Von ihr stammen auch die Sprüche, die Geschichte schrieben und fälschlicherweise ganz anderen Sportgrößen zugesprochen wurden. „ Man darf jetzt nicht übers Knie brechen“, „Ich habe nie an unserer Chancenlosigkeit gezweifelt“ oder “Es ist nicht immer alles wahr, was stimmt.“ Ja, das war alles meine Mama.

Noch wahrer ist, sie schläft häufig ein. Weil ihre Helden weg sind.

Oder besser. Sie glaubt ihnen nicht mehr. Schon gar  nicht ihren Leistungen. Alles Geschummel, raunt sie, und das ist noch nett ausgedrückt. Wenn sich Paul Biedermann, der heißt wirklich so, in einen Schwimmanzug pellt, der enger ist als die Haut einer Weißwurst. Wenn sich ein Armstrong immer noch das gelbe Trikot überstreifen will, murmelt sie was von rollender Apotheke. Wenn da dieser Schwarze aus Jamaika, sie hat den Namen vergessen, mal eben ein paar Weltrekorde über 100 Meter rennt und dabei sogar bei einem seiner Läufe die Schnürsenkel offen hat. Stand doch wirklich in der Zeitung: “Kommt alles nur von den Kokusnüssen!” “Pah”, sagt meine Mutter. In solchen Momenten schämt sie sich für den Beruf ihres Sohnes.

Nichts geht mehr. Nichts. Ihr geliebtes Bobbele, dem sie schließlich sehr televisionär im Wohnzimmer die Rückhand beibrachte, läuft nur noch (“ganz schön dick geworden”) über die roten Teppiche. Henry Maske ist Geschäftsführer eines Burgerladens in Leverkusen, und Ulle zählt in der Schweiz sein Geld, das er für viele nicht verdient hat. Nach unten treten und nach oben buckeln, nennt meine Mutter das.

Das heißt, da ist doch noch einer, hat sie gerade in diesem Blatt mit den vier großen Buchstaben gelesen: Max Hoff heißt er, der arme Kerl, ist Weltmeister im Kanufahren und  paddelt selbst bei diesem kalten Wetter auf dem Rhein. Lebt von 344 Euro, die ihm trotz Sporthilfe und Waisenrente im Monat bleiben. Aber er taugt nicht zum Held, sagt meine Mutter. Ein Held ohne Geld. Der nicht. Ihr Held heißt jetzt Günter Jauch, der soll ganz ordentlich Fußball spielen können und stellt immer so lustige Fragen. Wissen wir ja alle. Sie verpasst keine Sendung. Neulich fragte er doch so einen Blödmann: “Wie heißt Schauspieler Stallone mit Vornamen?” Die Antwort lautete: “Weihnachten!”

Ich glaube, jetzt sind wir irgendwie vom Thema abgekommen. Darf man ja auch, Mama. Oder? In deinem Alter. Mama? Psst. Sie schläft.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.



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