Jugend forsch!

Wieso ist Sebastian Vettel eigentlich so oft von der Traktionsrolle?

Als ich meinen Führerschein machte, gab es die Grünen noch gar nicht. Ich konnte also umwelttechnisch noch mal so richtig die Sau rauslassen, was meine erste Karre anging; und fuhr mit qualmenden Reifen an der Ampel los, damit mein Käfer dem flotten Käfer neben mir gefälligst zeigen konnte, wo die Pleuelstange hing. Ich bretterte, als hätte es kein Morgen gegeben. Kohlenmonoxid hielt ich damals für eine Droge, die nur nicht zum Joint taugte. Lieber drehte ich die Boxen meines Blaupunktradios auf und hörte volles Rohr Rory Gallagher. Außerdem interessierte ich mich sehr für Autorennen. So oft es ging, war ich am Nürburgring und hatte nicht die Spur von schlechtem Gewissen, wenn es mir aus dem rostigen Auspuff tropfte.

Dann kamen die Grünen auch nach Bottrop. Das war nicht gerade leicht für sie, weil wir noch ein paar alte coole Typen der DKP im Rathaus hatten, denen die Umwelt so egal war wie einem Fisch die Wüste. Stattdessen redeten sie ständig von der Vergesellschaftung der Produktion und der Akkumulation des Kapitals. Wir verstanden kein Wort, aber fanden unsere Pseudozonis ziemlich abgefahren; vor allem wenn sie jedes Jahr ein Zelt aufbauten, bitteres Bier aus Dresden spendierten und Franz-Josef Degenhardt das Lied von seinen Schmuddelkindern grölte. “Geht doch nach drüben!“, riefen die Spießer so laut, dass wir uns die PLO-Halstücher nur noch fester um die Ohren banden und den Apfelkorn kreisen ließen und, ach so: Der Vorsitzende von diesen verdammten Kommunisten hieß auch noch Herbert Mies. Das sagt ja wohl alles.

Dieter Drabiniok hatte es deshalb sehr schwer, mein neuer Held zu werden. Er war Maurermeister und trug seine langen Haare offen, die in einem zotteligen Bart endeten. Ich weiß gar nicht, ob er ein Auto hatte, jedenfalls ging er für die Grünen mit Norwegerpullover in den Bundestag und saß neben Männern, die ihm alle sehr ähnelten und häufig ihr Strickzeug mitbrachten. So oft ich ihn auch reden hörte, immer sprach er sich gegen das Rasen auf der Autobahn aus oder über die Schadstoffe im Benzin; wie es sich eben gehört, wenn man zu einer Partei gehört, bei der sogar noch Joschka Fischer glaubhaft war. Mir gefiel das alles gar nicht. Die Kommunisten waren mir da eindeutig lieber, was das Brummbrumm anging. Sie waren zwar lockerer drauf als Dieter, trotzdem gab ich ihm regelmäßig meine Stimme. Zwischendurch fuhr ich weiter heimlich zum Nürburgring, das ging nun mal nicht mit politisch korrektem und öffentlichem Nahverkehr. Stattdessen trat ich das Gaspdedal durch, bis mein Käfer abhob, und spielte Niki Lauda in einer Zeit, als er schon lange keine Ohren mehr hatte.

Vor drei Jahren traf ich Sebastian Vettel. Er war da gerade erst neunzehn und hatte bestimmt noch nie was von Dieter Drabiniok oder der Akkumulation des Kapitals gehört. Dafür konnte er mir aber geduldig erklären, wie eine Drosselklappe unter besonderer Berücksichtigung der Traktionsrolle funktioniert und mit ernster Miene berichten, wie es ist, wenn ihm bei dreihundert Sachen die Kindheit aus dem Gesicht fliegt und 700 PS hungrig unterm Hintern heulen. Ich war beeindruckt und beschloss, zuhause endlich mein Plakat von Che Guevara abzuhängen. Was für ein mutiger kleiner Kerl! Der hat Benzin im Blut, sollen sich bereits die Heppenheimer an der Weinstrasse zugeraunt haben, wenn er auf dem Hof der Eltern mit dem Kart die Kurve kratzte und die Hühner in den Hühnerhimmel schickte. Er wuchs mit der Geschwindigkeit auf wie andere Kinder mit dem Raufen. Ich musste sofort an meinen Käfer denken. An das Auto.

Sebastian Vettel hatte damals erst seit kurzem einen Führerschein. Aber er fühlte sich im Straßenverkehr überhaupt nicht wohl, ja, nachgerade unsicher. Sagte er und lächelte wie ein patziger Halbstarker, der seiner Pubertät beim ziemlich harten Übergang vom Bobbycar zum Rennboliden nicht genügend Zeit gelassen hatte. Wissen Sie, die vielen Schilder, das Bremsen und dieses lästige Einparken. In der Formel 1 lässt man schließlich rückwärts schieben, und überhaupt: Ein eigenes Auto, man sollte doch mal an die Umwelt denken. Ich war sprachlos, journalistisch plötzlich völlig orientierungslos, als hätte ich zulange am offenen Vergaser geschnüffelt. Von einem, der sich im röhrenden Ungeheuer in drei Sekunden von null auf hundert schießen lässt, hatte ich diese Antwort jedenfalls nicht erwartet. Das klang doch eher nach Warmduscher oder nach Männern, die nicht zuhören und nach Frauen, die nicht ... was weiss ich. Zumindest war Niki Lauda früher härter drauf, mit Ohren sowieso.

Dabei war Sebastian Vettel bei unserem Treffen im heißen Spanien bereits so schnell, dass er fast seine eigene Zukunft überholte. Er hatte sich vom Testfahrer in die ersten Startreihen geprescht, wo nicht nur die mit der Fahne winken, sondern das ganz große Geld. Der Rest ist bekannt. Seitdem ist er zwar immer vorn und doch weit hinten. Stets am Rande des Wahnsinns, hinter dem auch der Tod lauern kann: mit der Begeisterung eines großen Kindes, das zum Spielen die Gefahr sucht.

Er erinnert mich irgendwie an meinen Freund Marc, der so gern auf den Mond will und mir nachts nach der dritten Flasche Wein mit zittrigen Händen eine vibratorähnliche Saturnrakete in die Hand drückt und zwei Stunden lang mit erregter Stimme die translunare Injektion erklärt. Vettel stellt sich allerdings viel ungestümer dabei an, endlich nach oben zu kommen. Viele sagen auch: Wie ein Dämlack, Flegel oder Grünling, um noch die eher gemäßigten Beleidigungen über ihn aufzuzählen. Es geht halt manchmal mit ihm durch, was ich eigentlich sehr verständlich finde bei so viel Schmackes unter seinem jungen Gesäß. Er wird gelegentlich in der Boxengasse geblitzt, dann wieder nimmt er Abkürzungen, die nicht erlaubt sind; und in Istanbul drängte er seinen Markenkollegen Mark Webber von der Piste, was ihm den stolzen Titel „Der Hornochse von Red Bull“ einbrachte.

Nun aber könnte es klappen. Weltmeister! Bei ihm, muss man wissen, hing früher Michael Schumacher als Poster überm Bett. Nur noch drei Rennen auf Strecken, die ihm und seiner Traktionsrolle liegen dürften. Außerdem sind seine Luftwiderstandsbeiwerte derzeit einfach unschlagbar, wie wir Experten sagen. Er muss eben nur alles besser im Griff haben, so wie sein Lenkrad. Dann wird er ein Typ zum Abwinken, ganz sicher. Ich gratuliere schon mal.

Na toll, und wie krieg ich jetzt die Kurve zu Dieter Drabiniok? Schließt sich der Kreis, wenn ich behaupte, dass Vettel noch zu grün hinter den Rotzlöffeln ist? Nein, das hat unsere Sprache wirklich nicht verdient! Dann bleibt doch lieber der Eindruck, dass sich der Vettel heute mehr Gedanken um die Erde macht, als ich damals in meinem Käferkäfer. Danke Dieter! Und das bei einem, der den Sprit nur so auf den Asphalt spuckt - und der aus einem Sport kommt, über den die FAZ schwärmt, als wäre ihrem Sportreporter die Sicherung durchgebrannt: „Es röchelt der Turbolader mit der Entschlossenheit eines Espresso-Automaten, und die Achtzylindermaschine hämmert das wirre Stakkato eines vor Liebesglück am Rand des Taumels lebenden Dachdeckers.“

Ich finde, das hätte selbst der Degenhardt nicht besser ausdrücken können. Ob er überhaupt weiß, was eine Traktionsrolle ist?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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