Könige im Kittel

Warum Hausmeister im Sport eine Schlüsselstellung besitzen

Vor langer Zeit, als das Tote Meer nur krank war, gab es noch richtig anständige deutsche Berufe. Zum Beispiel gab es den Bademeister, um beim Meer zu bleiben, und nicht den Fachangestellten für öffentliche Schwimmbetriebe, wie er heute heißt. Weiber, saufen, Leben retten! Mehr brauchte er eigentlich nicht zu können, unser lieber Bademeister, vor dem wir alle so große Angst hatten. Oft trug er Schnäuzer und Mittelscheitel über seinen Adiletten und hatte einen putzigen Rettungsreifen an den Hüften;  während er schlecht gelaunt nachschaute, ob wir Jungs zu lange unter der heißen Dusche standen und uns dabei die ersten Schamhaare zeigten. Ich glaube, der Bademeister hatte nur den einen Wunsch, niemals ins Wasser springen zu müssen. Vielleicht konnte er nicht mal mehr schwimmen.

Dann gab es Berufe, die heute bloß noch lächerlich klingen, weil sie sprachlich so verlottert sind. Ein Masseur war ein Masseur war ein Masseur und kein physikalischer Therapeut; und ein Busfahrer brachte uns morgens mit seinem ehrlich erworbenen Personenbeförderungsschein zur Schule, ohne gleich im Traffic-Service-Team zu arbeiten. Ich finde aber, der gute alte Hausmeister schlägt sie alle. Er konnte vom Wasserhahntropfenabstellen bis zum Leuchtmittelreindrehen schon immer nur ein bisschen, aber ihn deswegen heute Facility Manager zu nennen ist so, als würde man zu einem Kranführer Master of Lifting sagen. Oder so ähnlich.

Ich kann mich noch sehr gut an meinen ersten Hausmeister in der Schule erinnern. Er hieß Bach wie Fluss, wie er sich jedem gern, ach wie lustig, schnappatmend vorstellte, um sofort wieder das seiner Autorität entsprechend wichtige Gesicht über dem Doppelkinn aufzusetzen. Für mich kam er direkt hinter dem Bademeister auf der nach oben offenen Bangbüxigkeitsskala; als ich mal mit einem Kaugummi im Türschloss unseres Klassenzimmers verhinderte, dass Lateinlehrer Schäpertöns während einer Arbeit meine eklatanten Schwächen beim Bilden des Plusquamperfektes bei unregelmäßigen Verben entdeckt, schlich ich mit einer solchen Furcht über den Schulhof, dass Hausmeister Bach mich fiesen Täter schon am Klappern meiner Milchzähne hätte entdecken müssen.

Manchmal kam er auch rein und störte den Unterricht wegen ein paar lockerer Schrauben mit einer solchen Selbstverständlichkeit, wie sie normalerweise nur der Herr Direktor an den Tag legen durfte. Schon damals empfand ich nur abgrundtiefen Hass für den Hausmeister, der sich bis in meine letzte Synapse gesteigert hat. Er mischte sich gnadenlos in meine pubertäre Ontogenese ein und verfolgte mich - hab ich dich endlich! - bis aufs Klo, um den Schophaus beim Rauchen einer selbst gedrehten Zigarette aus gewaltfrei angebautem schwarzen Tee zu erwischen. Er gönnte uns auch gar nichts.

Man muss sich nur mal vorstellen, das alles wäre in Österreich passiert und Herr Bach hätte Herr Bächle geheissen, dann wäre er unter das Hausbesorgergesetz der Gesindeordnung von 1900 gefallen und in der Nahrungskette sicher ganz weit unten. Ich glaube aber, der war nie weiter als Bayern; da fällt mir gerade ein, es gab doch Momente, in denen er bei uns Schülern ziemlich beliebt war: bei der feierlichen Verkündung von Hitzefrei. Denn Herr Bach allein entschied es nach einem Blick aufs Thermometer, bei dem wir jedoch manchmal zur Beschleunigung des Verfahrens mit dem Feuerzeug nachhelfen mussten.

Dann beschloss ich sportlich zu werden und hatte es nur noch mit Hausmeistern zu tun. Ich spielte Volleyball. Und spielte Volleyball in der Halle. Doch in der Halle wimmelt es bis heute von Hausmeistern. Sie hocken dort wie strenge Vorarbeiter in riesigen Glaskästen, gleich wenn du reinkommst, und gucken so mürrisch, dass man sich am liebsten für die Unverschämtheit entschuldigen würde, ungefragt mit einer Sporttasche über der Schulter einzutreten; und vielleicht sogar zu schwitzen und am Ende den Boden hässlich zu beflecken. Sie sind die uneinbeschränkten Herrscher über Erste-Hilfe-Kästen, Toilettentüren, Trennwände, Mikrophone, Trillerpfeifen, Springseile, Turnkästen, Volleyballbälle, Heizung, Klimananlage, Klopapier, Damenbindenentsorgungseimer, Wasserkästen, Torpfosten, Bodenbeläge, Putzfrauen, Parkplatzberechtigungsscheine, Fahrradkeller, Geräteräume, Mattenwagen, Ballnetze, Belegungspläne, Lüftungsklappen und Tribünenplätze, um nur ein paar ihrer unentbehrlichen Aufgaben zu nennen, zu denen sie entsprechend wichtig guckten. Vor allem aber haben sie viele Schlüssel, die sie wie Insignien ihrer Macht scheppernd am Kittel tragen.

Hausmeister kann man daher schon lange vorher hören, wenn sie kommen. Das hat den Vorteil, sich besser auf das Gespräch mit ihnen vorbereiten zu können, weil sie einem ständig ein schlechtes Gewissen machen. Ich hatte den Eindruck, dass wir Sportler sie besonders beim Sporttreiben stören. Weil sich ein Hausmeister scheinbar immer noch darüber wundert, dass gelegentlich Schweiß auf frischen Bohnerwachs tröpfelt oder das Blut aus der Nase vorübergehend das Waschbecken beschmutzt. Einige wundern sich wohl auch darüber, dass Leibesübungen gelegentlich ein paar vernehmbare Töne erzeugen, die sich beim Volleyball auf das mehrstimmige Zählen bis drei beschränken oder auf das kurze Herausplatzen von Lauten wie „Grrrmph“ oder „Boooah“, die trotz akademischer Wurzeln dieses beliebten Spiels in den wenigsten Fällen einen echten Sinn ergeben.

Glauben Sie mir, ich habe erlebt, wie sich Hausmeister vor uns aufbauten und sich über den Krach beklagten; wie sie ihre Schlüsselstellung nutzten und uns um zehn Uhr abends das Licht ausknipsten, weil sie gefälligst Feierabend hatten. Nun muss man wissen, dass es im Volleyball keine Zeitbegrenzung wie im Fuball gibt; und wir damals, ich erinnere mich noch genau, den Aufsteiger in der Kreisklasse zwischen VC Bottrop und Verein Schlagmichtot ausmachen wollten. Nichts da! Plötzlich stand der Hausmeister auf dem Spielfeld und verkündete in der größten Hitze des Gefechts den vorzeitigen Abbruch aller unserer Meisterschaftsträume. Wir führten haushoch und hätten bloß noch eine Viertelstunde gebraucht, aber dieser König, ach was, Despot im Kittel setzte sich mit kaltem Lächeln durch und schickte uns allesamt in die Kabine. Das Wiederholungsspiel verloren wir später, woraufhin wir ein hohes Kopfgeld auf den Maitre de la maison aussetzten. Leider lebt er noch bis heute.

Seitdem hasse ich Hausmeister noch viel mehr und zwar zu Recht. Sie sind einfach lästig, auch wenn sie hier und da mal eine Birne unfallfrei in die Fassung kriegen. Ein lieber Kollege von mir schrieb vor Jahren den Schlüsselroman „Der Hausmeister“, allerdings diesem sehr zu Ehren, was ich bis heute nicht verstehe. Er ist doch sonst ein ganz kluger Kerl. Ich dagegen finde, diese Abwarte (was für ein treffendes Wort!) haben alle nur Verachtung verdient, weshalb ich es lieber mit dem Hausmeisterspruch halte, der am schwarzen Brett einer Musikschule geprangt haben soll: „Ich bitte alle Bläser“, stand dort, „die einen Ständer brauchen, zu mir zu kommen.“ Das ist echt facility, Manager!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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