Tschuttikäschtala? Es lebe das Fingerspitzengewühl!

Beim Tischfußball hört der Spaß am Spiel endgültig auf

Meine Schulkarriere ging ziemlich lang. In diesem Zusammenhang von Karriere zu reden ist allein schon eine Frechheit für alle, die wirklich erfolgreich waren mit dem elegischen Distichon bei Catull und dem Bilden des Plusquamperfektes unter besonderer Berücksichtigung der Integralrechnung; und zwar zügig. Das heißt, so schlecht war ich auch wieder nicht, um bei Bello Gallico gleich an eine französische Hunderasse zu denken - doch ganz im Ernst: Meine Rolle vorwärts in der Leibesübung war einfach unnachahmlich. Diese Dynamik! In Bottroper Turnerkreisen und geschichtsbewussten Zeugniskonferenzen spricht man heute noch davon. Aber trotzdem meinten meine blöden Pauker, dass ich gefälligst zwei Ehrenrunden drehen sollte. Eine fürs Leben, okay, aber die zweite war reinste Schikane.

Außerdem waren auch nur die Freistunden daran schuld, soviel ist sicher. Wir hatten damals viele freie Stunden, weil unsere Erzieher gern dazu neigten, schreckliche Kopfschmerzen zu haben oder sich von uns halbstarken Pubertanten niederschlagen zu lassen; nein, nicht mit der Faust, sondern eher, was das Gemüt angeht. Heute heisst das bei denen, glaube ich, Burnout, diese beamteten Weicheier! Einer von denen wurde damals sogar hastig von der Ambulanz weggetragen, weil er sich einen charmanten Streich von uns so sehr zu Herzen genommen hatte, dass er sich stöhnend an selbiges fasste und vor unseren Augen einen mehr oder weniger gekonnten Abgang machte. Dabei hatten wir bei ihm im Kunstunterricht bloß einen kurzen Weggang seinerseits dazu genutzt, uns hungrig über das Stilleben mit Äpfeln, Birnen und Bananen herzumachen und anschließend eines mit trostlosen Kippen und über die Obstschale hängenden Schalen zu malen. Der arme Kerl musste zwei Wochen im Krankenhaus bleiben.

Ach so, die freien Stunden. Es gab viele von ihnen, weil unsere Lehrer, siehe oben, einfach nichts abkonnten; aber genau diese Stunden trieben mich geradewegs ins Schulversagertum. Ich nutzte sie nämlich mit meinen Freunden, um mich während der Schulzeit in Spelunken herumzutreiben, in denen Kästen mit lustigen Typen von der Stange standen. Sie wissen schon, diese abgedrehten Tischfußballspieler, die wir dort so lange um ihre eigene Achse gewirbelt haben, bis die Kugel mit lautem Wumms das Loch traf; berüchtigt war vor allem meine Dreierreihe, gegen sie war kein Kraut gewachsen. Schon gar nicht, wenn sich mein freistündliches Gegenüber gern mal eine Tüte drehte, mit schönem Gruß aus Amsterdam. Mein Ruf war legendär, ich verdiente Geld, viel Geld, mit dem Wetten auf meine Spiele, die ich selbstverständlich der Reihe noch gewann. Ich war sehr traurig, als ich mein Abitur doch noch bestand und meine Laufbahn im Tschuttikäschtala für lange Zeit unterbrechen musste, wie der gemeine Liechtensteiner das Kickerspiel zu nennen pflegt.

Viele Jahre Jahren später lernte ich Hacky kennen. Weil ich Journalist geworden war, was sich nach der Penne alla Panna irgendwie angeboten hatte. Klar, ich hätte auch Außenminister werden können, Entertainer, Bundespräsident oder Schriftsteller, wie es mir die Herren Sitzenbleiber Guido Westerwelle, Harald Schmidt, Christian Wulff und Thomas Mann vorgemacht haben. Aber Reporter, dachte ich, nicht schlecht, nach deiner Drei in Deutsch, beim endlichen Verlassen meiner Lernanstalt.

Hacky also. Ich weiß bis heute gar nicht, wie Hacky eigentlich richtig heisst. Vielleicht Hartmut oder Hagen, ist ja auch egal, er sagte mir jedenfalls, dass es sein Künstlername sei, und dazu gab es auch allen Grund. Denn er haute komischen kleinen Metallknirpsen so lange rhythmisch auf ihr Köpfchen, bis sie mit ihren Blechbeinchen ein winziges Bällchen ins gegnerische Törchen droschen. Dabei trug Hacky Fußballschuhe, Marke black soccer, und ein Trikot mit TKV Grönwohld auf dem Rücken, während er schweißnass um sein geschrumpftes und verfilztes Stadion lief. Wenn das keine Kunst ist! Nicht so eine wie beim Kickern. Aber ich gab mir Mühe, ihn trotzdem ernst zu nehmen mit seinen Bonsai-Beckenbauern.

Hacky war damals nicht besonders gut drauf, ich weiß es noch genau. Er hatte große Schmerzen im rechten Arm, weil er beim Streichen seines Vereinsheimes von der Leiter gefallen war. Gips nicht, sagte er sich nach dem Sturz, gab´s aber doch; da konnte ihn auch das generöse Angebot nicht mehr aufmuntern, das man ihm, dem amtierenden Deutschen Meister im Tipp-Kick, angeblich darbot: 10 000 Mark bei Vereinswechsel, zu TKF Wiking Leck, TKC 71 Hirschlanden oder Atletico 03 Hamburg, wohin auch immer: Er hatte es eben drauf im Fingerspitzengewühl, das zweihundert Mannschaften hierzulande wichtig, sehr wichtig, betreiben.

Doch ich merkte gleich, beim Tipp-Kick hört der Spaß endgültig auf. Du willst mal, Reporter? Vergiss es! Er nahm einen seiner putzigen Poldis liebevoll aus der Holzschatulle, strich ihm mit feuchten Pupillen übern Eisenarsch und zeigte mir mit großem Stolz die Gussfüße. Ich durfte ihn anfassen. Tagelang, taaaagelang, sach ich dir, hatte er ihn gefeilt, damit er Gewaltschüsse über nullkommavier Meter machen konnte. Verstehst du? fragte Hacky. Natürlich verstand ich alter kickernder Schulversager, so unter Kleinkunstkollegen.

Hacky hatte keine Ahnung, ob nicht doch Alkohol im Spiel gewesen war. Bei dem großzügigen Angebot. Wenn er spielte, blieb er selbst stocknüchtern, na klar, ein Mann in seiner Position konnte es sich schließlich nicht leisten, auf Knopfdruck zu funktionieren ... ich glaube, wir sollten jetzt kurz mal die Regeln erklären: Das Spielfeld ist 106 Zentimeter lang und 70 Zentimeter breit, ein Hacky darf bis zu vier Hackys einsetzen, nur ein Hacky pro Mannschaft ist auf dem Feld erlaubt; und derjenige Hacky darf auf den Ball loshacken, dessen Farbe auf dem zwölfeckigen Ball zu liegen kommt. Und dann drauf auf den Kopf, bis zum Erblechen!

Gerade habe ich noch mal die Notizen herausgeholt. Da steht: Hacky sagt mir, wer beim Tipp-Kick am meisten Tore schießt, der hat gewonnen. Ach. Wie ungewöhnlich. Warum habe ich ihn eigentlich nicht gefragt, ob er auch ein Sitzenbleiber ist?


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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