Frau Merkel kratzt die Kurve

Sparen lässt sich auch sportlich nehmen

Mein Büro in Hamburg liegt am Hafen. Aus meinem Fenster heraus kann ich, wenn ich mich strecke, auf einen staubigen Parkplatz sehen, von dem mich oft die dicken Autos der wirklich wichtigen Leute unseres Verlages in der Sonne anblitzen;  und wenn ich über meinen Bildschirm hinweg nach vorn gucke, erblicke ich im gegenüberliegenden Gebäude hinter einer schäbigen Scheibe einen älteren Mann, der den ganzen Tag am Computer Karten spielt. Er muss einen ziemlich entspannten Job haben.

Ich hab da schon mehr zu tun. Aber manchmal schlafe ich doch am Mittag über meiner Arbeit ein. Weil ich dann nur noch die Wahl habe, entweder durch den trostlosen Blick nach draußen oder durch die noch trostlosere Beschäftigung mit den Geschichten zu ermüden. Gerade eben war es wieder soweit. Erst träumte ich, für immer fest angestellt zu sein und schreckte kurz auf. Danach schlummerte ich wieder ein und kümmerte mich ernsthaft um die Ermordung eines Chefredakteurs, der auch seeeehr wichtig ist bei uns im Verlag und sich genauso verhält. Schließlich weiß sein Reisemagazin, wo Rügen noch wild ist und auf welchem Bauernhof man die Sau raus lässt. Erst letzte Woche hatte dieser wichtige Chefredakteur, der hauptsächlich Editorials schreibt, meine schöne Fußballstrecke in einer Heftkritik niedergemacht. Jetzt ertränkte ich ihn mit dem Kopf zuerst in einem Teller heißer Buchstabensuppe; sicher lächelte ich dabei im Schlaf.

Wenn ich abends aus meinem Büro herauskomme, bewundere ich jedesmal einen ziemlich hohen Schuldenberg. Na ja, bewundern ist vielleicht der falsche Ausdruck, aber er fällt schon sehr auf mit seinen vier Kränen, die bis in den Himmel ragen. Neulich hing dort ein riesiger Kranz an einem der Ausleger. Da war nämlich Richtfest der Elbphilharmonie und der Bürgermeister begrüßte dort alle wichtigen Menschen der Stadt (bestimmt war der wichtige Reisemagazinchefredakteur auch da) und erklärte ihnen, warum wir jetzt gefälligst alle ganz doll auf dieses wunderbare Gebäude stolz sein sollen.

Okay, es ist ein bisschen teuer geworden, weil die Kosten für uns gemeine Steuerzahler reziprok mit der Höhe der Stockwerke wuchsen, von 77 auf schlappe 323 Millionen deutsche Euro.  Aber, meine Damen und Herren, sagte der Bürgermeister, es ist doch für die Zukunft! Dafür können die Damen und Herren Hartz-IV-Empfänger ruhig mal auf ein paar flache Fernseher aus dem Supermarkt verzichten; oder die Mütter auf neue Kindertagesstätten, wenn wir hier bald eine Konzerthalle haben, in der über kurz oder lang Lang Lang spielen wird. Ich frage mich immer nur, wenn ich am Feierabend vor diesem Schuldenberg stehe: Wieso muss er eigentlich wie eine architektonische Missgeburt aussehen, gegen die jeder Plattenbau in Chemnitz-Ost eine ästhetische Offenbarung ist?

Das verstehe ich nicht. Ehrlich nicht. Da sitzen Frau Merkel und ihre Mannschaft bei bestem Sommerwetter in Berlin zusammen und überlegen, wie sie uns geschickt das Elterngeld kürzen oder die Wohnungsbauprämie streichen können, ohne dass wir aus Trotz gleich Sahra Wagenknecht wählen. Achtzig Milliarden wollen die sparen in den nächsten drei Jahren, also 1,3 mal Griechenland, glaube ich; und dann schichten diese Bildungszocker vor meinem Büro Beton übereinander, hinter dem sich die kleine, feine Gesellschaft demnächst ohne Möhrenbreiflecken auf ihrer Kleidung nette Sonetten reinziehen kann. Nicht weit weg  von unseren wichtigen Leuten im Verlag, von denen kaum keiner öffentlich was dagegen sagt. Ich vermute, die haben schon Freikarten für die Eröffnung im Jahr 2013.

Trotzdem ist Sparen irgendwie angesagt. Irgendwie zeitgemäß. Irgendwie unheimlich gutmenschlich und  moralisch. Auch im Sport. Da fließt zwar Geld wie nie im Fußball, wenn sich ein Monsieur Ribéry bei Bayern München pro Woche über umgerechnet 150 000 Euro netto freuen darf; während in so mancher Schulturnhalle bei der Riesenfelge der Kalk von der asbestverseuchten Decke auf die Köpfe unserer Kinder rieselt. Außerdem muss beim Umbau des Nürburgrings scheinbar ein ähnlich fiskalischer Schwachsinn wie bei der Elbphilharmonie passiert sein, weil der Staat mit 133 Euro pro Eintrittskarte beteiligt sein soll, wenn Michael Schumacher dort die Kurve kratzt. Zu wörtlich hat das Sparen im Sport ein bekannter Fußballtrainer genommen, als er sich angeblich heimlich mit einem seiner schutzbefohlenen Angestellten dessen hübsche Spielerfrau teilen wollte und danach seine  fristlose Kündigung erhielt. Ich finde, es gibt auch weniger feindliche Übernahmen, mit denen sich in der Leibesertüchtigung Geld sparen ließe:

Eine hohe Abwrackprämie für die regelmäßig demolierten Rennwagen der Formel 1, bei gleichzeitiger Erhöhung der Sterbekasse ohne Teilkasko-Selbstbeteiligung.

Bei jedem Netzfehler im Internet eine automatische Überweisung von zehn Cent auf das Konto des Deutschen Tennisbundes zur Förderung von Talenten. Außerdem stellt Boris Becker seinen früheren Werbespot „Bin ich drin?“ zur Verfügung, unter Vermeidung erfolgreicher Penetrationen in der Besenkammer.

Der HSV und der FC Sankt Pauli spielen in der Elbphilharmonie, wenn sie endlich fertig ist. Voraussetzung ist allerdings, dass der HSV noch in der ersten Liga kickt. Bei der Akustik brauchen Fans ihre Mannschaft nur noch zum Sieg zu flüstern. Beide Stadien können verkauft werden.

Aber bis dahin wird weiter gespart. Und wie. Bis dahin werden unsere Politiker beschämt die Stimmen senken, wenn sie sagen: „Wir dürfen nicht bei den Kindern sparen.“ Sie sind unsere Zukunft! Um dann weiter Baugenehmigungen für hässliche Schuldenberge wie bei uns im Hafen zu erteilen. Oder Behörden und Ämter zu betreiben, die an Unsinnigkeit kaum zu überbieten sind. Die Monopolverwaltung für Branntwein oder das Bergamt in Stralsund. Das Bundesjazzorchester der Bundesrepublik, weil Jazz natürlich immer Kultur ist, während sich gute Rockbands in kalten Garagen einen Wolf spielen müssen, bis sie mal Geld vom Staat sehen. Oder das Bundesamt für Kartographie oder Geodäsie in den Zeiten  von Satellitennavigation und Google Earth. Muss ein Amt für Pferdezucht unbedingt darüber wachen, ob es erfolgreiche Körungen gibt; ob ein Hengst das Stockmaß von 1,48 übertrifft, um kein Pony zu sein? Ich werde doch noch fragen dürfen.

Was das Sparen im Sport betrifft, halte ich es lieber mit Henry Ford, der da sagte: „Reich wird man nicht durch das, was man verdient, sondern durch das, was man nicht ausgibt.” Noch endgültiger hat es der nordirische Fußballspieler George Best formuliert. “Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben”, sprach er. “Den Rest habe ich verprasst.” Kein Wunder, dass er nur 59 Jahre alt wurde.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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