Bloß kein Scheiß Mitleid!

Sie behindern sich gegenseitig

Vor 25 Jahren traf ich Annemie Schneider. Sie war eine hübsche Frau, schlank, viel Holz vor der Hütte. Ihre Augen blitzten, die Locken dunkelrot, sie flirtete gern auf Teufel komm raus. In der Sprache der Berge, wo ihre Heimat lag, hätte man wohl fesch zu ihr gesagt. Sie raste die Hänge hinunter, dass der Schnee nur so staubte; und obwohl ich ganz gut Ski fahren konnte und über die gewöhnliche Verrichtung des Pflugbogens lange hinaus war, blieb mir nicht der Hauch einer Chance, ihr zu folgen.

Dabei hatte ich ein Bein mehr als sie.

Es war ein Hai, sagte sie, dabei lachte sie so ein Lachen, das zwischen Trotz und Tragik lag. Bloß nicht dieses Scheiß Mitleid! raunte sie. Ich wagte es nicht zu schreiben. Das mit dem Hai rief sie jedem zu, der ihr saublöd auf den Stumpf glotzte, wenn sie zum Beispiel im Badeanzug aus dem Meer hüpfte. Siagst, da hinten schwimmt er noch, der Fuaß. Manchen erzählte sie auch von Krokodilen, die zugeschnappt, oder von Löwen, die sie bei der Safari fast zerfleischt hätten. Ich mochte ihre heitere, freche Art, mit ihrem anatomischen Verlust umzugehen. Ein Junge wäre vor Schreck fast aus dem Lift gefallen, als sie mal wieder die Wildtiernummer brachte.

Ihre Prothese nannte sie Oskar, sie mochte Oskar sehr. Man konnte fast Liebe dazu sagen, niemals hätte sie ihn im Flugzeug achtlos in die Ecke gestellt. Wenn keiner guckte, streichelte sie ihn sogar. Ein Zug hatte sie überfahren, als sie 16 war, danach schwor sie sich, jetzt erst recht, und wurde später mehrfache Olympiasiegerin und Weltmeisterin im Versehrtensport. Ja, da hieß es noch versehrt. Wenn dir ein Bein fehlte. Oder ein Arm. Oder das Sehen. Oder der Verstand. Heute  aber haben sie alle ein Handicap. Klingt wohl irgendwie versöhnlicher (darf man schicker sagen?), das Wort Behinderung hatte sie mir unter Androhung ihres Skistockes verboten. Wir sind nicht behindert, meinte sie, sehr ernst. Behindert ist, wenn nichts mehr geht. Und bei ihr ging noch ziemlich viel.

Ich musste oft an Annemie Schneider denken, als ich jetzt die Paralympics im Fernsehen sah. Und ich dachte, im Grunde ist noch alles viel schlimmer geworden. Denn schon damals hatte ich Sportler erlebt, die sich bei Wettkämpfen unglaublich unsportlich verhielten. Die neidisch auf jedes Stückchen Arm zu sein schienen, das dem Gegner weiter aus dem Ärmel stand. Die sich oft hasserfüllt um das Licht ihrer Augen stritten und darüber, wer denn nun blinder durch die Gegend stocherte. Dazu wurden sie in Schadensklassen eingeteilt, was sich bis heute nicht geändert hat, und viele zeigten mit dem Finger auf den anderen; wenn er überhaupt einen hatte. Aber du. Du. Du. Die kniegelenkversteiften Skifahrer nahm überhaupt keiner wahr, und auch Annemie Schneider stand trotz ihrer Erfolge in der Rangliste weit unten. „Du mit deiner Hautabschürfung“, sagte ein Contergangeschädigter mit zwei Stummeln an der Schulter, „fahr erst mal ohne Arme.“

Damit Sie mich nicht falsch verstehen. Ich verneige mich vor jedem, der sich querschnittsgelähmt mit zusammengezurrten Beinen in einer Plastikwanne die Hänge herunterstürzt und sich mit dem Ski darunter mutig von einer Seite auf die andere kippt. Ich werde ehrfürchtig, wenn ein Mensch im Schnee liegend  auf ein Ziel ballert und das Gewehr mit einer Hand festhalten muss, weil er nur eine Hand besitzt. Ein Kniefall vor diesen Leistungen. Aber braucht man wirklich 64 Wettkämpfe in fünf Sportarten? Braucht man Sledge-Eishockey, bei dem die Spieler auf kleinen Schlitten mit Kufen wie irre aufeinander losrasen und sich mit voller Absicht umhauen?  Oder sehbehinderte (da ist ja doch noch das Wort) Skilangläufer, die wegen gleicher Bedingungen  eine Augenbinde tragen und einem ständig schrille Laute ausstoßenden Vorfahrer hinterherhecheln müssen? Ihre Gesichter wirken dabei so schrecklich verbissen. Vom Ehrgeiz zerfressen, ich muss, ich muss, ich muss es mir zeigen.

Oder Curling im Rollstuhl? Ist diese Rutschpartie nicht schon im Normalfall langweilig genug? Muss man sich da auch noch in einer engen Karre übers Eis quälen und die schweren Steine bis in die Mitte fegen? Ich weiss, es ist ungerecht, so zu denken. Sie haben einfach nur Freude daran. Doch klingt es nicht fast wie ein schlechter Witz, dass es gerade bei diesem Sport in Vancouver einen Dopingfall gab? Einem 54jährigem Schweden wurde die Einnahme von Betablockern nachgewiesen; aber es will einem nicht in den Sinn, wie er sich dadurch einen Vorteil verschafft haben sollte. Ich habe Angst, darüber ein Urteil zu fällen. Es steht mir auch gar nicht zu, ich ahne, auf welch dünnem Eis ich mich bewege. Als jemand, der jede Treppe hochspringen kann und sich in der Stadt nicht über jede viel zu hohe Stufe ärgern muss, die einem das Leben im Rollstuhl zur Hölle machen kann.

Sicher wollen sie alle ihren Spaß haben. Ganz sicher. Manche sagen, man solle ruhig sehen: Auch Krüppel können knüppeln. Aber mein Problem ist, man sieht ihnen den Spaß nicht an. Und Typen wie Thomas Oelsner muss ich auch nicht mögen. Er wurde vor acht Jahren in Salt Lake City des Dopings überführt, weil man in seinem Blut das verbotene Anabolikum Metenolon gefunden hatte. Sabotage! schnauzte der armamputierte Biathlet herum, genauso wie jetzt in Kanada. Da hatte ihm angeblich irgendein Gegner eine klebrige Masse ins Visier seiner Waffe geschmiert, damit er einen Knick in der Optik haben sollte. „Das war Schokolade, Karamell oder so was“, entrüstete er sich,“ das war wirklich unter aller Kanone, ich bin immer noch angepisst.“ Für die anderen galt das nur als faule Ausrede, um seinen schlechten Platz zu rechtfertigen. „Wer kann denn vermuten“, fragte er, „dass hier so eine Sauerei passiert?“

Das Fernsehen hat diesen Fall heruntergespielt. Natürlich. Weil es die gehandicapten Sportler lieber als eine große, verschworene Familie sieht. Minderheiten halten gefälligst zusammen, hurra, Deutschland hat 13mal Gold. Da passt so ein böser Onkel nicht rein, der den anderen in die Suppe spuckt. Früher haben ARD und ZDF die Paralympics täglich in hastigen Minuten zusammengefasst, nun wird groß aufgefahren. Schließlich stehen die Übertragungswagen noch von den olympischen Spielen vor Ort, ein paar neue Einspieler mit tiefschneespeienden Einbeinern, und fertig ist das öffentlichrechtliche Gewissen. Die Reporter senken die Stimmen, liebe Zuschauer, man muss sich das mal vorstellen, ohne Arme, beim dem Tempo, und halten bei Stürzen lange mit ihren Kameras drauf; und produzieren letztlich doch nur wieder dieses Scheiß Mitleid.

Wissen Sie was? Ich hätte sie nur gern öfter lachen gesehen. Lachen wie Annemie Schneider.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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