Magda - Das Magazin der Autoren

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Dysfunktion der Ballerbüchse

Das bisschen Brom kriegt jeder hin

Früher dachte ich, dass ich ein starkes Geschlecht bin. Aber  gerade habe ich gelesen, wie erbärmlich wenig so ein Kerl wie ich eigentlich wert ist. Neunzig Kilo, solche Arme und ein Six Pack am Bauch, das ständig nach Bier schreit. Wenn man meine Rohstoffe auf dem Weltmarkt anbieten würde, kämen für mein Brom, Eisen und Wasserstoff ungefähr sieben Euro zusammen. Sieben Euro! Da sind diese Momente, in denen du am liebsten freiwillig Emma lesen würdest, um dich gewissenhaft auf dein penisneidbefreites Ableben vorzubereiten. Frauen sind übrigens viel teurer. Sie haben mehr gute Sachen drin, weil sie Kinder bekommen.

Ich finde, bei sieben Euro könnte ich meine sterblichen Übelreste gleich bei Körperwelten verkaufen. Oder mich in den Eyjafjallajökull stürzen, Sie wissen schon, in diesen schwer auszusprechenden Rauchmelder von Island. Oder die Organe auf dem freien Markt von Mumbai verscherbeln, was mein trostloses Dasein sicher radikal verkürzen würde. Doch dann las ich auch das: Männer schauen im Laufe ihres Lebens sechs Monate lang Frauen hinterher, Frauen den Männer nur schlappe vier Wochen. Männer können Brustkrebs kriegen und weilen 4,6 Jahre kürzer auf dieser Welt. Männer haben Übergewicht, weil sie ungern den Löffel abgeben. Männer gucken aus Scham vorm Harn immer öfter in die Röhre. Männer warten lieber zwei Stunden in der Werkstatt auf ihr Auto als nur zehn Minuten beim Arzt. Männer wollen wollen, aber können können nicht. Doch dafür nachts ständig müssen müssen. Was hat denn der Grönemeyer da für einen Scheiß gesungen?

Ein Mann zu sein, ist sogar statistisch gesehen ein Risiko. Zweidrittel der Notfälle und Dreiviertel der Freitode betreffen Männer. Männer liegen 15 Prozent länger im Krankenhaus und sind bei allen Erkrankungen benachteiligt; täglich fallen die Herren der Erschöpfung dem Stress in die Arme. Sie essen doppelt soviel Fleisch wie ihre besseren Hälften, und ist die heimische Küche eines Tages bedauerlicherweise wegen Todesfall geschlossen, rafft es den Witwer auch deutlich früher dahin. Hingebungsvolle Nahrungsaufnahme ist ein ziemlich männlicher Zug: Männer wollen stets das beste Stück Fleisch und ihre weibliche Beute suchen sie selten danach aus, ob die Goethes Faust auswendig oder den Würfel berechnen kann.

Da riskieren sie lieber mal einen Blick aufs hübsche Gesäß oder schauen sich andere (glauben Sie nicht, was da oben steht!) anatomischen Merkmale an. Wie es zum Beispiel der pfeifende Bauarbeiter auf dem Gerüst tut. Ich hab nichts gegen Bauarbeiter, wenn sie pfeifen. Ich wäre manchmal selbst gern einer, zumal sich die Instinkte fürs männliche Balzen überall ähnlich ausbreiten. In den Vorstandsetagen wird das Revier eben dadurch markiert, indem der Herr Geschlechtsführer seiner reizenden Herzensdame nicht prollig hinterherschnalzt, ihr dafür aber dezent die Visitenkarte zuschiebt. Männchen sieht Weibchen und schon regt sich der Fortpflanzungstrieb. So weit alles normal.

Wehe nur, wenn du nicht kannst. Wenn du einen kleinen Hänger hast, oder netter und medizinisch ausgedrückt: eine erektile Dysfunktion (äh, ich rede jetzt nicht von mir). Dann ziehst du dich zurück ins Schweigen der Männer, dann ist nur Stille in der Welt der Liebe und Triebe. Dann bestellst du dir noch drei bis zehn Bier am Stammtisch und verschanzt dich in dein Selbstmitleid. Können Männer am besten. Ohne darüber mit dem Kollegen Penisträger zu reden, warum du nicht mehr so fit im Schritt bist. In Deutschland gibt es bloss eine Selbsthilfegruppe, in der die Probleme bei der Wurzel gepackt werden und die Messlatte nicht zu hoch liegt, um in aller Ruhe darüber zu sprechen. Kaum einer ahnt, dass Impotenz die männliche Gesundheit noch viel stärker beeinträchtigen kann, weil sich die Gefahr eines Herzinfarkts dadurch drastisch erhöht. Wer keinen hoch kriegt, kann tief fallen. O Mann o Mann!

Wir haben es auch nicht leicht. Nein, gejammert wird jetzt nicht, der Waschlappen bleibt trocken. Und Hände weg vom Bauchwärmer, Fummelhobel, Machtzepter, Weihwedel, Paradiesschlüssel, Genusswurzel, Spaßwürstchen, Ballerbüchse und wie des Mannes einigermaßen bestes Stück noch so zu bezeichnen gepflegt wird. Schließlich sollte man uns eher im gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang sehen und nicht nur auf das Eine reduzieren.  

Wir weinen nicht, kennen keinen Schmerz, und müssen gefälligst für das Überleben der Brut sorgen. Ihre hungrigen Mäuler stopfen. Das sitzt uns auf den Genen, seit wir uns in Höhlenzeiten grunzend vor die Brust schlugen, um die Jagd nach Anerkennung zu beginnen. Um Macht, Ehre und Futter zu besorgen. Bis heute sehen wir unseren Körper als Mittel zum Zweck. Wir Männer brauchen den ständigen Kampf mit und gegen uns selbst. Solange wir nicht zur Vorsorge müssen. Nur 20 Prozent der Männer ab 45 Jahren lassen sich unter Androhung aller schlimmsten Krankheiten der westlichen Hemisphäre in den Mund, Magen oder Darm gucken. Mann gönnt sich ja sonst nichts. Da werden die harten Kerle innen plötzlich ganz weich.  

Mein jüngster Sohn schaut mir gerade über die Schulter. Das macht er gern, wenn ich krampfhaft versuche, die Buchstaben des Alphabets in gestammelte Worte zu ordnen. Schreiben findet er irgendwie gut, er verfasste mal den Anfang eines Buches, das den Arbeitstitel „Bekenntnisse eines kleinen Klugscheißers“ trug; zur Zeit arbeitet er an seinem ersten Roman. Ich bin sehr stolz auf ihn. Nie würde er sagen, was der Sohn eines bekannten Journalisten in der Schule gesagt hat, als er sich über den Beruf seines Vaters äußern sollte. Mein Papa sitzt auf einem Drehstuhl und faltet den ganzen Tag Zeitungen zusammen. Nein, niemals! Er würde mich jetzt wohl lieber traurig anschauen und so was wie „Was geht ab, Alter?“ rufen und mir ernsthaft mitteilen, dass ich vermutlich bald wieder gekrümmt auf dem Boden liegen und Stimmen hören werde. Wenn er frech wird, werde ich stolz antworten, dass ich bei seiner Erzeugung keinen Hänger hatte und meinen Mann stand. Liest er das jetzt? Hoffentlich bestraft er mich nicht mit zwei Stunden Mario Barth.

Morgen werde ich im Fitnessstudio einen Vertrag bis 2023 unterschreiben. Es ist ja Frühling. Zeit, die Organe zu putzen. Den Geist zu reinigen. Grünen Tee zu trinken. Blau zu machen. Bis ich nicht mehr schwarz sehe. Ach, was weiß ich. Jedenfalls will ich meinen Marktwert auf zehn Euro steigern. Das bisschen Brom kriege ich schon wieder hin.

















 


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