Er locht wieder ein

Der Tiger und sein Schniedelwoods

Ich hatte mal einen Chef. Der war richtig gut drauf, danach wollte ich unbedingt auch Chef sein. Weil ich glaubte, dass sein Leben ziemlich erstrebenswert war. Er sagte uns den ganzen Tag, was wir tun sollten, und am Freitagmittag fuhr er mit seinem Porsche äußerst gefällig nach Sylt. Er war schon lange vorher reich, bevor er mein Chef wurde, weil er beim Stern mit einem goldenen Arschtritt, wie wir Schreiberlinge hohe Abfindungen nennen, hinausgeworfen wurde. Denn als die halbe Welt wegen des Atomunfalls in Tschernobyl zitterte, meinte mein Chef, es sei höchste Zeit für ein Titelbild mit Herbert Grönemeyer. Dabei zog er lässig an der Pfeife und soll mit einem kalten Lächeln gesagt haben, er würde sich seine Wirklichkeit am liebsten gestalten. Nachdem er zu uns wechselte, trieben ihn eigentlich nur noch zwei wesentliche Beschäftigungen um. Er  hielt uns vor, wie mies wir schreiben. Außerdem spielte er Golf, und zwar schlecht; was die Sache nicht gerade leichter machte.

Sein Nachfolger spielte ebenfalls Golf. Viel besser, glaube ich, seine ständig gute Laune ließ auf ein gutes Handicap schließen. Er war Jahre vorher nach nur sechs Monaten mit ein paar Milliönchen bei Bild rausgeflogen und kam fast unverschämt entspannt in unsere Redaktion. Mit Ende Dreißig schon aus dem Gröbsten raus, da kann man Riester ruhig vergessen und alle existenzangstbedingten Schlafprobleme. Als er mir erzählte, dass er sich gleich nach dem Gegangenwordensein auf dem Heimweg vom Verlag einen dicken Jaguar gegönnt hatte, stand mein Entschluss fest. Jetzt erst recht: Chef!

Aber scheinbar, soviel war klar, kommt man wohl als gewesener Boss nicht ohne Golf über die Runden. Wenn die Langeweile drückt oder das Selbstbewusstein kratzt und du in deinem Leben nochmal was echt Verrücktes unternehmen willst. Zum Beispiel einen kleinen Ball über die Wiese zu dreschen und ihn dann zärtlich mit Eisen Schlagmichtot ins Loch zu schieben. In Gottes gestutzter Natur, mit Grüns, die man staubsaugen könnte, und nicht der Fuchs, nicht der Hase, eher der Dax schaut dabei zu. Oder wie es nur Eure Hoheit derer von Beckenbauer auszudrücken vermag, um die bescheuerte Schlichtheit jenes Spiels zu erklären: „Für Tennis bin ich zu alt, ich mache jetzt was anderes. Da habe ich meinen eigenen Ball, den schlage ich irgendwohin, dann gehe ich ihm nach, und wenn ich ihn finde, schlage ich ihn wieder weg."

Irgendwann hatte ich es dann doch geschafft. Ich wurde Chef der Bäckerblume, endlich Chef jedenfalls, und durfte mich nicht ohne Stolz für Zeilen wie „Träume aus Teig“ oder „Printen für dritte Zähne“ oder „So schmeckt der Advent“ rühmen; doch zum stilechten Schlägertypen, der lässig zwischen den Löchern lustwandelte, reichte es bei mir wieder bei nicht. Nicht mal einen Dienstwagen kriegte ich vom deutschen Backhandwerk. Stattdessen traf ich mich jeden Mittwoch mit meinem wodkawankenden Grafiker zum Billard um halb acht in einer Hildener Kneipe, und jeder, der Hilden kennt, weiß: das gibt’s Krampen, nicht Kampen.  Je besoffener mein Grafiker war, desto häufiger zog er mich über den Tisch. Wieder nichts mit meiner Generation Golf.

Ich beschloss, Golf nicht zu mögen. Nichts für Sportler, sagte ich mir, nichts für einen, der die Liegestütze einarmig herausdrückt und dabei noch morgens seinen Hirsebrei anrührt. Nichts für den Bottroper Meister im Skifahren, der das Eisen in den Muckibuden verbiegt und ein Packet Salzstangen mit der Handkante erledigt, und überhaupt: So viel Platz für so wenige platzreife Leute, für die Hartz vier vermutlich eine Höhenangabe aus dem Mittelgebirge ist. Nee, dann schon lieber Billard in einer verrauchten Spelunke, als nur bücken und frische Luft. Nichts anderes ist Golf, Chef hin, Chef her, oder um es mit Mark Twain zu sagen: Golf ist in Wirklichkeit ein verdorbener Spaziergang. Vermutlich war er nur ein lausiger Spieler. Hast du noch Sex oder spielst du schon Golf? Ich entschied mich für regelmäßigen Geschlechtsverkehr.

Eldrick Woods entschied sich für beides. Und wie. Der Tiger locht auf dem Platz wie kein Zweiter, und, ha, ha, welch heiteres Wortspiel, seinen Schniedelwoods in so manch ehefremden Muttermund ein. Der erfolgreichste Golfspieler aller Zeiten mit über hundert Millionen im Jahr  springt über den Zaun vom Nachbarn und begattet jedes weibliche Wesen, das nicht bei drei auf dem Baum ist. Passt das zum gerontologischen Bild der festgeldgenährten Tattergreise, die wegen ihrer fortschreitenden Beckenbodenschwäche hinter jeder Ecke abschlagen müssen? Nicht den Ball, sondern, Sie wissen schon wen, weil sie es sonst nicht über die 18 Löcher schaffen. Der Tiger hat in ihrem heiligen Revier gestreunt, vor kurzem las ich, dass er durch seine Seitenspünge das Golfspiel gar beleidigt habe. Es wird wohl lange dauern, bis über seinen Hormonstau Gras gewachsen ist. Sein vierter Platz am Wochenende bei den Masters war sicher ein Anfang. Da hat er wieder seine Zähne gezeigt, und die Hose blieb zu. Ich muss noch büßen, sprach er. Um wieder zu gewinnen.

Es war ja auch alles so schrecklich dramatisch. Mister Woods bumste nach lautstarkem Ehekrach mit seinem Auto in Florida gegen einen Hydranten, wobei er nicht sich, aber vor allem sein Ansehen erheblich beschädigte. Mal waren es zehn Frauen gleichzeitig, dann nur drei in der Nacht, dann zwei für den kleinen Hunger zwischendurch; und jede drittklassige, tittenaufgespritzte Konkubine, die immer mal ins Fernsehen wollte, witterte plötzlich ihre Chance. Ich auch! Der arme Tiger flüchtete in eine Sexklinik, versprach Reue und nicht mehr zu sehr mit seinem Schwanz zu wedeln, und vor allem, wo ist das Rotlicht? ... ein besserer Ehemann, Vater und Mensch zu werden. Wobei ich mich frage: Gehört die letzte Zustandsbeschreibung nicht unbedingt dazu?

Viele seiner potenten Geldgeber zogen sich angewidert zurück, prüde und müde, geht ja gar nicht, ein Tiger, der durch fremde Büsche wildert. Doch Nike hielt ihm die Stange. Erst durfte er auf einer rührseligen Pressekonferenz seine Betroffenheit in die Kameras schluchzen, Mom, I am so sorry. Und nun kündigte er an, rein und fein zu werden, in einem Spot, in dem sein verstorbener Vater aus dem Off des Himmels haucht. Sei gut durch Golf! Es hat gewirkt, Tiger Woods will sich den Werten des Buddhismus zuwenden. Worauf vor ein paar Tagen ein Flugzeug überm Platz schwebte, das ein Banner hinterherschleppte. „Tiger, did you mean Bootyism?“ stand da. Bootyism lässt sich sehr frei übersetzen, aber irgendwie landet man stets bei der chronischen Vorliebe fürs weibliche Hinterteil.

So behandelt man keinen Milliardär. Auch wenn er Golf spielt.




 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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