Nur gucken, nicht anfassen

Vom Stumpen-Rudi zur Schwabentucke

Kennen Sie Rudolf Assauer? Natürlich kennen Sie Rudolf Assauer. Das ist doch der, dem die Zigarre so steif im Gesicht steht, als hätte er sie in ein gutes Glas Viagra getunkt. Dazu gegelte Haare, verklärter Blick, und immer todschick bis in den Schritt. Man bezeichnet ihn auch als Stumpen-Rudi oder früheren Typen von Simone Thomalla oder noch früheren Schalkeboss, aber vor allem ist er neben seinem aufgesetzten Großkotz ganz sicher: ein echter Kerl. Er ist ohne zu zögern in einer Reihe mit Götz George, Frank Schätzing, Schildkröte, Sigmar Gabriel, Kai Diekmann, Konstantin Wecker, Armin Rohde und Freiherr von und zu (völlig neben sich) Guttenberg zu nennen. Der Thomalla hat Rudi Ratlos im letzten Jahr auf Sylt noch so heftig eine gescheuert, dass sie rückwärts ins Blumenbeet fiel. Ich sach ja, der fackelt nicht lange. Wie damals im Fußball, da riefen sie ihn Rasenmäher. Weil er alles gnadenlos umsenste, was auf zwei Beinen stand.

Jetzt hat er sich wieder zu Wort gemeldet. Denn reden kann er auch, und wie, das Sprachrohr aller konditionierten Machos. Es ging um Liebe unter Männern, eigentlich der völlig falsche Beritt für so einen Flachleger wie Assauer; aber er glaubte, endlich mit der Faust auf die Zwölf hauen zu müssen in der ziemlich genitalgesteuerten Affäre zwischen dem ehemaligen Schiedsrichter Manfred Amerell und seiner schwülstigen Wollust Michael Kempter. Eigentlich sagte er nichts, was zur Aufklärung dieser Schmierenkomödie beitrug; na ja, er wollte eben nur mal seine Meinung sagen, weil seine Zigarre gerade kalt war. Sein Schuss an die Latte geriet zu einem schwachen Abpraller in die Leere des Raumes und endete selbstredend mit dem unvermeintlichen Tirädchen: „Ich habe überhaupt nichts gegen Homosexuelle.“

Vorher wütete der grobe Onkel aus Gelsenkirchen so aufgeregt herum, als wolle er Rosa von Praunheim mit Alice Schwarzer kreuzen: „Das ist wirklich keine schöne Geschichte“, begann seine erstklassige Analyse dieser hinterfotzigen Geschichte. „es wird nur Verlierer geben. Aber als ich noch in Bremen war, hörte ich, dass unser Masseur schwul ist. Ich bin zu ihm gegangen und habe gesagt: Junge, tu mir einen Gefallen, such dir einen neuen Job.“

Noch schlimmer, wenn es sich um Spieler handelt. Geht doch gar nicht, bei uns harten Kerlen. Hat nicht schon Otto Waalkes gemunkelt, Beckenbauer werde von hinten gedeckt? Und Sebastian Kehl hatten wir ja hier an anderer Stelle auch schon mal: „ Es ist ein gutes Gefühl, den Olli hinten drin zu haben.“ Immer wieder schön! Also sprach Stumpen-Rudi weiter: „Wenn die sich outen, werden die plattgemacht. Von ihren Mitspielern und den Leuten im Stadion. Diese Hetzjagd sollte man ihnen ersparen.“ Mich erinnert das alles ein wenig an Rudis Werbespot mit der Thomalla, in dem er einer drallen Blondine notgeil auf den Hintern glotzt und seine weitaus bessere Hälfte ihm  „Nur gucken, nicht anfassen“ in seinen Tabakqualm haucht. Und als dann das Bier kommt und sie danach greift, als wären für sie Hopfen und Balz verloren, er ihr süffisant das Gleiche siehe oben sagt. Was haben wir gelacht.

Das Schwulsein im Fußball ist allerdings gar nicht lustig. Da hat Stumpen-Rudi völlig recht. Der letzte Spieler, der sich öffentlich dazu bekannte, hat es nicht überlebt. Er hieß Justin Fashanu, outete sich vor zwanzig Jahren in England und verkehrte in Nottinghams Szene, als ob es kein Aids und kein Morgen gäbe. Oder andersrum. Sein Trainer brüllte ihn vor versammelter Mannschaft mit „verdammte Schwuchtel“ an; als Justin seinem Coach ankündigte, seinen Partner zu heiraten, soll der nur gefragt haben: „Wo gehst du Fleisch kaufen?“ „Beim Metzger!“ „Wo gehst du Brot kaufen?“ „Beim Bäcker!“, und sein unpromiskuitiver Rudelführer angewidert erwiderte: „Was willst du dann in diesen Scheißklubs?“

Irgendwann beging Justin den folgenschweren Fehler, sich für angeblich 80 000 Pfund dem Schmierblatt Sun anzuvertrauen. „I am gay!“ titelte es, danach hatte er auf dem Spielfeld keine ruhige Minuten mehr.  Fußball gleich harter Sport gleich harte Männer. Dazwischen läuft gar nichts, schon gar nicht Detlev mit Handtäschchen. Jeder zehnte Mann soll schwul sein, nur im Fußball nicht. Für Justin Fashanu endete seine gekaufte Ehrlichkeit dramatisch: Er siedelte in die USA über und wurde dort von einem 17 Jahre alten Jungen beschuldigt, ihn betrunken vergewaltigt zu haben. Justin wurde anschließend von der Presse gehetzt, tauchte unter und entkam nach England. Als er hörte, dass man ihn mit Haftbefehl suchen würde, erhängte er sich in einer Garage. In seinem Abschiedsbrief stand: „Bevor ich meinen Freunden weiteres Unglück zufüge, will ich lieber sterben.“ Sein Tod hat jedoch weniger als nichts bewirkt. Heute alles so wie damals, alles noch versteckter.

Um bloss niemals in den Verdacht zu kommen, vom anderen Ufer zu sein, halten sich schwule Kicker aus nackter Angst lieber mit Lügen über Wasser. Und gehen dabei kaputt, sagt die Kulturwissenschaftlerin Tatjana Eggeling. Sie befasst sich seit sechs Jahren mit dem heißen Thema, berät Spieler aus der Bundesliga und weiß von deren unmenschlichen Leidensdruck. Stets den starken Mann markieren! Sie steigen härter in die Zweikämpfe ein, ihre Spielerfrauen auf der Tribüne sind bezahlte Hostessen, und seit der F-Jugend haben sie gelernt, ihre wahren Gefühle zu unterdrücken. Wenn es rauskommt, geht ihr Marktwert gegen null. „Sie bemühen sich den ganzen Tag, heterosexuell zu wirken“, sagt Tatjana Eggeling. Da muss erst eine Frau kommen, um das zu erklären.

Ich hoffe, Fußball bleibt trotzdem Männersache. Wenn ich da nur an das bis zur Schmerzgrenze bemühte Sommermärchen von 2006 denke, das sportlich sicher keines war, nur weil man Costa Rica, Ecuador, Polen und Schweden schlug, aber nach einem großen Spiel gegen Argentinien von Italien vom Platz gejagt wurde, graust es mich noch heute. Sicher, es war warm. Aber schöner Fußball? Mit  alkoholisierten Frauen in Kneipen plötzlich über Abseits diskutieren zu müssen, die sich sonst höchstens für die neuen Highheels von Frau Beckham interessierten? Widerlich! Und überhaupt, für alle Männer, die gern unter sich bleiben: Man muss ja Jogi Löw nicht gleich als „Schwabentucke“ bezeichnen, wie es einem Radiosender entfuhr. Nur weil der im Umgang mit den harten Kerlen auch mal ein paar weiche Seiten zeigt. Ein Leser von „11 Freunde“, dieses maßlos überschätzten Fußballmagazins, bringt es auf den Punkt: „Ist doch so: Ob irgendwelche Weiber auf die Höhen gemischtgeschlechtlichen Lustgewinns verzichten wollen, oder sich ein schwuchteliger Mittelstürmer vom Vorstopper einen blasen lässt, interessiert sportlich gesehen keine Sau.“ Und ein anderer rät: „Einfach Klappe  halten, gut kicken und der Fan ist zufrieden. Auf homoerotisches Rum-Outen oder tuntige Selbstbezichtigungen kann ich gut verzichten.“ Siehste, Stumpen-Rudi, so geht das.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

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Schwabentucke

Montag, 22-03-10 23:17

Ist MAGDA jetzt eine Werbeveranstaltung für Plasberg? Der fasst das heisse Thema "Schwule Kicker" am nächsten Mittwoch auch in "Hart oder Fair" an. Vielleicht kommt ja auch Stumpen-Rudi, wenn die Zigarre kalt wird. Weiter so. Gute Texte!

 

Horst Horstmann

Mittwoch, 31-03-10 22:50

Also gute Texte ja, aber muss es denn immer so ... sein? "...11 Freunde, dieses maßlos überschätzte(n) Fußballmagazin(s)..." Wer überschätzt denn 11 Freunde? Der Autor? Schon mal Kicker gelesen? Dagegen ist 11Freunde Hochkultur. Ich bin jedenfalls begeistert. Und hab's gerade abonniert. Sorry 'bout that guys! Ansonsten weitermachen. Gott zum Gruße.

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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