Ja wo sind sie denn?
Meine Leute sind unsichtbar, aber nicht alle
Wenn die Kamera die leeren Stühle im Reichstag erfasst, frage ich mich, wo sie wieder sind, meine Leute. Ich habe Verständnis für sie. Warum sollen sie dort sitzen, und sich abgelesene Statements anhören, deren Inhalt sie ohnehin kennen, wenn sie in der Zeit viel Wichtigeres erledigen können. Bergsteigen zum Beispiel, auf der Schuldenpyramide. Weil die sehr hoch ist, wird man sie da oben kaum noch wahrnehmen. Oder sie sind in eins der Milliardenlöcher gefallen, die sich unvermutet vor ihnen auftaten. Vielleicht arbeiten sie auch gerade mit Hochdruck an einer weiteren Steuersenkung. Oder sie geben Interviews. Das tun sie gern, denn viele von ihnen leiden am ADS-Syndrom, dem Aufmerksamkeits-Defizit. Kennt man inzwischen. Wenn keine Kamera oder kein Mikrofon in der Nähe ist, werden sie zappelig. Im Reichstag würde das nur stören. Und sie wissen natürlich: Wenn die Kamera einmal kurz über die Sitzreihen schwenkt, ist der Einzelne ja kaum zu sehen. Was tun? Dafür haben wir die Talkshows, und die vielen bunten Blätter. Da kommen meine Leute ganz groß raus. Und dann gibt es die Kandidaten, denen es gelingt, in die Nachrichten zu kommen, einige sehe ich fast jeden Abend. Sie stehen im Licht und geben Statements ab, deren Inhalt ich auch schon vorher kenne. Reden viel, sagen nichts. Sie arbeiten, und ich schalte ab.



