Hoffnung für die Liberalen
Am Rande des Abgrunds offenbart sich eine Lichtgestalt
Mag sein, dass die Mehrheit der Wähler und die Mehrheit der Nichtwähler den Niedergang der Liberalen begrüßt, verursacht haben sie ihn nicht. Das machen die Liberalen selbst. Mich erstaunt die Unfähigkeit der Traditionspartei, fähiges Personal zu finden. Ich habe den Verdacht, dass sie nicht einmal danach sucht. Seit vielen Jahren ertragen die Liberalen an ihrer Spitze einen leicht entflammbaren Unsympath, einen Endlos-Wahlkämpfer, der rhetorisch messerscharf die falschen Themen anschneidet und seine Partei selbstherrlich – als gehöre sie ihm allein – aus der Kurve trägt.
Der Geist der Liberalen ist entwichen, wie die Luft aus dem Reifen, mit dem die FDP gerade gegen die Wand fährt. Die Partei Friedrich Naumanns und Karl-Hermann Flachs, die Partei, die einmal für Bürgerrechte und die Freiheit des Denkens stand, die mit Walter Scheel die Öffnung nach Osten wagte, die Willy Brandt allein nie geschafft hätte, die Partei, die mit Hildegard Hamm-Brücher Bildungspolitik zum Thema machte, als andere noch gar nicht wussten, was das ist, die Partei, die Lord Dahrendorf ins britische Oberhaus entsandte und mit Gerhart Baum Deutschlands ersten Umweltminister stellte, auch wenn er dieses Amt als Innenminister wahrnahm.
Diese Partei hat bis heute nicht verwunden, dass unter Hans-Dietrich Genscher und Otto Graf Lambsdorff die Wirtschaftsliberalen von ihr Besitz ergriffen. Sie hat die Möllemänner ins Rennen geschickt, hat allerhand handfeste Skandale an sich abtropfen lassen, hat Helmut Kohl zum Kanzler gemacht und den einen oder anderen Minister gestellt, hat Macht ausgeübt, Macht verloren und wieder erobert.
Und nun ist sie aus der Zeit gefallen. Die Marktradikalen sind out und die Partei hat ein Problem: Guido Westerwelle. Keiner hat ihn richtig lieb. Was ist das für ein Außenminister, den man nur noch mit griffbereiter Fernbedienung erträgt, weil man abschalten möchte, sobald er im Fernsehen die Stimme erhebt?
Die FDP braucht einen Neuanfang.
Kommt er aus der zweiten Reihe?
Ist das Niebelchen schon so weit?
Birgit Homburger gar? (Auch ein Fall für die Fernbedienung, aber ganz schnell!)
Schafft es der smarte Christian Lindner?
Überraschend ist am Horizont eine Lichtgestalt aufgetaucht, die alles, was den Geist des Liberalismus ausmacht, in sich vereint, die den Freiheitsgedanken leuchten lässt. Plötzlich ist er da, der klassische Liberale. Die Leute hören ihm zu und Charisma hat er auch: Joachim Gauck.
Was für eine Chance.
Die FDP könnte ihren besten Mann zum Bundespräsidenten wählen.



