Heute: Eine runde Sache

Po klingt gut, ist aber, wider Erwarten, nicht geruchsfrei

Copyright: St. Annenkriche, Annaberg-Buchholz

Kleidsam und gar nicht anstößig: Bergleute mit Arschleder auf dem Annaberger Bergaltar von Hans Hesse, 1522 (Foto: St. Annenkriche, Annaberg-Buchholz)


„Komm mir ja nicht wieder mit dem Lateinischen“, sagt sie, „wir reden hier Deutsch, und ich will einfach nicht, dass du so ordinär daherredest, schon gar nicht, wenn es um mich geht. Kapiert?“

„Kapiert und versprochen“, sagt er, schlechten Gewissens, weil er voraussieht, dass er das Versprechen bald brechen wird. „Aber lass dir doch noch einmal, in aller Ruhe, erklären, dass dein Wort viel schlimmer ist als meines. Meines ist eine geradezu anmutige Metapher.“

„Dafür brauchen wir aber keine Metapher, du neunmalkluger A…“

„Siehst du, jetzt hast du es selbst verwendet.“

„Nein, ich habe nur A gesagt…“

„Gerade noch die Kurve gekratzt.“

„… und wenn ich es ausgesprochen hätte, dann…, dann wäre es in diesem Fall, hmm, ja nicht die, hmmm, die Sache selbst gewesen, sondern eine Metapher.“

„Verzeih mir, dass ich lache. Die Diskussion dreht sich im Kreis, und im Übrigen wirst du dich noch grämen, wenn ich deinen…, nein, ich sage es jetzt nicht, wenn ich ihn mal nicht mehr bewundere.“

So oder so ähnlich laufen die Diskussionen zwischen Angehörigen der A-Fraktion (meist maskulin) und der P-Fraktion (feminin).

In  gewisser Weise hat sie ja auch Recht. Das Wort Po ist seit vielleicht drei Jahrhunderten so gut wie comme il faut, das A-Wort jedoch, das sie ihm, als Metapher, an den Kopf werfen darf, er aber, im Bemühen, die feine Rundung unterhalb ihrer Taille zu würdigen, meiden muss, ist irgendwie abgesunken und vulgär geworden, wiewohl bestimmt eine knappe Mehrheit der deutsch sprechenden Menschheit es für jene Vokabel hält, die diesem Teil des Körpers, rein lautlich, am besten entspricht.

Kreuzbrave Leut, kreuzbraves Wort

Die einzige Anwendung, bei der die fünf Buchstaben nicht als ordinär angesehen, sondern als fachsprachlich in Kauf genommen werden, findet sich in dem Wort Arschleder, das mitnichten die Gesäßhaut meint, sondern die Unterlage, auf denen die Bergleute einst in die Tiefe rutschten. Es ist bis heute Teil ihrer Arbeitskleidung, selbstverständlich der Paradetracht der Bermannskapellen, die bei festlichen Anlässen unweigerlich das „Steigerlied“ intonieren, die Zunfthymne der Kumpel, nebenher ein Pflichtlied der Sozialdemokraten im Ruhrgebiet. Es enthält die gern gesungene Strophe: Die Bergmannsleut sein kreuzbrave Leut, /denn sie tragen das Leder vor dem Arsch bei der Nacht, /denn sie tragen das Leder vor dem Arsch bei der Nacht/ und saufen Schnaps…

Wir rutschen jetzt, meinethalben auf Po-Pergament, rüber ins Chinesische, ein Idiom, in dem wir für die oben zitierte Gesprächspartnerin untragbare Verhältnisse vorfinden werden, bleiben aber noch kurz im Revier. Auf dem renommierten Landesspracheninstitut in der einstigen Bergbaustadt Bochum brachte eine zierliche, charmante Chinesin ohne eine Miene zu verziehen ihren teils erheiterten, teil betretenen Schülern, zu denen auch ich zählte, bei, dass „Unsinn reden“ von  ihren Landsleuten gerne mit  „shuo pi“  ausgedrückt werde, was wörtlich „Furz sprechen“ heiße.

Anrüchig oder nicht?

So etwas lässt einem gewissenhaften Schüler natürlich keine Ruhe, er greift sich ein Wörterbuch, um sein Wissen abzurunden, und findet im Gefolge des Stichworts pi den Eintrag pigu samt etlichen Redewendungen: da pigu zum Beispiel heißt den Hintern versohlen. Pi, haben wir gelernt, heißt Furz, jetzt schlagen wir bei gu nach und finden dort das (mit dem Schinken verwandte) Wort Schenkel. Das Sitzfleisch wird auf Chinesisch somit als Furzschenkel apostrophiert, was uns einerseits zutreffend, andererseits reichlich unverblümt vorkommt.

Da  sind Europas Sprachen denn doch etwas dezenter, oder? Wir quälen uns durch zur Etymologie des verpönten A-Worts und sehen uns bestätigt: Der indoeuropäische Urahn, des A-Worts,  orso-s,  bedeutete nichts als „Hinterer“ und wurde im Alt- und Mittelhochdeutschen, als Ars, gern für den wippenden Sterz gewisser Vögel verwendet. Das Wort könnte somit, wie von gewissen A-Anhängern behauptet, ein fast schon verhüllendes Ausweichwort, eine geradezu humorvolle, schönsprecherische Metapher sein. Jedenfalls, stellen wir fest, ist es von Hause aus kein bisschen anrüchig.

Wortklaubereien, wettert die P-Fraktion. Wenn es um den Po geht, geht ihren Vertreterinnen nämlich das Alt- und das Mittelhochdeutsche, grob gesprochen, am …

Nur der Vollständigkeit halber ergründen wir rasch noch den Ursprung des erlaubten Wortes Po, reduplizierend (silbenverdoppelnd, in diesem Fall  kindersprachlich wie Mama oder Papa oder Pipi) auch Popo genannt.  Wir gelangen zu dem lateinischen Wort podex, und das, so klären uns die Etymologen auf, steht im Ablaut zum Verb pedere, was, mit Verlaub, soviel heißt wie pupsen. Podex heißt wortwörtlich Furzer. Damit  sind wir den Chinesen auf Riechweite nahe gekommen. Der Unterschied ist nur, dass sie den Zusammenhang immer im Ohr und, über ihre Schriftzeichen, auch im Auge haben, die Nase lassen wir jetzt mal beiseite.

Im eingangs skizzierten Streit ist, wie angedeutet, mit solchen Argumenten nichts zu gewinnen, auch nicht mit dem Hinweis, dass sich meine weiß Gott hochanständige Oma, wenn auch nur im Kreis der Familie, gegen Arbeitsüberlastung mit den Worten wehrte: Kinder, mer kann doch net mit eim Arsch auf zwei Kirchweihn tanzen. Ich sage, die Frau verstand sich auszudrücken, beuge mich aber, bis zum nächsten Fauxpas, dem Willen der P-Partei und beherzige den Rat des notorischen A-Sagers Goethe: Musst all die garstigen Wörter lindern,/ aus Scheißkerl Schurk, aus Arsch mach Hintern.



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Dietrich Albrecht

Mittwoch, 24-02-10 20:38

Auch dies ist wieder eine runde Sache. Danke! D.

 
 

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