Heute: Glaubensfragen...

...bleiben ungelöst, believe me

Meinen letzten Weihnachtsgottesdienst habe ich am späten Abend des 24. Dezember 2006 in der Pekinger Südkathedrale der katholischen Kirche an der Seite meines kolumbianischen Freundes Ricardo erlebt, drei Stunden stehend, umringt von chinesischen Katholiken, die wunderbare chinesische Weihnachtslieder sangen, unter anderem

平安夜,圣善夜.
万暗中,光华射,
照着圣母也照着圣

Píng'ān yè, Shèngshàn yè! Wàn ànzhōng, Guānghuá shè, Zhàozhe shèngmǔ yě zhàozhe shèng yīng…

Ricardo und ich sangen mit, er auf Spanisch: Noche de paz, noche de amor, ich auf Deutsch: Stille Nacht, heilige Nacht.

Liebe Gemeinde, zu Weihnachten gibt es immer mehr Gläubige als im Rest des Kirchenjahres – was wir nicht zu erklären und noch weniger zu kritisieren brauchen. Klügere Pastoren nehmen es erfreut, kleinliche Pastoren nehmen es erbost hin, aber hinnehmen müssen es auch die kleinlichen.

Wir reden heute über Glauben und glauben, allerdings nicht darüber, wie sich Glaube in unseren Herzen, von den Köpfen ganz zu schweigen, verankern kann oder wie wir es schaffen könnten zu glauben. Ich habe das, obwohl ergriffen, auch in der überfüllten Pekinger Kathedrale nicht geschafft, während mein Freund Ricardo, viel weniger ergriffen als ich, ganz selbstverständlich glaubte und glaubt.

Hier geht es nur um einen Hinweis darauf, wie wir an das Wort glauben gekommen sind. Die Geschichte ist ganz interessant, wenn auch nicht so schön wie die Weihnachtsgeschichte und nicht so lang wie eine Weihnachtspredigt.

Beginnen wir mit dem ersten Buchstaben und registrieren, dass das G von Glauben (wie in Glück oder gleich) eine Schrumpfform der Vorsilbe ge- ist, die im Germanischen noch etwas kräftiger lautete, nämlich ga-. Das von den Indogermanisten  rekonstruierte Verb ga-laubjan bedeutete „für lieb halten“ oder „gutheißen“. Und siehe, wir entdecken eine Verwandtschaft mit dem lieben Wort Lob und dem noch lieberen Wort lieben – eine, versteht sich, fruchtbare Wortsippe.

Der Etymologie-Duden formuliert aufs Liebenswürdigste: „Schon bei den heidnischen Germanen bezog sich `glauben‘ auf das freundschaftliche Verhältnis eines Menschen zur Gottheit.“ Glauben ist somit, neben Gott,  eines der gar nicht so zahlreichen religionsbezogenen Wörter, die sich die christianisierten Germanen nicht aus dem Griechischen oder dem Lateinischen geborgt haben wie Kreuz, Kirche, Altar, Engel, Bischof, Priester, Pastor, Mönch oder Nonne (so deutsch sie auch klingen mögen). Das englische Verb to believe ist, mit geänderter Vorsilbe, natürlich auch ein Verwandter.

Glauben heißt nicht wissen, es bedeutet mehr und weniger als wissen (aber was heißt schon wissen? Nach seiner Herkunft nicht mehr als „gesehen haben“). Wenn wir sagen: Ich glaube, der erlebt bei der Wahl im Ländle eine krachende Pleite, dann ist es eine Vermutung,  bestenfalls an educated guess, wie unsere britischen Freunde feinsinnig formulieren. Wenn wir sagen: Ich glaube ihren/seinen Liebesschwüren, dann ist es eine, sagen wir mal, Überzeugung. Wenn mir jemand  sagt: Ich glaube, du könntest jetzt mal den Heimweg antreten, ist es ein Rauswurf. Dem kann ich, sofern ich glaube, also annehme, nicht willkommen zu sein, zuvorkommen, indem ich sage: Ich glaube, ich sollte jetzt besser gehen. Mach‘ ich, aber das letzte Wort geben wir Anselm von Canterbury, der uns aus unseren Zweifeln mit den Worten herausreißen wollte: Ich glaube, damit ich erkenne.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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