Heute: Neujahrswünsche

Das Jahr, das eben anfängt, ist in einem Jahr vorbei

„Gib den Regierungen ein besseres Deutsch und den Deutschen bessere Regierungen“ – kein schlechter Wunsch für 2012.  Er wurde 1864 in der „Bergischen Volkszeitung“ notiert.

Die Herkunft des Wortes Jahr ist, wie bei so manchem wichtigen Wort, nicht geklärt. Damit müssen wir uns abfinden, denn Schrift- oder Tonaufzeichnungen aus dem von bewundernswert geduldigen Gelehrten rekonstruierten Indogermanischen – wir haben sie nicht, wie denn auch? Immerhin können wir getrost annehmen, dass Jahr mir altgriechisch hora, Jahr, Jahreszeit, Tageszeit, Stunde verwandt ist. Das Horoskop gehört hierher, auch die Uhr.

Kühne Etymologen vermuten, dass die (vermutete) indogermanische Wurzel ei- der Ururahn von Jahr sei. Sie spekulieren, dass ei- in etwa gehen oder eilen bedeutete, und dann wäre das Jahr, althochdeutsch jar, gotisch jer, englisch year ursprünglich eine Bezeichnung für Gang, am besten für den Gang der Sonne. Das ist klug, und ich bin mir ziemlich sicher, dass es mir, hätte ich vor ein paar tausend Jahren gelebt, nicht eingefallen wäre. Allerdings gab es damals zwar Feuer, aber keine Feuerwerke, die einen, kraft Knall, vom Nachdenken abgehalten hätten.

Statt also selber groß nachzudenken, erlaube ich mir, zwei Texte zum Thema neues Jahr wiederzugeben. Den einen kenne und schätze ich seit Jahren, den anderen hat mir zum Jahreswechsel ein guter und weiser Freund übermittelt. Er stand 1864 in der „Bergischen Volkszeitung“:

Das neue Jahr sei ein Jahr des Lichtes und der Liebe und des Schaffens.

Bringe den Menschen die Krone des Lebens,

und  lasse die Kronen dieses Lebens menschlich sein.

Setze dem Überfluss Grenzen

und lasse die Grenzen überflüssig werden.

Gib allem Glauben seine Freiheit

und mache die Freiheit zum Glauben aller.

Nimm den Ehefrauen das letzte Wort

und erinnere die Ehemänner dagegen an ihr erstes.

Lass die Leute kein falsches Geld machen

aber auch das Geld keine falschen Leute.

Gib den Regierungen ein besseres Deutsch

und den Deutschen bessere Regierungen.

Schenke unseren Freunden mehr Wahrheit

und der Wahrheit mehr Freunde.

Gib den Gutgesinnten eine gute Gesinnung.

Lass die Wissenschaft Wissen schaffen

Und lasse die, die rechtschaffen sind, auch Recht schaffen.

Gib unserem Verstand Herz und unserem Herzen Verstand,

auf dass unsere Seele schon hier selig werd‘.

Sorge dafür, dass wir alle in den Himmel kommen

  – aber noch lange nicht.

Nehmen wir die zwei Zeilen über Ehefrauen und Ehemänner mal aus, so können wir den Rest dieses Appells gern mitsprechen und dem Autor neben Sprachgefühl , einem wachen Sinn für die politische Situation und Skepsis gegenüber Kleriker-Versprechen auch einen gewissen Witz bescheinigen. 1864 war das Jahr, in dem Ferdinand Lassalle bei einem Duell starb. Es ging um Liebe. Im Jahr zuvor hatte Lassalle den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV), die Keimzelle der SPD, gegründet. Am 15.  Dezember 1864 erschien erstmals die ADAV-Zeitung  „Social-Demokrat“.

Der andere  Neujahrstext, „L’anno che verrà“, stammt vom italienischen Cantautore Lucio Dalla, geschrieben und gesungen 1978,  in den bleiernen Jahren. Aus Bewunderung für Dalla habe ich mir seine Zeilen, die wieder alarmierend aktuell klingen, übersetzt, nicht immer ganz genau und nicht annähernd so beiläufig schön wie das lustig traurige Original, das sich hier nachlesen lässt. Auszüge:


(...)

Im Fernsehen haben sie gesagt, dass das neue Jahr

Zum Jahr des Wandels wird,

Ein Jubeljahr, wie noch keines war.

Dreimal pro Jahr Weihnachten und jeden Tag ein Fest.

Ein Jahr, das alle Leiden heilt

Und die Singvögel zurückkehren lässt.

(…)

Und alle dürfen sich lieben, wie es ihnen gefällt,

sogar die Priester dürfen sich paaren

(wenn der Bischof sie für alt genug hält).

Und ohne dass es groß  auffällt, ist jemand im Untergrund,

kann sein, es ist ein besonders Schlauer

oder ein ganz verrückter Hund.

(…)

Das Jahr, das eben anfängt, ist in einem Jahr vorbei.

Das ist die ganze Nachricht. Ich grüße dich. Verzeih.
 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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