Heute: Pleite

Nein, nein, dieses Wort haben wir nicht von den Griechen

In einem meiner früheren Leben war ich mal Nachrichtenredakteur. Damals hätte ich mich nie getraut, Pleite statt Insolvenz oder Zahlungsunfähigkeit zu schreiben. Pleite, das war Jargon, Umgangssprache, also igitt. Auch Bankrott galt, wenn ich mich recht erinnere, nicht als nachrichtensprachlich.  Wenn man so ein Wort schon mal in die Nachrichten schmuggeln wollte, musste man zitieren. Beispiel: Wörtlich sagte ein Gewerkschaftssprecher: Die GmbH ist pleite.

Es gab aber, in der Reihe der sesselpupenden Vizechefs unter den Nachrichtenredakteuren, einige besonders gelehrige, die einem auch das noch herausredigierten. Der Sprecher musste dann verlesen: Nach Meinung eines Gewerkschaftssprechers sei die GmbH zahlungsunfähig. Das ist ein paar Jahrzehnte her, und wenn wir eines Beweises bedürften, dass Sprachen wandlungsfähig und Nachrichtenredakteure in Maßen lernfähig sind, brauchen wir nur das Radio einzuschalten. Im letzten Satz der Meldung, die mit „Athen“ beginnt, hören wir die vom Nachrichtenredakteur inzwischen blind getastete Formulierung, Griechenland gehe pleite, wenn die EU nicht noch mal ein hundert plus x Milliarden Euro nachschieße.

Pleite ist sag-, send-, schreibbar geworden, als  Substantiv wie als Adjektiv.

Ist Pleite etwa ein griechisches Wort? Weit gefehlt.

Kommt es vielleicht aus dem Lateinischen? Nein.

Ist Pleite ein deutsches Wort? Natürlich ist es ein deutsches Wort, so deutsch wie Kasse oder Konto, wie cool, Event oder Show. Deutsch ist, was die Leute sprechen. Deutsch hieß, wie alle wissen, früher mal: was das Volk spricht. Und das Volk sagt Pleite.

Aber woher kommt es? Lieber Himmel, was wären wir froh, wenn wir die Herkunft mancher schlichter deutscher Wörter so genau  zurückverfolgen könnten. Pleite kommt aus der Sprache, der wir so geläufige Wörter wie Amen, ausgekocht, Bammel, betucht, blau (für betrunken), dufte, Hals- und Beinbruch, Hallelujah, Kaff, Kassiber, Stuss, Tohuwabohu, Zoff und viele andere verdanken. Besonderen Dank sollten wir erstatten für das Wort Techtelmechtel, viel schöner kann man’s nicht ausdrücken.

Das 33-bändige Grimmsche Wörterbuch der deutschen Sprache, die Bibel aller deutschen Wortgucker, sagt im Band 13, N – Quurren, 1889 erstmals ediert, zum Wort Pleite nicht viel, nämlich gar nichts. Wir lernen, dass pleistern so viel heißt wie mit Gips überziehen und das Verb pleiten eine niederdeutsche Form von plädieren ist. Wer dazwischen das Wort Pleite sucht, erlebt sie.

Zum Glück hilft das wackere Herkunftswörterbuch des Dudens, das der Pleite zwischen den Stichwörtern Plebs und plempern 16 Zeilen widmet. Wir lernen, hallelujah, dass das Wort über das Jiddische aus dem Hebräischen zu uns gekommen ist. Hebräisch peleta bedeutet Flucht und Rettung, jiddisch pleto Flucht, Entrinnen und – Bankrott. Die „Bedeutungsentwicklung“, sagt uns der Duden, „geht wohl davon aus, dass sich der zahlungsunfähige Schuldner vor seinen Gläubigern nur durch ‚Flucht‘ retten konnte“. Ich füge dreist hinzu, dass man sich heutzutage öfter mal durch Flucht in die Pleite zu retten, ja zu sanieren vermag, aber das sind nur so Vermutungen.

Bleibt, soviel Zeit muss sein, der so gut wie synonyme Bankrott, der – man kann förmlich daran fühlen – aus dem Italienischen auf uns gekommen ist, wie so viele Wörter aus der Sprache des Geldes. Da waren uns die Welschen lange Zeit weit voraus. Die schon erwähnten Wörter Kasse und Konto und viele mehr, etwa Agio oder Disagio, zeugen davon.

Aber weil ja kaum etwas wirklich einfach ist, müssen wir hinzufügen, dass sich die Italiener das durch und durch germanische Wort Bank vorzeiten zinsfrei von uns geliehen haben – in der Bedeutung des Sitzmöbels. Dann wurde banco auch zur Bezeichnung des länglichen Tisches, auf dem Geldgeschäfte abgewickelt wurden, und in diesem Sinne haben wir das Wort reimportiert.

Platzten die Geschäfte, dann war der Tisch – in der bildhaften Ausdrucksweise, die unsere italienischen Vorbilder auszeichnet – zerbrochen: banco rotto.


 


Mit ... teilen: 



Artikel empfehlen
Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


NEU

Streit
12.10.2016

Leidenschaften
11.01.2017
Der Volltreffer von Eppendorf
Liebeserklärung an eine Kneipe
Von Michael Schophaus (Text) und Frank Dietz (Fotos)

Die Reportage
06.08.2014

Die Stadt und ich
01.03.2014

Wiese und Weltall
12.12.2014

Bel Etage
14.04.2015

KrossMedia
12.01.2015