Heute: Weil...

... noch das Lämpchen glüht

Versuchshalber geben wir uns, was im richtigen Leben schwer fiele, mal als englische Muttersprachler aus und sehen im großartigen German Dictionary von Collins nach, was eigentlich das deutsche Wort weil bedeutet. Wir sind Schüler in einem Grundkurs Deutsch, und die Mehrheit unter uns vertritt die Meinung, weil sei (wir sind ja Engländer) eine verstümmelte Form des englischen Worts while. Eine Minderheit empfiehlt, im Collins nachzusehen. Und siehe: weil bedeutet nicht while, sondern (die spinnen, die Deutschen) einzig und allein because. Collins, an vielen anderen Stellen ein ergiebiges Wörterbuch, ist da ungewöhnlich kurz angebunden. Es gibt keinen Hinweis zur Anwendung, obwohl das Wort weil für englische Sprachschüler ziemlich anstrengend ist.

Wir üben Sätze mit dem Wort weil, und einer sagt: „Ich bleiben hier, weil ich lieben dir.“ Unser Deutschlehrer, der in Oxford, Bonn und Heidelberg Germanistik studiert hat, hebt die Augen auf zum Himmel, geht auf die Konjugationsfehler gar nicht erst ein, sondern steuert gleich auf ein Phänomen zu, das Grammatiker als Inversion (Umkehrung) bezeichnen: Nach der Konjunktion weil müssen wir die Wortfolge umdrehen (erste Prädikat, dann Subjekt!) und statt „ich liebe dich“ sagen: „...ich dich liebe“. Der korrekte Satz müsste somit lauten: „Ich bleibe, weil ich dich liebe.“


Zwei von uns zwölf britischen  Grundkurs-Teilnehmern beschließen auf der Stelle, sich bei Deutschland-Besuchen mit Englisch durchzuschlagen, sechs Schlaue vertrauen darauf, dass auch gebrochenes Deutsch seinen Charme haben könnte. Vier hoffen, dass sie das schon schaffen werden, mit Studien in Heidelberg oder Würzburg, in Bonn oder im Bett.

Als Deutschsprachler empfehlen wir den Ausländern die Ersatzvokabel denn, denn die macht weniger Zicken. „Ich bleibe, denn ich liebe dich.“ Aber wir bleiben bei weil und fragen, ob weil was mit der Weile zu tun hat, und wenn, was.

Gut Ding will Weile haben, aber weil wir Eile haben, gehen wir ganz langsam vor und erinnern zunächst an Johann Martin Usteri, der 1763 in Zürich zur Welt kam und, als er sehr gut schreiben konnte, hauptsächlich auf Schwyzerdütsch schrieb. In seinem 31. Lebensjahr allerdings verfasste er einen fabelhaften „Rundgesang“ auf Hochdeutsch.

Kaum jemand kennt Usteri, aber fast alle kennen zwei bis vier Zeilen aus seinem Lied:

Freut Euch des Lebens,
Weil noch das Lämpchen glüht;
Pflücket die Rose,
Eh' sie verblüht!

So mancher schafft sich Sorg' und Müh,
Sucht Dornen auf, und findet sie,
Und läßt das Veilchen unbemerkt,
Das ihm am Wege blüht.


Freut Euch des Lebens,

Weil noch das Lämpchen glüht;

Wenn scheu die Schöpfung sich verhüllt,
Und lauter Donner ob uns brüllt,
So scheint am Abend, nach dem Sturm
Die Sonne, ach! so schön!

Freut Euch des Lebens,

Weil noch das Lämpchen glüht...

Wer Neid und Mißgunst sorgsam flieht,
Genügsamkeit im Gärtchen zieht,
Dem schießt sie bald zum Bäumchen auf,
Das goldne Früchte bringt.

Freut Euch des Lebens,

Weil noch das Lämpchen glüht...

 Wer Redlichkeit und Treue übt
Und gern dem ärmern Bruder giebt,
Da siedelt sich Zufriedenheit
So gerne bei ihm an.

Freut Euch des Leben,

Weil noch das Lämpchen glüht...

Und wenn der Pfad sich furchtbar engt,
Und Mißgeschick uns plagt und drängt,
So reicht die holde Freundschaft stets
Dem Redlichen die Hand.

Freut Euch des Lebens,

Weil noch das Lämpchen glüht...

Sie trocknet ihm die Thränen ab,
Und streut ihm Blumen bis in's Grab;
Sie wandelt Nacht in Dämmerung,
Und Dämmerung in Licht.

Freut Euch des Lebens,

Weil noch das Lämpchen glüht...

Sie ist des Lebens schönstes Band,
Schlagt, Brüder, traulich Hand in Hand,
So wallt man froh, so wallt man leicht,
In's beßre Vaterland.

Freut Euch des Lebens,
Weil noch das Lämpchen glüht,
Pflücket die Rose,
Eh' sie verblüht!

 

Zugegeben, die Verse sind nicht allesamt erste Schweizer Sahne, aber der Refrain ist ein Hit. Dazu hat, Ehre wem Ehre gebühret, der Komponist beigetragen, der Chorpionier und Musikverleger Hans Georg Nägeli aus Wetzikon, der Anfang des 19. Jahrhunderts als erster den Mut hatte, die Noten von Johann Sebastian Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ zu drucken.

Worauf es uns ankommt, sind die Zeilen

Freut Euch des Lebens,
Weil noch das Lämpchen glüht

219 Jahre ist es her, dass der redliche Johann Martin Usteri dies schrieb. Wir kennen sie alle, wir mögen sie, beinahe, alle, und wir missverstehen sie alle. was aber ihre Schönheit und unsere Freude daran nicht mindert.

Weil  bedeutete damals vor allem „solange“ oder „während“ und war gleichbedeutend mit dem englischen while, das die Angeln und Sachsen aus deutschen Landen mit nach England nahmen und, praktisch, wie sie waren und sind, in Laut und Bedeutung einfach weiterbenutzten.

Wir nehmen zur Kenntnis, dass weil und die Weile aus demselben Stall stammen, und wenn wir das Wort (ver)weilen  ansehen, kommt es uns nicht mehr seltsam vor, das auch das lateinische quies (Ruhe), ja sogar quitt  (wenn wir quitt  sind, geht’s ungestört, also ruhig zu zwischen uns) dazugehören. Nur eins ist uns nicht klar: Wieso hat sich weil  von der temporalen Bedeutung „während“ in eine kausale Konjunktion verwandelt, die nicht mehr auf die Frage wann, sondern auf die Frage warum antwortet?

„Während ich den Garten umgrabe, werde ich hungrig.“ Oder: „Weil ich umgrabe, bekomme ich Hunger.“

Der Unterschied ist, wir merken es nach kurzem Nachdenken, recht klein, im ersten Fall wird mein Wohlergehen so gut wie automatisch mitbedacht, im zweiten Fall die Zeit und die Anstrengung, die ich beim Umgraben aufgebracht habe.

Beim Umgraben entstehen Furchen. Die Furche, man glaubt’s kaum, ist, nur nebenbei gesagt, wortgeschichtlich verwandt mit Fragen und Forschen – und damit ist jetzt mal eine Ruhe Weil,  naja, eine Weile Ruh. Von Weltiswortwechsel erschienen bisher, wenn ich richtig gezählt habe, 50 Stück. Und wenn wir diesen Beitrag als Dreingabe betrachten, sind wir schlecht und recht quitt.

Mit so einer plumpen Abrechnung will ich dann aber doch nicht Valet sagen. Ich borge mir Verse eines verehrten, tiefsinnig verschlüsselnden Dichters, aus dessen liebenswürdig absurden „Abzählreimen“ ich ein paar Zeilen zitiere. Paul Celan:

Außerdem und Innerdem,
Polikarp und Polyphem,
Russruss, Landam, Erika
Und der ganze Laden da –
Wozu – Weil – Jaweilwozu
Hättenhätten wirdennruh.


 


Mit ... teilen: 



Artikel empfehlen
Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


NEU

Streit
12.10.2016

Leidenschaften
11.01.2017
Der Volltreffer von Eppendorf
Liebeserklärung an eine Kneipe
Von Michael Schophaus (Text) und Frank Dietz (Fotos)

Die Reportage
06.08.2014

Die Stadt und ich
01.03.2014

Wiese und Weltall
12.12.2014

Bel Etage
14.04.2015

KrossMedia
12.01.2015