Heute: Wie wir Wörter ruinieren

Ursache ist unsere bösartig kreative Eitelkeit

Schlicht ist schlecht, das ist schlechterdings wahr, jedenfalls dann, wenn wir uns die Mühe machen nachzusehen, was die beiden Wörter anfänglich bedeutet haben. Sie bedeuteten, kurz gesagt, dasselbe, je nach Landstrich mit i oder mit e, und zwar weder schlecht noch schlicht, sondern glatt und eben.

Ein Schlichter war und ist ein Glattmacher, er ebnet die Unterschiede zwischen zwei streitenden Parteien ein, und am Ende könnte er sagen: „Wir haben den Konflikt bei Zugeständnissen beider Seiten abgebaut, die Kontrahenten können jetzt schlecht und recht damit leben.“  Heißt das, dass sie damit schlecht leben können? Kann schon sein, aber was der sprachlich versierte Schlichter meint, ist etwas anderes: Sie können schlicht und richtig damit leben, also im Großen und Ganzen ganz gut.

Das ist schlechterdings (also schlicht) wahr. Man hört das Wort schlechterdings nur noch selten, und wir müssen gewärtigen, dass es entweder vergessen wird oder eine andere Bedeutung annimmt, etwa im Sinne von leider oder unglücklicherweise. Noch aber hält es seine bedrohte Stellung als Synonym von durchaus oder gut und gern.

Schlichten hätte, wenn das irgendjemandem eingefallen wäre und andere eingestimmt hätten, ziemlich leicht zum Verb für eine Tätigkeit werden können, die wir heute Bügeln nennen. Das Verb bügeln hat (etymologisch) nichts mit Glätten zu tun, es leitet sich von dem gebogenen Griff am Plätteisen ab. (Das ist so eine Abschweifung, die Wortwechsel-Leser erdulden müssen.) Das italienische stirare für bügeln bedeutet, wörtlich, auseinander-, also glatt ziehen.

Warum ist schlecht  (geglättet, faltenfrei, glatt, eben, einfach) zu jener Bedeutung gekommen, die es heute hat? Da ist, scheint uns, eine mitunter recht hübsche (hübsch kommt von höfisch), oft aber leicht abstoßende menschliche Eigenschaft im Spiel, die uns nur dann nicht auffällt, wenn sie uns selber ziert, und das tut sie meistens: die Eitelkeit, die Neigung sich abzuheben, was Besseres zu sein.

Bestes Beispiel Kleidung: Einfache Leute hatten früher, naja, glatte Sachen an, denn zum Gerüschten, Gerafften, Gefältelten, Plissierten, zum  Gestickten, Geklöppelten und Bordürten, in das sich feine Leute hüllten, reichte den Minderbemittelten das Geld nicht. So wurde das Glatte, das Schlichte, Schlechte – aus der Sicht der Eitlen – zum Minderwertigen, es wurde schlicht schlecht. Ähnliches lässt sich auf den Unterschied zwischen einer schlichten Kate oder Etagenwohnung und, sagen wir, einer Spießervilla in Großburgwedel  oder dem Schloss Bellevue zu Berlin anwenden.

Schlicht hat seine Bedeutung etwas besser bewahrt als das einst gleichbedeutende schlecht, aber es wankt. In der Wendung schlicht und ergreifend ist das Adjektiv positiv zu verstehen, da ist das Schlichte nicht minderwertig, sondern irgendwie bewegend. Aber wenn wir sagen: Der Mann denkt etwas schlicht, dann grenzt das schon an einfältig, um nicht zu sagen doof.Wer hat das Wortpaar schlicht und ergreifend geprägt? Da bin ich schlicht  überfragt. Wenn er/sie noch lebt, kann sie/er sich freuen, dass seine/ihre Erfindung so oft verwendet wird. Aber ich fürchte, da kommt auch Ärger auf. Er/sie könnte sich ärgern, dass man ihre/seine feine Formulierung so unbesonnen nachplappert:

Daran ist schlicht und ergreifend der Schiedsrichter schuld (dass der VfB auf eigenem Platz verloren hat).

Du bist schlicht und ergreifend beschissen worden.

Die hat schlicht und ergreifend den falschen Friseur.

Da musst du schlicht und ergreifend mal die Marke wechseln (wenn der Kaffee plötzlich nicht mehr schmeckt).

Ich bin schlicht und ergreifend gestolpert (und habe jetzt einen doppelten Wadenbeinbruch plus Rippenprellung).

Was ist daran ergreifend?

Ich höre die Wendung Tag für Tag, auch im Radio, und nicht nur bei Interview-Opfern, sondern auch aus dem Munde blendend artikulierender und formulierender ModeratorInnen. Gemeint ist stets: schlicht und einfach, so, wie wir es Jahrzehnte lang benutzt haben – zwei Wörter mit annähernd gleicher Bedeutung, die einander verstärken wie frank und frei, gut und schön oder hoch und heilig.

Bei dieser Anmerkung mag ein wenig Nostalgie im Spiel sein. Aber ich nörgle nicht, solange mich niemand zwingt, schlicht und ergreifend zu sagen. Ich sage nur voraus, dass es wohl nicht mehr lange dauern wird, bis ergreifend in etwa so viel bedeutet wie schlicht. Oder einfach. Oder schlecht.

PS 1: Man könnte, zum Beispiel, auch sagen: Da bist du glatt beschissen worden.

PS 2: Das Verb schleichen gehört zur Familie von schlicht und schlecht. Die indogermanische Wurzel ist (s)lei. Zur weiteren Verwandtschaft zählen Leim und Schleim: beide glatt und glitschig.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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