Heute: Bimmeln? Nein, Bummeln

Was Kirchenglocken und Studenten so alles anrichten

Süßer die Glocken nie klingen, schreibe ich, und schon macht mir mein Chef, der in der Weihnachtszeit offenbar nichts Besseres zu tun hat, als mir permanent über die Schulter zu schauen, hektische Zeichen. Sein Gestikulieren endet damit, dass er den Zeigefinger an seine Schläfe führt. Hätte er ihn an meine Schläfe geführt - ich hätte sofort gekündigt. So gehe ich erst einmal in den Bummelstreik und fange ganz langsam an.

Inzwischen hat sich mein Chef (der, wie jüngst enthüllt, leider ich selbst bin) wieder leidlich beruhigt, und ich schere mich, Bescherung hin, Bescherung her, keinen Deut um seinen Einwand, man könne doch Weltiswortwechsel nicht Woche für Woche mit einem Weihnachtslied beginnen. Warum denn nicht, Chef?

Wäre ich jetzt aufsässig genug, würde ich, nach diesem Vorgeplänkel, den Anfang damit bestreiten, dass ich, wie schon im Wortwechsel vom 18. April 2010, das vergnügliche Gedicht „Bim, Bam, Bum“ von Christian Morgenstern in all seinen Strophen zitierte. So weit treiben wir’s dann doch nicht, aber wir fassen (was Gedichte zuverlässig kaputt macht) den Inhalt kurz zusammen. Die Glockentönin BIM betrügt den Glockenton BAM mit dem Glockenton BUM.

Mitgefühl für BAM, Glückwünsche an BIM und BUM, die miteinander, wie bei Tönen ersehnt, harmonieren. Und damit bummeln wir, nach wie vor im Bimmel-, nein, im Bummelstreik, so allmählich in Richtung unseres Themas, das da lautet: bummeln. Wir geben dem Chef, hinhaltend, aber zutreffend, zu verstehen, dass das Wort bummeln, komerziell gesehen, vor allem in Verbindung mit dem Wort Schaufenster, einiges hermacht, aber aus etymologischem Blickwinkel nicht viel zu bieten hat.

Bummeln, behaupten die Etymologen, leite sich wohl aus der Hin- und Her-Bewegung, bum, bum, der Kirchturmglocken ab und sei eine Prägung des 18. Jahrhunderts, die sich in der Studentensprache durchgesetzt habe und in die Umgangssprache eingedrungen sei.

Nicht ganz ausgeschlossen wird eine Nähe zum Verb baumeln, auch so ein Hin und Her, aber in wortbildenden Zeiten leider ein tödliches. Ob es was mit Baum zu tun hat? Die Experten sind sich nicht sicher, aber ich wage das bei bummeln und baumeln zu bezweifeln, schon aus humanitären Gründen. Somit neige ich der Ansicht zu, dass bummeln tatsächlich vom Schwingen der Glocken inspiriert ist. Glockenton BUM kam mit Glockentönin BIM in Einklang, kriegt er uns auch rum?

18. Jahrhundert, Studentensprache. Bummeln, wer immer das Wort in diesem Sinn zuerst verwendete, Bummeln war was für Leute, die zwischen Vorlesungen und Disputen ausgelassen durch ihre Universitätsstadt toben und hin und wieder in Wirts- und anderen Häusern Station machen konnten, bim bam bum - spielen, saufen, bum...  Das Geld dafür kam für gewöhnlich aus Elternhäusern, in denen nicht gebummelt, sondern fleißig Geld gescheffelt, eingetrieben oder schlicht gezählt wurde. Das gab dem Bummeln, bei der arbeitenden Bevölkerung, den Bauern und Handwerkern, den nach Wein, Bier, Schnaps und, sagen wir, Puder schmeckenden Beigeschmack des gottvergessenen Müßiggangs und der Liederlichkeit.

Hiermit erkläre ich das Ende meines Bummelstreiks und liste so rasch, wie mein Chef das möchte, einige seit drei Jahrhunderten gewachsene Bedeutungen und Zusammensetzungen von bummeln auf.  Bummeln bedeutet, positiv, entspannt dahin schlendern, aber auch, negativ, trödeln und faulenzen – mit und ohne Arbeitsvertrag. Beim Bummelstreik tut man das, wie ich, stets absichtlich. Beim Schaufenster-Bummeln, das oft paarweise geschieht, ist die Absicht in der Regel einseitig.

Schlachtenbummler sind heute Leute, die zwischen Schlachten hin und her reisen, beispielsweise zwischen dem Millerntor und der Bayern-Arena, sofern es der Deutschen Bahn, je nach Jahreszeit, gelingt, ihre Weichen aufzutauen oder zu kühlen. Im 19. Jahrhundert wurden mit dem Wort Schlachtenbummler noch Zivilisten bezeichnet, die sich aus Neugier am Rande von Kriegsschauplätzen aufhielten – aus Neugier oder aus Wissbegier und berechtigtem Zweifel daran, was ihnen die Mächtigen mitteilten.

(Alle Informationen, die Ihnen jetzt noch über schöne und unschöne Seiten des Bummelns fehlen, finden Sie in Ihrer Lokalzeitung. MAGDAs Adventskorrespondent Felix Zimmermann hat in seiner Kolumne Bratwurst mit Senf ein Bummel-Paket in Geschenkpapier mit Gewinn bringenden Weihnachtsmotiven gehüllt.)


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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