Heute: Zweitausendelf

Ein Jahr, ein Winter, eine Stunde

Jemand schreibt, um seine Angst in den Griff zu bekommen, einem weit entfernt lebenden Freund einen Brief zum Jahreswechsel, berichtet von großartigen Neuerungen, die von der Regierung, natürlich im Fernsehen, für die nächsten zwölf Monate angekündigt worden seien. Zum Beispiel, dass Weihnachten hinfort drei Mal pro Jahr gefeiert wird, dass jeder lieben kann, wen und wie er will, dass bald auch die Priester heiraten dürfen (allerdings nicht in ganz jungen Jahren). Er fügt hinzu, dass sich kaum mehr jemand auf die Straße traut, dass manchmal einfach ein Mensch verschwindet, dass die Leute ihre Fenster mit Sandsäcken barrikadieren, und schließt mit den Worten: L’anno che sta arrivando  tra un anno passerà, io mi sto preparando, è questa la novità.

Meine (schwache) Übersetzung dieser lapidaren Zeilen lautet: Das neue Jahr, das sich einstellt, hat ein ganzes Jahr lang Zeit, ich schau mal, was mir einfällt – das ist die Neuigkeit. Das Lied, das viele Italiener Zeile für Zeile mitsingen können, stammt von Lucio Dalla (Jahrgang 1943), dem großen Cantautore. Zwischendrin enthält es die Verse vedi caro amico cosa si deve inventare per poter riderci sopra e continuare a sperare. Heißt in etwa:  Du siehst, mein Freund, was einem einfallen muss, um drüber zu lachen und sich im Überdruss noch ein bisschen Hoffnung zu machen.

Dies ist, erstens, ein Neujahrsgruß an meinen Italienischlehrer, den Philosophen, Musiker und Sänger Mario Di Leo, der mir Lucio Dallas Lied ganz nahe gebracht hat, und, zehntens, die gewohnt abschweifende Einleitung zu einer kleinen Nachschau, wie wir Schrumpfgermanen an das Wort  Jahr gekommen sind. Das ist nicht einfach, eigentlich unmöglich, denn die Etymologen sind da auch recht unschlüssig und ergehen sich in gelehrten Vermutungen, auf die sie, zusammengerechnet, Jahre des Nachdenkens und Nachschauens verwendet haben, wofür ihnen, von meinem kleinen Schreibtisch mit Blick auf den, der Schneedecke sei Dank, vorgestern noch gepflegt erscheinenden Garten, in dicken Flocken nichts als Dank entgegen schneit.

Es könnte sein, dass das Wort Jahr auf die erschlosssene, weil mit Vergangenheitsmikrophonen bisher leider nicht erlauschbare indogermanische Wurzel iero-s zurückgeht, die vielleicht, vielleicht (!) was mit eilen zu tun hat, etwa damit, wie die Sonne um die Erde oder die Erde um die Sonne eilt. Das Grimmsche Wörterbuch, Band zehn von 1877, hält sich wortreich bedeckt, das Herkunftswörterbuch des Dudens tröstet uns mit dem Hinweis, dass die alten Germanen ohnehin lieber in Wintern rechneten (Winter, man glaubt es kaum, hat was mit Wasser tun, aber das lassen wir später mal rauschen).

Aus der Wurzel iero-s stammt wohl auch das griechische hora, das in antiken Zeiten, wer weiß, ob gleichzeitig oder im Gefolge der Zeiten, Jahr(eszeit), Tageszeit oder Stunde bedeutete. Sofort fallen uns Wörter wie Horoskop, lateinisch hora, italienisch ora, französisch heure, englisch hour und deutsch Uhr ein, alle anscheinend urverwandt mit Jahr. Wir begreifen, dass das Wort Jahr, das im Deutschen erst seit Renaissancezeiten die Bedeutung von zwölf Monaten, gut 365 Tage oder 31.622.400 Sekunden annahm, vorzeiten recht unterschiedliche Zeitspannen zwischen einem Augenblick, einer Stunde und einem wie immer bemessenen Jahr bezeichnen konnte.

Tausende Sekunden sind schon wieder weg von diesem Jahr. Mein Garten sieht, weil der schöne Schnee wegtaut, nicht mehr so gepflegt aus. Ich verabschiede mich in der gebotenen Eile und grüße Mario mit vier hochgestimmten Zeilen von Rainer Maria Rilke, an deren Deutung wir noch viele Winter lang rätseln werden:

Sei allem Abschied voran, als wäre er hinter
dir, wie der Winter, der eben geht.
Denn unter Wintern ist einer so endlos Winter,
dass, überwinternd, dein Herz überhaupt übersteht.

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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