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Heute: Deutsch für Ausländer

Ich könne, du könnst, er sie es könnt

Heute üben wir Deutsch für Ausländer. Ausländisch für Deutsche habe ich gelegentlich geübt, und wenn ich mal wieder grollte, weil die Ausländisch-Lehrer nicht kapierten, warum ich nicht kapierte, fragte ich mich in den raren selbstkritischen Momenten, die einen so befallen, wie ich meine Muttersprache erklären würde, wenn man mich nach irgendwelchen Regeln oder den tausend Ausnahmen fragen würde, die das Deutsche und alle anderen Sprachen mit Ausnahme von Esperanto so schwer und so schön machen.

Beginnen wir mit einem kleinen Selbstversuch, bei dem wir ein schlichtes, in diesem Zusammenhang allerdings bedeutungsvolles Verb einsetzen, nämlich können. Wir vergleichen es mit einem zweiten Verb, bringen, und dann sehen wir, ob wir’s halbwegs bringen können.

Wir stellen uns einen willigen Deutsch-Anfänger aus Uruguay, aus Nigeria oder von den Philippinen vor, mit dem wir vor kurzem geübt haben: Ich bringe, du bringst, er sie es bringt, wir bringen, ihr bringt, sie bringen.

Heute wollen wir mit dem jungen Mann die Konjugation von können pauken und bitten ihn um Vorschläge. Er erinnert sich an bringen und skandiert hoffnungsfroh: Ich könne, du könnst, er sie es könnt, wir können, ihr könnt, sie können. Weil wir erstklassige Lehrer sind, sagen wir nicht: zur Hälfte falsch. Wir sagen: Bravo, zur Hälfte korrekt, leider lauten die erste, die zweite und die dritte Person Singular wie folgt: Ich kann, du kannst, er kann.

Jetzt kommt es aufs Temperament des Schülers an. Er kann das stumm hinnehmen und bis morgen auswendig lernen. Solche Schüler bringen es in Sprachkursen zu guten Resultaten. Er kann – natürlich nicht ganz so flüssig wie hier notiert ­– sagen: Das könnt doch nicht sein, gestern haben Sie mir doch ganz anderes Regel beigebringt. Er kann aber auch eine ganz einfache Frage stellen, die da lautet: Warum?

Warum dürft das sein?

Und dann sind wir dran. Wir können verfahren wie manche meiner chinesischen Chinesisch-Lehrer, die, in ihrem fabelhaft gepauktem Deutsch oder Englisch, antworten würden: Das ist eben so. Schlagen wir jetzt, bitte, das nächste Kapitel im Lehrbuch auf. Wir können, wie eine Reihe meiner italienischen Italienisch-Lehrer, sagen: So klingt es besser. Auch dafür liebe ich sie, die Besitzer der schönsten Sprache der Welt, aber meine Wissbegier ist damit nicht gestillt. Wir könnten auch, was seltsamerweise keiner meiner deutschen Deutsch-Lehrer je versucht hat, antworten: Das Verbum können zählt  zu den Präteritopräsentia, wird  deshalb unregelmäßig konjugiert, und wenn Sie sich näher dafür interessieren, kopiere ich Ihnen gern die einschlägige Passage aus meiner mittelhochdeutschen Grammatik.

Ich fürchte, wenn ich Deutsch für Ausländer lehren müsste – ich würde dem Frager, zugleich beschämt und resigniert, bedeuten: Erstens ist es gar nicht so wichtig, dass Sie jede Form korrekt hinbekommen. Wer Sie verstehen will, versteht auch „du könnst“. Und zweitens hilft Hinhören. Ihre Muttersprache haben Sie ja auch nicht mit dem Grammatikbuch in der Hand erlernt, ebenso wenig wie ich mein Deutsch. Hinhören, das können Kinder tausend Mal besser als Sie und ich, aber ganz verlernt haben wir es nicht. Wollen wir einen Kaffee trinken? Und dann würde ich einfach hoffen, dass der Schüler paukt paukt paukt und sich pausenlos sagt: Ich kann, du kannst, er sie es kann, wir können…

Während unser Schüler büffelt, könnten wir Kenner hemmungslos über das Phänomen der Präteritopräsentia schwadronieren, tun dies aber nicht, sondern stellen uns, nur zum Spaß, dumm. Warum hängt an kann kein t hintendran wie bei er sie es bringt, trinkt, stinkt, gibt, liebt, lacht, kracht, macht? Das T-Anhängsel  ist uns für die die dritte Person Einzahl eines deutschen Verbs doch vorgeschrieben!

Warum dürft das sein? Hoppla, auch das Verbum dürfen darf aus der Reihe tanzen, und mit etwas  gutem Willen kommen wir auf etliche andere, die sich regelwidrig aufführen: Neben können und dürfen auch müssen, sollen, mögen und, wie jeder von uns weißt, wissen und wollen.

Widerborstige Verben

Das Verb wissen ist bei den Wissenschaftlern, die sich lustvoll opfern, das Phänomen zu klären (eine exzellente Seite findet sich bei Wikipedia), das Paradebeispiel. Das kommt daher, dass jene, die sich dumm stellen, am leichtesten begreifen, warum derlei widerborstige Wörter von den Grammatikern auf den extravaganten lateinischen Namen Präteritopraesentia getauft worden sind.

Wenn jemand was weiß (Präsens, Gegenwart), dann hat er es erfahren (Präteritum, Vergangenheit). Noch anschaulicher: Er hat’s gesehen. Was uns daran erinnert, das das Wort wissen übers Indoeuropäische verwandt ist mit lateinisch videre, sehen. Er weiß ist somit, grammatisch gesehen, die Vergangenheitsform eines starken Verbs. Weil die Aussage im Lauf der Zeit als rechtschaffen gegenwärtig empfunden wurde, wurde ihm, ganz ohne Beihilfe der Grammatiker, eine neue, schwache Vergangenheit aufgesattelt: wusste. Das Verb ist also stark und schwach zugleich, ein Zustand, den wir alle kennen, wenn auch selten mögen.

Mit mögen verhält es sich ähnlich, nur dass dieses Verb auch noch einen Bedeutungswandel erleiden musste – einst hieß es soviel wie dürfen, das englische may erinnert daran. Und siehe, auch die Angelsachsen haben ihr Problem mit den Präteritopräsentia: Es heißt nicht  he mays, sondern he may, nicht he cans, sondern he can.

Die tröstliche Botschaft für unsere Deutsch-für-Ausländer-Schüler: Millionen Menschen aller Kontinente haben diese Unregelmäßigkeit im Englisch-Unterricht  -  wie sagen meine jüngeren Mitmenschen? – gerafft. Es lässt sich, hoffen wir mal, auch beim Deutsch-Lernen raffen, obwohl der Formenreichtum da etwas größer ist.

Raffen, nebenbei gesagt, ist ein stinknormales, regelmäßiges schwaches Verb, allerdings mit einer enorm weitläufigen Verwandtschaft. Aber darauf will, mag, darf und soll der Schreiber hier nicht eingehen, ohne den Unwillen des Lesers zu riskieren. Es könnt aber sein, dass er mal drauf zurückkommt.

 


 

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Dietrich Albrecht

Mittwoch, 24-02-10 20:32

Lieber Alfred, Danke, macht Spaß und klüger. Hätte ich aus dem Stegreif mal wieder nicht zu erklären vermocht.

 
 

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