Unter Verdacht
Susanne Fischer unterwegs nach Amerika
Ich wußte sofort, dass Libanon dazu gehören würde. Als ich in den Nachrichten hörte, dass die USA eine Liste von 14 Ländern veröffentlicht haben, deren Bürger ab sofort bei Reisen nach Amerika verstärkten Sicherheitskontrollen unterliegen, stellte ich, noch bevor der Sprecher die Details verlas, im Geiste eine Liste auf: Syrien würde dabei sein, Libanon, Iran natürlich. Die anderen üblichen Verdächtigen: Pakistan, Libyen, Saudi-Arabien, Somalia, Yemen, Irak, Afghanistan, Algerien, Pakistan, Nigeria. Auch Kuba gehört zum Klub.
Die Liste ist eine Reaktion auf den fehlgeschlagenen Versuch eines jungen Nigerianers, einen Flug von Amsterdam nach Detroit in die Luft zu sprengen. Er soll den Sprengstoff in seiner Unterhose an Bord geschmuggelt haben.
Wer aus einem der 14 Länder stammt, aber auch wer aus einem oder über eines dieser Länder in die USA fliegt, muß ab sofort mit gesonderten Kontrollen am Flughafen rechnen. Dazu gehören mindestens Leibesvisitationen und grundsätzlich eine Kontrolle des Handgepäcks.
Wie ich zum Sicherheitsrisiko wurde
Mein Pass ist voll mit Stempeln aus Syrien, Libanon und Irak. Gleich drei schwarze Schafe in den Augen der USA. Damit gelte auch ich, obwohl Deutsche, als Passagier mit erhöhtem Risiko. Denn auch "Staatsbürger anderer Länder "müssten "routinemäßig mit denselben Sicherheitsüberprüfungen rechnen, wenn sie sich vor der Reise in die USA in einem der Staaten auf der "schwarzen Liste" aufgehalten haben", hieß es.
Vermutlich muß ich froh sein, wenn ich trotz Wohnsitz in Beirut noch an Bord eines Flugzeugs darf.
Schon einmal wurde ich bei einer Reise in die USA in eine gesonderte Warteschlange geschickt. Damals war ich von Syrien aus unterwegs nach Chicago, mit Umsteigen in New York. Als ich meine Papiere dem Beamten gab, blätterte der kurz, sah in seinen Computer und packte meinen Pass dann in eine Klarsichthülle, die in einem Zimmer hinter ihm verschwand. „Ich muß Sie bitten, sich zu einer gesonderten Kontrolle zu begeben“, er wies mir den Weg zu einem mit Plexiglas-Stellwänden abgetrennten Teil des Terminals.
Dort mußte ich anderthalb Stunden warten, bis der Immigration Officer mich aufrief.
Die Zeit vertrieb ich mir damit, diskret den Interviews der Beamten mit den anderen Reisenden zuzuhören. Ich war, soweit ich das nach äußerem Anschein beurteilen konnte, die einzige Europäerin in diesem seperaten Wartesaal. Die Menschen um mich herum hießen Ali, Mohamed, Mustafa, Ahmed und hatten arabische, indische, afghanische Gesichter. Überwiegend waren es Männer zwischen 20 und 40, vereinzelt Frauen, ein paar Kinder. Wollte irgendwer behaupten, es habe bisher kein "racial profiling" an den Flughäfen gegeben?
"Haben Sie in Afghanistan an einem Waffentraining teilgenommen?" fragte der Beamte den Mann vor seinem Schalter. Der schüttelte erwartungsgemäß den Kopf. "Gehören Sie einer terroristischen Vereinigung an?" wurde ein anderer gefragt, der ebenfalls verneinte. Ich habe lange darüber gegrübelt, was die Behörden sich von diesen Fragen erhoffen und ob sie so jemals einen Menschen mit bösen Absichten aus der Masse der Reisenden herausgefiltert haben.
Und natürlich war ich sehr neugierig, was sie von mir wissen wollten. Als ich nach 90 Minuten endlich an der Reihe war, rechnete ich damit, genau erzählen zu müssen, was mich nach Syrien geführt und warum ich so viel Zeit im Irak verbracht habe.
"Ist dies Ihre erste Reise in die USA?" fragte der Beamte.
Ich war verwirrt. Mein Pass wies, zwischen den vielen Stempeln aus arabischen Ländern, mindestens drei oder vier Einreisestempel der USA auf. Ich erwog kurz eine flapsige Antwort - besann mich aber eines Besseren (schon mancher Reisender hat so seine Einreise in die USA torpediert) und gab artig zurück: "Nein, ich war schon häufig in den USA."
"Reisen Sie allein?"
"Ja."
"Dann wünsche ich Ihnen einen angenehmen Aufenthalt."
Das war's? Keine Fragen zu Syrien, zu Irak, zu Personen, die ich dort getroffen habe, zu meiner Arbeit? Fast war ich enttäuscht. Ich hatte so viel zu erzählen!
Vermutlich hatte die Einwanderungsbehörde die anderthalb Stunden, die sie mich warten ließ, genutzt, um meinen Hintergrund zu durchleuchten und wußte längst aus den Tiefen irgendwelcher Datenbanken (oder schlicht dem Internet), was ich beruflich mache und warum ich in diese Länder reise.
Meinen Anschlussflug nach Chicago habe ich nicht mehr erreicht. Trotzdem hatte ich nicht das Gefühl von verlorener Zeit. Durch einen Zufall - mein Flug kam aus Syrien - erhielt ich Einblick in eine Wirklichkeit, die wir Europäer in der Regel nicht kennenlernen, die für Menschen aus der arabischen Welt und aus Ländern wie Iran, Afghanistan und Pakisten aber Alltag ist.




