Nur weg hier!
Felix Zimmermann zurück aus Jerusalem
Gerade war ich in Frankfurt gelandet. Noch am Morgen war ich durch Jerusalem gelaufen, vom Quartier in der Altstadt zur Rabbi-Kook-Straße, wo die Sammeltaxis nach Tel Aviv abfahren. Am Abend zuvor hatte ich mit mit einem israelischen Freund zusammen gesessen. Er sagte mir, was ihn immer noch und immer wieder und trotz allem an Deutschland fasziniere: "Die Bücher, diese ganze Kultur, die Musik, das alles, weißt Du." Im Fernseher lief ein Konzert mit den Berliner Philharmonikern, wenn wir nicht redeten, summten wir die schönsten Stellen mit, ich im Stillen und schief, er laut und schief.
In Tel Aviv drehte ich zwischen den Treffen mit zwei Freunden eine Runde durchs Zentrum: Allenby, Ben Yehuda, Hamelekh (König) George. Ich lief beim Antiquariat Pollak vorbei, wo das in Kästen und Regalen liegt und steht, was der Freund gemeint hatte: Mann, Lasker-Schüler, Heine, Gedichtbände und Enzyklopädien, Domin, Goethe, Schiller, Lessing. Bücher, die oft aus sehr deutsch eingerichteten Wohnzimmern zu Pollak gelangt sind, weil sich die alt gewordenen Besitzer davon trennen mussten, bevor sie umzogen in ein kleines Altersheimzimmer. Ein Stück deutscher Kultur – nicht selten von jüdischen Schriftstellern erdacht – hatten sie mitgebracht, weil sie in Deutschland nicht mehr bleiben konnten. Ist es nicht erstaunlich, daß dieses Bild vom Land der Dichter und Denker immer noch so stark ist?
Nun also Frankfurt, der lange Weg durch den Flughafen. Ich lief dem A hinterher, zu dem Terminal, von dem aus ich weiter nach Bremen fliegen sollte. Ein langer Tunnel, viele Treppen, die Kontrolle, die sorgsamer – oder auch: übertriebener – als am Ben-Gurion-Flughafen war. Dann A. Das ungefähr erste Zeichen deutscher Kultur war die Auslage einer Buchhandlung. Unter der Überschrift "Unsere Besten" waren wie in einem Schrein mehrere Ausgaben von Sarrazins Kampfschrift drapiert. Ich war, den Abend mit dem Jerusalemer Freund noch frisch im Kopf, erschüttert und schämte mich. Sarrazin als "unser Bester", auch wenn das kein offizieller Titel ist, sondern – schlimm genug! – sich nur auf seinen Spitzenplatz auf der Bestsellerliste bezog. So weit ist es also gekommen.
Dann dachte ich: Vielleicht sieht es keiner, die Leute hasten ja von Terminal zu Terminal. Ich hoffe, es sieht keiner. Andererseits: Viele, die aus dem Ausland kommen, können mit Sarrazin womöglich gar nichts anfangen. Die werden, wenn sie den Buchtitel lesen und verstehen, sich wundern – und froh sein, daß sie nur im Transit sind und weg dürfen. Wer will schon in einem Land sein, das sich gerade abschafft bzw. den, der das behauptet, seinen Besten nennt?




