Auch tödlich ist relativ

Heute lösen Kreuzottern bei mir Schutzreflexe aus

Von Claus-Peter Lieckfeld

Copyright: Piet Spaans

Foto: Piet Spaans

Ende der Fünfziger, als ich nicht mehr so richtig märchenbuchgläubig war aber auch noch nicht vorpubertär, gab es für mich einen Sehnsuchtshorizont. Und der war gut bewachsen: Wald! Er war vieles für mich, vor allem aber musste er undurchsichtig sein. Am besten undurchdringlich. Oder noch besser: nur von mir durchdringbar.

Ein wenig störte mich, dass er, der Wald, keine wirklichen Gefahren barg, so wie der Dschungel, den man sich mit Kölln-Flocken-Einklebebildchen er-sammeln konnte.  (Mein Gott, wie viel staubiges Zeugs habe ich runtergewürgt, bis so ein Sammelband voll war!)

Der Wald meiner Kindheit hatte den großen Mangel, dass man sich Gefahren – die man bestehen wollte – fest einbilden musste. Keine echten Leoparden, vor die man sich auf die Bäume flüchten musste - was im übrigen nichts gebracht hätte, wie ich heute weiß. Keine Nashörner … na gut, das sind Savannentiere, keine Waldbewohner … vor denen man sich verstecken musste. Und vor allem keine Würgeschlangen, die Akim (wer kennt ihn noch, den Tarzan für arme Kinder, Quartformat, Zwanzig Pfennig … Fortsetzung folgt) ein früher Held meiner Kindheit, immer mal wieder würgte, wenn er nicht gerade Finsterlinge aus dem Dschungel vertreiben musste.

Halt, stopp! Für Würge- respektive Giftschlangen gab es annehmbaren Ersatz: die Kreuzotter.

Damals, in den frühen Sechzigern, galt ihr Biss als absolut tödlich. Heute weiß ich natürlich, dass es sich mit dieser Tödlichkeit so verhielt, wie mit dem elterlichen Hinweis, man könne quasi in jedem Tümpel ertrinken und sich aus jedem Kirschbaum zu Tode stürzen: >>Erzieherische Schadensprävention durch pädagogisch postulierte Horror-Miniaturen<<.

Wie giftig die kleine Viper mit der charakteristischen Zickzack-Zeichnung auf dem Rücken tatsächlich ist, wurde mittlerweile erforscht. Für einen Menschen von 75 kg Körpermasse liegt der sogenannte LD-50-Wert (das heißt, die Hälfte der Menschen würde eine entsprechende Giftmenge nicht überleben) bei rund 484 Milligramm. Das bedeutet: Fünf Kreuzottern müssten synchron und kräftig zubeißen, damit jemand eine 50%-Chance hätte, an den Folgen zu sterben.

Wie gesagt, für uns Knirpse war die Kreuzotter eine hochwillkommene Gefahr, stand (nein kroch!) sie doch gewissermaßen stellvertretend für alle Gefahren des Dschungels und der Savanne. Meine Savanne waren die großen Heideflächen des Naturschutzparkes Lüneburger Heide, zugleich das beste Kreuzotter-Biotop Niedersachsens. Und die damaligen Parkmanager machten sich den einschlägigen Ruf der Kreuzotter zu Nutze. Wo Betretungsverbote nichts nützten, behalf man sich erfolgreich mit kleinen Schildern: Achtung Kreuzottern!

Die Kreuzottern meiner Kindheit waren ziemlich hell. Die dunklen, sogenannte Höllenottern, kamen in meinen Indianer- und Trapper-Revieren irgendwie nicht vor. Leider, denn die höllischen galten als besonders gefährlich und giftig.

Ich weiß noch – ich muss so 15, 16 gewesen sein –, wie Kreuzottern in meiner Wahrnehmung einen totalen Imagewechsel erfuhren. Auf dem Töps, einer Heidefläche im Nordzipfel des Naturschutzparkes Lüneburger Heide, wurden Baumstümpfe  aus der Erde gezogen ( es wurde „entkusselt“). In einer der entstandenen kleinen  Gruben fand ich rund zehn Kreuzottern, in Winterstarre zu einem einzigen dicken Kabel verdrillt.  Eine geniale Variante, energiesparend den Winter zu verschlafen.

Ich habe sie vorsichtig mit Moos und etwas lockerer Erde zugedeckt. Vorsichtig nicht wegen der Giftigkeit sondern um zu verhindern, dass sie, des schützenden Baumstumpfes beraubt, im kalten Vorfrühling erfrieren könnten.

  


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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