Sie können sogar fies sein

Die Dohle ist der Vogel des Jahres 2012, doch den kleinen Schwarzen droht der Absturz

Unsere Friedhofskapelle ist belebt, und das nicht nur, wenn sich die Lebenden gerade von einem Toten verabschieden. Im kleinen, verwinkelten Turm siedelt seit Jahrzehnten eine Brutkolonie Dohlen. Bisher hat selbst die totale VerMAISung der uns umgebenden Felder und Wiesen (Energie-Mais!) sie nicht über den Rand der Roten Liste hinausgedrängt, auf dem sie bundesweit hocken, seit unsere Landschaft mehr und mehr zur Agrarsteppe wird. Giftgeschwängert, eintönig, lebensfeindlich.
Ihre Vorliebe für Kirchtürme trug den Dohlen den Namen „des Pastors schwarze Tauben“ ein. Würden sie diese lieblich romantische Benamsung kennen, würden sie wahrscheinlich Protest krächzen; denn gemessen an den schlichten Taubengemütern sind sie kleine Intelligenzbestien.

Als ich kürzlich einen Ornithologen fragte, woran sich denn die immer wieder bekundete Intelligenz der Dohlen zeige, bekam ich eine Antwort, die mich kurz zur Schnappatmung zwang: „Sie können planvoll und kalkuliert fies sein, wie wir Menschen.“

Wie bitte?

Dohlen akzeptieren meist einen Schwarmführer, eine Oberdohle. Aber nicht total und nicht für immer. Experten haben beobachtet, dass sich zwei, drei Thronanwärter zu Zweckbündnissen zusammenschließen, um die Nummer Eins wegzumobben.

Soweit so gut. Oder so schlecht. Aber es wurde auch beobachtet, dass sich einer der drei oder vier „Königsstürzer“ erkennbar zurückhielt und erst dann heftig eingriff, als sich die anderen heißen Thronanwärter müde gekämpft hatten, um sodann seinerseits die Spitze einzunehmen. Oder dass der Gestürzte mit einer neu formierten Fraktion seine Stellung zurückeroberte. Das klingt sehr nach deutscher Parteienpolitik.

Andererseits pfeifen die Dohlen (Vogel des Jahres 2012) dem Rabeneltern-Image Hohn: Sie gehören zu den fürsorglichsten Eltern im Weltreich der Singvögel; es muss schon schlimm zugehen, bis ein Dohlenpaar seine Brut aufgibt. Das passiert allerdings dann, wenn Dachstühle zur Unzeit saniert werden. Oder auch schon mal dann, wenn die Degeneration der Agrarlandschaft zur Produktionssteppe soweit fortschreitet, dass den Schwarzen kollektiver Hungertod droht.

Dohlen haben vor vielen vielen Generationen den Sprung von Steppenvögeln zu kulturfolgenden Dachstuhlbewohnern geschafft (Etliche siedeln aber auch noch im Wald, am liebsten in Schwarzspechhöhlen).

Ob sie den nächsten Sprung auch schaffen, den Elstern und Rabenkrähen recht gut hinbekommen haben: den Sprung aus ländlich geprägtem Umfeld im großen Stil in die Unwirtlichkeit der Städte und Aglomerationen?

Das ist nicht ganz ausgeschlossen … aber wohl auch nicht wahrscheinlich, hört man von Experten. Der NABU, der die Dohle zum Vogel des Jahres 2012 gekürt hat, plädiert für Biotopschutz an klassischen Dohlensiedlungsorten.
Alle reden neuerdings von „Schwarmintelligenz“. Mir liegen die intelligenten Schwärmer am Herzen. Sie sollen, bitte schön, nicht abstürzen.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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