Die Anti-Revolution

Mit Lenin unterm Apfelbaum

Von Frida Martini

Ich war gerade zur Hauptreferentin aufgestiegen. Das neue „Haupt“ auf meiner Visitenkarte bedeutete mehr Verantwortung und mehr Geld. Und: mehr Meetings. Mit Direktoren, mit Abteilungsleitern, mit Finanzleuten. Ich hasste Meetings. Ich hielt sie für Zeitverschwendung. Sie verliefen oft ohne brauchbares Ergebnis und so musste man sich eine Woche später nochmal treffen, um über das gleiche zu reden. Das konnte mitunter monatelang gehen. Bis alle vergessen hatten, weshalb man sich eigentlich traf.

Irgendwann hatte ich die Idee, meine Kollegin zu diesen Treffen mitzunehmen. Weil sie gern und viel redete, konnte ich mich zurücklehnen und träumen. Ich schlug dann meine Beine übereinander, verschränkte die Arme und setzte ab und zu ein wissendes Lächeln auf. Die optimale Pose, um unerkannt zu phantasieren.

Eines Nachmittags war Finanz-Meeting. Von den sechs anwesenden Männern sahen fünf gleich aus. Schwarzer Anzug, korrekt sitzende Krawatte, aufrechte Haltung, mehrheitlich Seitenscheitel, Brille und Ehering, und alle zusammen so viel Humor wie CDU-Pofalla. Sie verwendeten auch die gleichen Vokabeln, die gleichen Worthülsen, die gleichen Kugelschreiber. Während meine Kollegin schon eifrig mitdiskutierte, blieb mein Blick an dem sechsten Mann hängen. Olivgrüne Cordhose, roter V-Pulli, einen Haarkranz, den er zwar abrasierte, den man aber trotzdem noch gut erkennen konnte. Er sah älter aus, als er war, vermutete ich. Er war nicht viel größer als ich und hatte neben dem schütteren Haupthaar auch einen Bauchansatz. Keine Erscheinung, die orgiastische Phantasien auslöste. Aber dieser Cordhosen-Mann konnte Kennzahlen und langweilige Diagramme in russische Anekdoten verpacken, erzählte mit kindlicher Phantasie von Zaren und Schlitzohren und Wodka-Abenden am Samowar. Ich mochte ihn sofort und taufte ihn Lenin.

Lenin hatte volle, schön geschwungene Lippen. Ich scannte seine Hände. Auch er trug einen Ehering. Fein, dachte ich. So ein Ring hieß, man konnte Freude mit dem Träger haben, ohne jemals seine Socken und Unterhosen waschen zu müssen. Ich begann, mir Lenin nackt vorzustellen. Das mache ich schon seit meiner Schulzeit: Lehrer, Dozenten, Professoren, Geschäftsführer, Vorstände – Männer, die über gähnend-sachliche Dinge reden, stelle ich mir nackt, beim Sex, beim Selbstbefummeln oder unter einer Domina winselnd vor. Ich versuchte von Lenins Cordhosen auf seine Unterhosen zu schließen, von seinen knubbeligen Fingern auf seinen Schwanz. Lenin schnitt nicht besonders gut ab. Einzig dieser schöne Mund könnte exzellente Leckkünste versprechen. Meine Gedanken warfen mich auf den Konferenztisch und Lenin legte los. „Und was halten Sie davon, Frau Martini?“, fragte ein Seitengescheitelter. „Ähm, sehr gut.“

Wochenlang sah ich Lenin nur in der Kantine, wenn wir unsere Buletten mit Senf an einander vorbeitrugen. Und dann, an einem Freitagabend, saß er plötzlich in derselben Schrebergartenkneipe, in der ich nach dem Joggen immer ein Weißbier trank. Wir waren sofort beim „Du“, nach zehn Minuten wusste ich, dass er knapp über dreißig war, eine Durchschnittsehe im unteren Durchschnitt führt, und nach weiteren fünfzehn Minuten phantasierte ich uns bereits ins Radieschenbeet. Dann wäre es ohnehin dunkel, was einiges vereinfachen könnte. Und nur der Mond würde zuschauen.

Lenin wollte offenbar gleich ohne Umwege Revolution machen. Er nahm meine Hand, zog mich aus dem Laternenlicht in die schwarze Nacht und presste mich an einen Apfelbaum. Dort schob er mir seine Zunge in den Mund, quirlte viermal rechts und viermal links herum und rieb sich, sehr technisch, in einem nicht enden wollenden Auf und Ab an meiner Hose, als wäre er schon in mir. Ich wollte ihm sagen, dass diese eigenartigen Bewegungen etwa die gleiche Sinnlichkeit versprühen wie ein Laubbläser am Samstagmorgen unter meinem Schlafzimmerfenster. In diesem Moment stieß seine Zunge an das Zäpfchen in meinem Rachen und ich musste würgen.

Blitzartig schaute ich auf meine Uhr, tat furchtbar erschrocken, ach du meine Güte, ich hätte diesen Termin ja ganz vergessen, ich müsse sofort los, tut mir leid, wäre aber verdammt wichtig. Und Lenin fuhr mich sogar noch nach Hause. Seitdem schickte ich immer meine Kollegin alleine in die Finanz-Meetings.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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