Fünf Minuten Ewigkeit

Von der Suche nach großen Liebhabern

Von Frida Martini

Ich hatte genug von der großen Liebe. Ich wollte wieder große Liebhaber. Die waren einfacher zu haben. Bevor ich mich auf die Suche machte, beschloss ich, shoppen zu gehen. Wenn es schon meinem Herz schlecht geht, soll doch wenigstens die Wirtschaft etwas davon haben. Meistens gibt es in solchen Situationen neue Dessous. Weil sich die letzte große Liebe mit der Zeit schon an verwaschene graue BHs und Blümchenschlüpfer gewöhnt hatte. Das ist das Schöne an großen Lieben – sie mögen einen trotzdem. Für den Liebhaber allerdings, muss man andere Geschütze auffahren. Zumindest solange bis er zur nächsten großen Liebe wird.

Doch die einzige Ausbeute nach zwei Stunden Kaufhaus-Hopping waren eine Wimpernzange und Fußspray. Es schien außergewöhnlich schlimm um mein Herz bestellt zu sein. Und das, obwohl ich diejenige war, die ging. Aber ich leide proportional mit, wenn andere Menschen leiden und diese letzte große Liebe stand tatsächlich weinend und rotzend, mit einer schlaffen Sonnenblume in der Hand, in meiner Tür und versuchte, mich mit einem Gedicht von Pablo Neruda zur Rückkehr zu bewegen.

Ich fing an, meine Wohnung umzuräumen. Das mache ich ohnehin alle sechs bis acht Wochen, weil meine Wohnung sehr klein ist und ich mir damit einen Tapetenwechsel vortäusche. Obwohl ich auch noch mein Bücherregal nach Farben sortiert hatte, wollte sich das wohlige Gefühl einer neuen (auch inneren) Ordnung aber immer noch nicht einstellen. Also klingelte ich bei meinem Nachbarn und fragte nach einer Leiter für einen neuen Wandanstrich. „Soll ich vielleicht beim Abkleben helfen?“ fragte Tom. Da ich mich über jegliche Art von Gesellschaft freute und Tom als sorgenden Familienvater von vier Kindern immer bewunderte, sagte ich ja.

Während Tom die Zeitung zerpflückte und auf dem Laminat festklebte, erwähnte er fast beiläufig, dass Tanja mit den zwei Kleinen für ein paar Tage zur Oma gefahren sei und die Zwillinge einen Theater-Workshop in Hamburg besuchten. Ich hatte verstanden. Emotional sah ich mich nicht in der Lage, mit ihm zu schlafen. Aber leider Gottes hatte er einen Arsch wie zwei Löffel Sahne-Vanille-Eiscreme und warum eigentlich nicht auch mal Sex wie ein Mann haben?

Ich versuchte mich noch zu erinnern, ob ich heute Morgen Baumwolle oder Spitze aus dem Schrank fischte, stand aber schon in optimaler Schleckhöhe auf der Leiter, hatte Toms Gesicht in meinem Schoß und fühlte seine Finger in mir. Die Leiter begann bedenklich unter meinen Wallungen zu wandern. Aus Sicherheitsgründen wichen wir auf den Fußboden aus. Tom hatte offenbar nicht das geringste Interesse an der Optik meiner Unterwäsche, sein Notstand schien groß, er rammelte, als gäbe es kein Morgen. Nach fünf Minuten war sämtliches Zeitungspapier zu einem Knäuel zusammengeschoben und Tom saß wie ein Schluck Wasser mit wundgescheuerten Knien neben mir. „Bist du auch gekommen?“ fragte er, „du hast gar nicht geschrien.“

Ich stand auf, zog mich an, schickte Tom zurück in seine Wohnung zurück und malerte weiter. Immerhin, ich hatte jetzt Sex wie ein Mann gehabt, sogar die Unterwäsche war mir egal.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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