Hiobs Büchlein

Philosoph Armin Grunwald sagt etwas, das weh tut

Von Claus-Peter Lieckfeld

Copyright: Pio700/Pixelio

Mülltrennung - sortenrein. Pflaster für`s wundgescheuerte Gewissen? (Foto: Pio700/Pixelio)

Der Bringer unliebenswürdiger Nachricht macht sich mit Sicherheit nicht beliebt. Und Armin Grunwalds schmales Bändchen „Ende einer Illusion – Warum ökologisch korrekter Konsum die Umwelt nicht retten kann“ (oekom Verlag, 9,95 Euro) reppelt ziemlich gnadenlos am Gebetsteppich, den wir – besonders wir eco-minded consumers – uns zurechtgelegt haben. Einen Teppich, dem der Glaubenssatz eingewebt ist: Durch kluges, vom Nachhaltigkeits-Ideal geleitetes Konsumieren ließe sich die Welt vom Öko-Kollaps wegsteuern.

Sie lässt sich nicht, sagt der Physiker und Philosoph Grunwald und stützt sich dabei unter anderem auf Ausführungen von Till Bastian, der schon 2002 vom ökofrommen „Ablasshandel“ an Mülltrennungstonnen sprach – vom symbolischen Tun, das dümmstenfalls ein eigentliches Handeln ersetzt.

Zum einen ist hinlänglich bewiesen, dass auch die Aufgeklärtesten sich nicht an ihre Einsichten halten. (Wir fahren mit dem Auto zum Kiosk um die Ecke, um uns das neue „Greenpeace-Magazin“ zu holen.) Vom Besserwissen zum Bessertun führt kein ausreichend kurzer, vielleicht nicht mal ein gangbarer Weg. Zum anderen wäre, so Grunwald, der Mensch, der als Konsument ja Privatier ist, mit der Bürde kollektiver Verantwortung bei fast jedem Kaufakt überfordert. Und zum Dritten käme die notwendige >>Von-Grund-auf-Neuausrichtung<< unseres Konsumverhaltens deutlich zu spät, wenn sie denn überhaupt käme.

Eine Öko-Diktatur, selbst eine milde und wohlmeinende (grüner Paternalismus) kann nicht zu den ernsthaften Lösungsvorschlägen zählen.

Was also bleibt? Kluges Konsumverhalten, das Grunwald nicht in Bausch und Bogen verwirft, muss von Individuen verwirklicht werden, die zugleich kluge, mündige Bürger sind. Und das wären Bürger, die „ihre“ Politiker zwingen, das zu tun, was sie geschworen haben: Schaden abzuwenden. Nicht nur von uns, sondern mehr noch von denen nach uns.

Die Fischbestände der Weltmeere werden nicht gerettet, weil einige (viel zu wenige) auf den Verzehr von Arten verzichten, die hoch überfischt sind, sondern - letztlich und wenn überhaupt! - nur durch politische Intervention. Und die wiederum gibt es nur, weil (zum Beispiel) EU-Bürger entsprechenden Druck machen. Eine Landwirtschaft, die unsere Lebewelt platt schlägt und totvergiftet, werden wir nicht per Griff in die richtigen Supermarktregale zum Stehen bringen, sondern durch bürgerliches, politisches Engagement. Gern auch begleitet durch kluges Konsumverhalten. Nur andersrum wird kein Schuh draus.

Ein Hoffnungsschimmer (das sagt nicht Grunwald, das meine ich) wäre es, wenn im September Politiker und eine Partei abgewählt würden, die uns bedummduseln mit der Botschaft, der freie Markt, der Weltmarkt gar, werde es schon richten. Wenn man den Markt weiter richten lässt, einen Markt, der gnadenlos alles zur Ware macht, dann wird nicht gerichtet, dann wird hingerichtet.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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