Der roude (rote) Hund

Auch in Oberbayern ändert sich die Farbenlehre

Von Tom Dauer

Copyright: Tom Dauer

Noch ist ungewiss, ob die Olympischen Wettbewerbe 2018 unter weiß-blauem Himmel stattfinden werden.

Ich habe an anderer Stelle bereits dargelegt, dass sich diese Kolumne vornehmlich mit Angelegenheiten beschäftigt, die das bayerische Oberland betreffen. Dennoch möchte ich ein weiteres Mal auf das Werdenfelser Land zu sprechen kommen.

Dort haben die Bauern ihre Grundstücke trotz Einschüchterungsversuchen noch nicht abgegeben, und die Münchner Olympiabewerbung tritt auf der Stelle. Sie versucht deshalb, das Wohlwollen der Bauern mit Hilfe so genannter Sportbotschafter zurückzugewinnen. Die allerdings wissen selbst nicht so recht, wie sie ihren Auftrag – für die Olympischen Spiele 2018 zu werben – erfüllen sollen. Sie werfen der Stadt vor, sich nicht offen und fair mit den Olympia-Skeptikern auseinanderzusetzen. Weshalb Erhard Keller, einst Doppel-Olympiasieger im Eisschnelllauf, fordert, Kommunalpolitiker und Funktionäre müssten in Garmisch-Partenkirchen zu Kreuze kriechen.

Nichts wäre falscher als das. Denn einen Bauern, dem man einmal das Kraut ausgeschüttet, den man also einmal vor den Kopf gestoßen hat, kann man nicht besänftigen. Man hat ihn von oben herab behandelt. Das mag er nicht. Jetzt möchte man sich entschuldigen, weil man ja was will von ihm. Das mag er noch viel weniger.

Und weil die Bauern mit ihrem anarchistischen Widerstand viel Sympathie ernten, erwächst aus ihrem Grant (Unmut) eine schlagkräftige Koalition aus Grundbesitzern, wertkonservativen Grünen und schwarzen Lokalpolitikern, die der gebeutelten CSU stark zusetzt. Da hilft auch Seehofers Lächeln nichts mehr.

Eine solche Situation wäre 1978 nicht denkbar gewesen. Damals, 2018 wäre es 40 Jahre her, fand in Garmisch-Partenkirchen ja schon mal ein sportliches Großereignis statt: die Alpine Ski-WM. Interessanterweise wurde diese von der Bevölkerung wirklich gefeiert. Und zwar ohne Wenn und Aber, weshalb kritische Berichterstatter – anders als heute – am Fuß der Zugspitze höchst unwillkommen waren. So erzählt etwa der Fernsehjournalist Hermann Magerer in seinen „Erzählungen mit Hintergedanken“, dass man ihm nach einem Beitrag über die negativen Folgen der Ski-WM mitten in Garmisch nachgeschrieen habe: „Mid da Goaßl (Peitsche) hau ma di naus, du rouda (roter) Hund, du rouda!“

Früher war eben jeder, der in Bayern dagegen war, automatisch ein Roter. Heute wüsste man nicht, welcher Farbe man ihn zurechnen sollte. Nicht nur daran merkt man, dass sich auch unter einem weiß-blauen Himmel die Zeiten ändern.


 

Anzeige: 1 - 3 von 3.
 

Dieter Janecek

http://www.dieter-janecek.de

Mittwoch, 11-08-10 09:42

Sehr treffend analysiert. Ich habe mich in meinem Blog auf ähnliche Weise mit dem Thema befasst unter dem Aspekt "Konservativer BürgerInnenprotest?" (Nolympia, Stuttgart 21, etc.) http://blog.dieter-janecek.de/2010/08/08/konservativer-burgerinnenprotest/

 

Tom Dauer

Mittwoch, 11-08-10 10:52

Guten Tag Herr Janecek, vielen Dank für den Hinweis auf Ihren interessanten Beitrag. Ein Bürgerbegehren in Gap wäre halt an der Zeit… Tom Dauer

 

Helmut Mederle

Freitag, 13-08-10 16:31

Danke für diesen klugen und fein geschriebenen Text. Als Ergänzung könnte man hinzufügen, daß Herr Seehofer einmal auf die Frage nach den entscheidenden politischen Veränderungen der vergangenen Jahre sinngemäß sagte: Gerade im Hinblick auf die öffentliche Mitsprache, die die Bevölkerung einfordere, sei im Vergleich zu früheren Zeiten kein Stein mehr auf dem anderen geblieben. Das gilt nicht nur für Garmisch-Partenkirchen, ein anderes Anschauungsbeispiel ist das Bahnhofsprojekt "Stuttgart 21". Was einen nur wundern kann: Früher bestand gerade die Stärke der CSU-Politiker darin, die Dinge frühzeitig in die Nase zu bekommen und sich darauf einzustellen. Heute lässt sich "die Politik" permanent flächendeckend beraten und vertraut offenbar dem eigenen Gespür nicht mehr. Die Grundstimmung "hinter Stuttgart 21" kriegt man doch locker mit, wenn man nur halbwegs regelmäßig Zeitung liest.

 
 

Mit ... teilen: 



Artikel empfehlen
Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


NEU

Streit
12.10.2016

Leidenschaften
11.01.2017
Der Volltreffer von Eppendorf
Liebeserklärung an eine Kneipe
Von Michael Schophaus (Text) und Frank Dietz (Fotos)

Die Reportage
06.08.2014

Die Stadt und ich
01.03.2014

Wiese und Weltall
12.12.2014

Bel Etage
14.04.2015

KrossMedia
12.01.2015