Sorgenstolz

Vatergefühle im Wendland

Von Tom Schimmeck

Foto: TS

Der Castor rollt ein. Und unser sonst so stiller Landstrich dreht voll auf. Überall Menschen, dick eingepackt in Wolle und wetterfeste Schichten, um dem Nachtfrost und der Atompolitik zu trotzen. Überall Traktoren mit gelbem X. Überall Blaulicht, 16500 Polizisten im Einsatz, mindestens. Ihre Vorhut mit den extralangen Knüppeln, ganz in schwarz, gepolstert, armiert und behelmt, wirkt wie einem B-Movie entsprungen.

Was mir neu ist: Dieses aufreibende Vatergefühl. Zwei Töchter irgendwo da draußen, auf der Straße, im Wald, tagelang. Sie wollen dabei sein, demonstrieren, blockieren. Gesicht zeigen. Zeichen setzen. Sie sind aufgewachsen mit dem Atomirrsinn; groß genug für eigene Entscheidungen. Ich verstehe sie. Bin dennoch bange. Ein Zwiespalt. Eine Art Sorgenstolz. Ich verfolge den Castor-Ticker, höre Radio Freies Wandland, glotze auf frische Online-Videos; sehe Schlagstockeinsätze, Platzwunden, Gefangenensammelstellen. Herrje. Lade das Handy ständig nach. Hin und wieder rufe ich diskret an, um Lage und Befinden zu erkunden. Ja sicher: Sie sind warm angezogen. Sie kennen sich aus. Sie sind nicht allein. Sie sind vernünftig. Aber das schützt nicht unbedingt vor Prügeln.

Durchatmen. Im Großen und Ganzen geht es hier sehr friedlich zu. Die Menschen kümmern sich umeinander. Es gibt überall Decken, warme Suppe, Tee, Gelächter, Musik. Viele nette Gesichter. Aber es ist eiskalt da draußen. Es wird so früh finster. Und die Situation kann plötzlich kippen. Eine Tochter ruft spät letzte Nacht an, nach 38 Stunden on tour: "Holst Du mich ab?" Erleichtert kurve ich durch die Dunkelheit, schlängele mich an Treckerblockaden und Polizeikonvois vorbei, um das müde, frierende Wesen in den Arm zu nehmen. Im Auto erzählt sie von Räumungen und Reizgas. "Manchmal habe ich die Nase ins Moos gesteckt, um atmen zu können." Ich nicke nur. Beinahe souverän.

Am Morgen der Blick auf die Zeitungsschlagzeilen. Und ich denke: Sie können dabei sein. Für etwas einstehen. Etwas bewirken. Gibt es eine bessere Erfahrung? Wohl kaum. Doch jetzt wird es wieder dunkel draußen. Beide Töchter hocken am Zwischenlager. Und ich hoffe ganz heimlich, dass es sehr bald vorbei sein möge.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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