„Je länger das Spiel dauert, desto weniger Zeit bleibt“

Marcel ist reif für die Rente

Es ist so fünfzehn Jahre her, als ich ein Faksimile von Marcel Reif bekam. Für die Jüngeren unten Ihnen sei gesagt, erst rattert dieses Ding nichtsnutzig vor sich hin, dann holt es Luft, bevor es dermaßen erbärmlich losdonnert, dass ein Flugzeug beim Start dagegen fast schon eine akustische Wohltat darstellt; na ja, zumindest hatte ich so ein ziemlich chalkolithisches Ungeheuer, es stöhnte gern und kotzte irgendwann erschöpft die Seiten aus. Es kamen genau vier Seiten, und die Geschichte darauf war gar nicht mal schlecht, die Herr Reif mir schrieb, sie war sogar echt gut für einen, der vom Fernsehen kommt.

Er war damals ein sehr bedeutender Sportreporter und hatte mir für unsere bescheidene Gazette eine Geschichte über die alte Feindschaft zwischen Holland und Deutschland im Fußball verfasst. Das geht ja immer. Natürlich wurde Rudi Völler darin von Frank Rijkaard bespuckt, er schrieb auch, wenn ich nicht irre, über Wohnwagen, ein bisschen Zweiter Weltkrieg, schlechte Autofahrer, die heitere Klatsche von 1974, den schnöseligen Johan Cruyff, das volle Programm also unserer deutschniederländischen Feindschaft. Ich glaube, Herr Reif konstatierte auch, dass die Käsköppe immerhin besser Schlittschuh laufen könnten als wir, und dann kam nach der dritten mit der vierten Seite die Rechnung. Sie war sehr hoch. Danach wollte ich auch ein bedeutender Sportreporter werden.

Eigentlich hießen meine Helden ganz anders. Ich wuchs mit Jochen Hageleit, Werner Hansch und Manni Breuckmann auf, sie sorgten für eine glückliche Jugend, als sie mich in der Konferenzschaltung bei jedem Tor durchs Radio anbrüllten und so aufgeregt waren, dass man kardiologisch regelmäßig das Schlimmste befürchten musste. Sie begleiteten mich, immer nah am Gefäßverschluss, durch die Bundesligaspiele, während ich meinem Vater das Auto wusch; es war ja noch die Zeit, als alle Spiele zur selben Zeit am selben Tag anfingen, und nicht wie heute freitags um halb neun, samstags um halb sechs und am Sonntag um, ach, was weiß ich.

Jedenfalls war auf die Jungs stets Verlass, und wenn Kurt Brumme im Studio die Punkte zusammenbrummte, war das Auto sauber und ich machte erst mal eine heimliche Spritzfahrt. Es war herrlich, wie man damals auf den Fußball noch zählen konnte. Marcel Reif war sehr weit weg.

Aber später war er eben immer da, bedauerlicherweise mittendrin statt nur daneben. Das von dem Faksimile ist natürlich längst gedruckt und verstaubt irgendwo bei mir im Schrank, und überhaupt hat sich seitdem viel getan. Ich bin zwar kein bedeutender Sportreporter geworden, obwohl ich schon über das Tauziehen in Goldscheuer berichten durfte, mit Wladimir Klitschko Armdrücken in Kiew machte oder mit Sebastian Vettel ein paar Runden durch Monaco drehte, doch meist kriegt es leider kaum einer mit. Weil ich nicht beim Fernsehen bin.

Da gibt es gefühlt nur noch den Reif, im Fußball sowieso. Ständig knarrt dir seine Stimme entgegen, spöttisch, schlaubergerisch und so endgültig. Er stiefelte schon früh durch das seichte Gewässer des Privatfernsehens, er, der er doch aus dem Tiefgang der Politik kommt, und viele sagen: Wäre er nur dort geblieben. Denn seitdem hat er sich viele nasse Füße geholt, mehr noch, uns das Wasser in die Augen getrieben. Nun, da der Herr des gebrochenen Wortes bei Sky den Himmel auf Erden gefunden hat, hört er gar nicht mehr auf zu schwadronieren. In-acht-Minunten-drei-Tore-was-können-wir-als-Kassenpatienten-mehr-verlangen. Ja, solche Sätze gehen ihm über die Tonsillen, und ich frage mich oft, ob er sich dabei nicht selbst über sich erschreckt. Ich finde, Marcel ist reif für die Rente, und zwar ohne Ehrensold.

Was auch für seinen verdienten Ruhestand spricht: Er mag vielleicht keine Holländer, doch dafür umso mehr die Bayern. Vor allem jetzt in der Krise wird von ihm jedes hässliche Foul der Münchner Freiheit schön geredet, jede Parade von Manuel Neuer als motorisches Mirakel gepriesen, jeder Sturmlauf zur taktischen Offenbarung erklärt. Keiner ruft so extraordinär nach Riiiiiibery, wenn dieser frankophile Frankenstein über die Flanke sprengt, keiner giert so gönnerhaft nach Laaaaahm, auch wenn der seinem Namen gerade alle Ehre macht.

München ist München ist München, da zieht sich der Herr Reporter scheinbar so deppert die Lederhose aus, dass ihm auf Augenhöhe der Hosenstall klemmt; er sieht nur rot, erst neulich beim Spiel gegen Schalke, als er bei einigen strittigen Schiedsrichterentscheidungen durchaus mal hätte blau sehen können. Und was macht er? Redet einfach weiter! „Die Wiese ist noch nicht gemäht!“, rief er völlig sinnentleert, die nähere Bedeutung dieser botanischen Behauptung weiß wohl nur der Reif.

Selbst Stupidedia, diese völlig nutzfreie Enzyklopädie, hat erkannt, dass der fast krankhaft mitteilungsbedürftige Reif am liebsten seine eigene Geburt kommentiert hätte. Immerhin hat er mal mit Günter Jauch einen Grimme-Preis erhalten, weil die beiden unentwegt quatschen mussten, bis ein umgefallenes Tor wieder aufgestellt wurde, da sprach Marcel nämlich: „Meine Damen und Herren, ein Tor würde dem Spiel jetzt gut tun“. Übrigens munkelt Stupidedia auch, Reif wäre bei RTL nur rausgeschmissen wurde, weil er nach dem Aussprechen des russischen Spielernamens Imre Krzypalowaczelycypovsky eine zehn Sekunden lange Verschnaufpause brauchte.

Oh, rauer Reif, wenn das nur alles wäre. Denn mittlerweile hat er sich mit folgenden und sehr bemerkenswerten Zitaten in den Annalen der deutschen Sportfernsehgeschichte verewigt:

„Sollten Sie dieses Spiel bislang atemberaubend finden, dann haben Sie es an den Bronchien.“

„Die Spieler von Ghana erkennen Sie an den gelben Stutzen.“

„Das Schweigen von Ottmar Hitzfeld wird lauter.“

„Je länger das Spiel dauert, desto weniger Zeit bleibt.“

Was? Sie finden das heiter? Manni Breuckmann, bitte melden!


 


Mit ... teilen: 



Artikel empfehlen
Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


NEU

Streit
12.10.2016

Leidenschaften
11.01.2017
Der Volltreffer von Eppendorf
Liebeserklärung an eine Kneipe
Von Michael Schophaus (Text) und Frank Dietz (Fotos)

Die Reportage
06.08.2014

Die Stadt und ich
01.03.2014

Wiese und Weltall
12.12.2014

Bel Etage
14.04.2015

KrossMedia
12.01.2015