PRZCYKZYCL? Kenn ich!

Die EM wird laufen wie geschmiert

Vor ein paar Tagen träumte ich von Philipp Lahm. Ja, ich weiß es noch genau, wie er sich in so eine alte, bruchbudige Baracke schlich und die aufmüpfige Tymoschenko (Sie wissen schon, ihr Haardutt sieht aus wie ein Wurstkringel) mit einem goldenen Löffel fütterte. Sie sollte gefälligst ihren Hungerstreik beenden, jetzt sofort, damit diese politischen Heuchler aus Berlin oder Paris nicht doch noch die Luft aus dem Ball lassen konnten. Ich fand das von Philipp völlig in Ordnung, dass er als einer der bestbezahlten deutschen Angestellten die Europameisterschaft retten wollte. Er kann für sein Geld auch mal was tun.

Leider wurde er dabei erwischt. Zwei ukrainische Halunken, sie stanken vor Dreck und Schmiergeld, stürmten so laut in den Strafraum, dass ich fast aus dem Bett fiel, dann legten sie ihn in eine Viererkette, die aus Wiktor Janukowytsch, Stefan Niggemeier, Berti Vogts und, ich sah es sehr deutlich, Angela Merkel bestand. „Ich wasche mein Geld in Unschuld!“, rief Wiktor, der Präsident, trotzdem weigerte Philipp sich, wie er neulich verwegen im Spiegel angekündigt hatte, ihm auch nur irgendeine Hand zu schütteln. Angela sah traurig aus, ein wenig uckermärkisch mürrisch, steckte ihrem Kollegen aus Kiew ein dickes Bündel Eurobonds zu und brabbelte was von Erhatdasallesnichtsogemeint. Oder so ähnlich.

Ich atmete schwer, als sich Berti zu Wort meldete und schleppend aus dem Aserbaidschan berichtete, wo er seit vielen Jahren Trainer ist. Ich traf ihn vor einigen Monaten in Baku, jetzt aber wirklich, und er schwärmte mir damals vor, wie nachhaltig doch dieses Land auf dem Weg zur Demokratie sei, wie gut die hiesige Küche schmecke und wie gern er sich unters gemeine Volk begeben würde. Später zeigte er mir den besten Italiener der Stadt und zählte mir die vielen Vorzüge auf, wenn man im Hotel direkt am Flughafen wohnt.

Philipp war das in jener Nacht ziemlich egal, er wollte raus, nur noch weg, und den stinkenden Knast gegen die fünf Sterne im Danziger „Dwor Oliwski“ eintauschen, wo Lukas Podolski bestimmt schon mit der Playstation im Hotelzimmer auf ihn wartete. Ich schrak hoch, denn noch war ja Stefan Niggemeier da, und möge jetzt bitte keiner sagen, dass er die größte Blutgrätsche unter den Medienkritikern nicht kennt. Gerade eben war er aus Baku zurückgekehrt, der Auftrag war wichtig, so tragend wie seine oft schwerfällig formulierten Weisheiten: Er hieß „Eurovision Song Contest“, er nahm das selbstredend ernst; keine Anhung, ob er dort auch Berti gesehen hat. Jedenfalls hat mir der Niggemeier im Spiegel und in seinem Blog geduldig erklärt, wie sehr die Menschenrechte im Aserbaidschan verletzt und die Klimaanlangen in den Hotels stören würden. Seine Sprache ist dabei manchmal so aufregend wie ein Sommerfest im Kleingartenverein.

Jetzt aber hielt er den Kapitän unserer Nationalmannschaft an der Armbinde mit den drei schwarzen Punkten fest und zwang ihn, die saublödesten Polenwitze zu erzählen. Sonst würde er den Siegertitel aus Schweden singen oder, schlimmer noch, die letzten zehn Kolumnen der letzten zwei Stunden zum Vortrag bringen. Philipp entschied sich für die Polenwitze, und ich spürte, wie mein Traum bald zu Ende ging. Also, sprach Lahm, kennen Sie den schon? Warum haben die Polen soviel Kreisverkehr? Weil die Lenkradschlösser noch eingerastet sind. Ha, zuckte Niggemeier, ha. Oder den? Ist ein Pole beim Augenarzt. Halten Sie bitte das linke Auge zu, sagt der Doktor, und betrachten Sie diese Buchstaben auf der Tafel: PRZCYKZYCL. Können Sie das lesen? Was heißt lesen? fragt der Patient. Ich kenne den Kerl!

Da ließ Niggemeier Philipp Lahm beinahe angewidert los. Der kleine Mann verschwand so schnell in der Tiefe des Traums, dass es selbst dem Morgen graute. 

Ich wachte auf. Glücklich, müde und erleichtert. Julija lebte noch, Niggermeier schrieb noch, und Berti Vogts war doch nicht der neue Trainer von Klecesk Kleck in Weißrussland geworden. Ich schlug die Bild auf und dachte, reichlich mitgenommen: Jetzt kann die EM endlich losgehen, dort standen schließlich die wesentlichen Dinge: Tim Wiese geht einmal in der Woche ins Solarium. Manuel Neuer hat sich eine Vespa gekauft. Ilkay Gündogan lässt sich von seiner Mutter die Wäsche machen. Per Mertesacker hat Angst vor Bienen. Mario Götze isst am liebsten die Apfelspätzle von Oma. Marco Reus zieht immer erst den rechten Socken an. Ikea verkauft schwarzrotgoldene Teppiche und endlich können die vaterländischen Spießgesellen wieder ihr staatsstolzes Fähnlein in den Wind halten. Man traut sich ja sonst nicht.

Wie gut, dass alles nur ein Traum war! Sommermärchen ist Sommermärchen ist Sommermärchen. Es gibt keine Hooligans in Polen, keine Korruption in der Ukraine, keine jungen Dirnen, die sich an bierbäuchige Fußballfans verkaufen müssen. Wir werden das alles verdrängen, weggrölen, wegsaufen, der Ball soll rollen und nichts sonst; und dass dort auch mal deutsche Panzer rollten, als dieser grässliche Kauz mit dem Oberlippenbärtchen die ganze Welt belog, weil er ab fünf Uhr fünfundvierzig angeblich nur zurückschießen wollte, nein, neues Thema. Was geht das den Fußball an? Oder doch? Philipp Lahm hat in der letzten Woche zusammen mit Lukas Podolski und Miroslav Klose das Konzentrationslager in Auschwitz-Birkenau besucht. Ein Deutscher und zwei gebürtige Polen haben sich ergriffen vor über eine Million Toten verbeugt, in die hässlichste Fratze von Geschichte geblickt, während man sich fragte, wo denn die anderen Spieler steckten. Playstation? Ach was, man will es gar nicht wissen, was bleibt, ist: Drei waren dort, nicht nur im Traum.














































 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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