Insel der Menschlichkeit

Warum Lampedusa den Friedensnobelpreis bekommen sollte

Von Fabrizio Gatti

Copyright: privat

Fabrizio Gatti (Foto: privat)


Frieden ist keine abstrakte Angelegenheit. Frieden ist ein aktiver Prozess zugunsten von Männern, Frauen und Kindern. Es gibt kein anderes Land auf der Welt, das sich dieser Aufgabe so kompromisslos und kontinuierlich widmet. Dieses kleine Land draußen im Meer, mit seinen Rettungskräften, Ärzten und Freiwilligen, heißt Lampedusa. In diesen Tagen haben die Bewohner von Lampedusa wieder einmal die Lebenden an Land gebracht und die Toten geborgen.

In der Nacht vom 23. auf den 24. September 2005 habe ich das buchstäblich am eigenen Leib erfahren. Ein Mann, den ich nicht kannte und der mich nicht kannte, hat mich im Meer treibend entdeckt. Er hat mir geholfen, auf die Felsen zu klettern und mich auf einen Stein zu legen. Ich zitterte vor Kälte. Er zog sich sein Hemd aus und deckte mich damit notdürftig zu. Als das nichts half, legte er sich mit seinem ganzen Körper auf mich und wärmte mich. Ich war schmutzig, hatte mich seit Monaten nicht rasiert und hätte eine ansteckende Krankheit haben können. Seine Stimme und seine Worte blieben mir im Gedächtnis: „Dieser arme Kerl hat fast fünf Stunden um Hilfe gerufen“, sagte er zu den anderen Helfern, die inzwischen eingetroffen waren. „Um zehn habe ich ihn zum ersten Mal gehört. Ich dachte, es sei einer von den betrunkenen Touristen, die am Strand schlafen und habe ihm sogar etwas Blödes zugerufen. Mutter Gottes, verzeih mir. Der ist eiskalt. Er zittert. Jemand muss eine Decke holen, sonst erfriert er uns. Halt aus, Junge, gleich bringen sie dir eine Decke, dann wird dir warm werden.“ Dann kniete er sich hin und massierte meine Füße.

Nachdem meine Reportage über das Flüchtlingsdrama im Nachrichtenmagazin "L’Espresso" erschienen war, haben wir uns das erste Mal wieder gesehen. Massimo Costanza ist kein professioneller Rettungssanitäter. Er arbeitet als Elektriker in einem Hotel, hat Frau und Kinder. Ein ganz normaler Mensch. So sind die Leute von Lampedusa, jedenfalls außerhalb der Auffanglager, in denen die Überlebenden aufgrund einer unfähigen Politik hinter Stacheldraht eingesperrt und bis zu 18 Monate festgehalten werden. Es sind Menschen, die nicht unterscheiden zwischen Freund und Feind. Landsleuten und Ausländern. Bürgern und Flüchtlingen. Bald werden die Toten beerdigt und aus den Schlagzeilen verschwunden sein. Im Jahr 2012 ist die Europäische Union mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Durch ihre Abwesenheit bei der Tragödie im Mittelmeer hat sie sich schuldig gemacht. Daher sollte der Friedensnobelpreis 2014 an die Bewohner dieser Insel gehen, an die Insel der Menschlichkeit.

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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