Was die Linse dem Iphone voraus hat

Rezepte aus der Bibel

Als Kochbuch taugt die Bibel nur bedingt. Zwar wird auf tausend Seiten ständig vom Essen und Trinken geredet, brauchbare Rezepte aber sucht man vergeblich. Wäre beispielsweise die Anleitung, wie man aus Wasser Wein macht (Johannes, Kapitel 2) etwas genauer ausgefallen, das Christentum hätte als Weltreligion keine Konkurrenz zu fürchten. An anderer Stelle beschreibt uns der Autor wie man massenhaft Fische fängt (das Wunder vom See Genezareth). Über die anschließende Zubereitung, ob an der Haut gebraten oder besser gedämpft, schweigt sich der Evangelist aber leider aus. Permanent wird gegessen (Äpfel), Brot herum gereicht („nahm’s, brach’s und sprach . . .“), aber nicht einmal beim sprichwörtlich gewordenen „Linsengericht“ erfährt der fromme Leser, wie er es denn nun kochen soll. Dabei muss das Gericht dermaßen gut gerochen haben, dass der von der Jagd heimkehrende Esau bereit war, für einen Teller sein Recht als Erstgeborener abzutreten.

Das Himmelreich, behauptet einer der Kochbuchautoren (Markus, Kapitel 4) sei wie ein einziges Senfkorn: einmal ausgesät, wachse es und vermehre es sich wie Unkraut. Auch hier vermissen wir allerdings schmerzlich die Rezeptur der Senfsauce.

Zurück zu den Linsen. Vor 2000 Jahren verarbeitete man im Nahen Osten (wie auch heute noch) vorwiegend rote oder gelbe Linsen. Diese Variante der Hülsenfrucht wird schneller in kochendem Wasser weich als ihre braune Verwandte, die in Europa oder in Kanada überwiegt. Dass die Menschheit sesshaft wurde und nicht mehr als Jäger und Sammler durch die Welt streifte, verdanken wir nicht zuletzt der Linse, die gut haltbar und vor Mäusen relativ sicher den Winter überstand. Sie gilt (zusammen mit dem ölhlaltigen Lein, der Getreidesorte Emer und wilden Karotten) zu den ältesten kultivierten Lebensmitteln. Die Linse hat also die Menschheit viel stärker in ihrer Entwicklung beeinflusst als sagen wir das iPhone. Dafür steht sie verdammt weit unten im Lebensmittelregal. In manchen Supermärkten muss man die Linsen regelrecht suchen.

Als „Linsen mit Spätzle und Saitenwürstle“ hat sich das Unkraut im Schwabenland immerhin zu einem Nationalgericht gemausert, „koscht net viel“ und macht gut satt. Vor allem auf der Schwäbischen Alb bauten die armen Bäuerlein ihre Linsen an, es wuchs ja sonst nicht viel auf dem kargen Kalkboden. Die Alblinse war eine eigene Sorte, ähnlich klein wie die Le-Puy-Linse aus Frankreich, nur im Geschmack etwas intensiver. Doch irgendwann war sie verschwunden, der Anbau zu mühselig, es gab billige Linsen aus Kanada oder der Türkei, und die Konservenindustrie hatte die Vorratshaltung für den Winter sowieso überflüssig gemacht. Man hatte die Alblinse deshalb einfach vergessen und schon auf die Liste der ausgestorbenen Arten gesetzt.

Bis vor wenigen Jahren. Im Sommer 2005 erhielt der Bio-Bauer Woldemar Mammel aus Lauterach ein Päckchen aus Sankt Petersburg. Es enthielt zwei Tüten mit Samen, die im Wawilow-Institut in einer Gendatenbank für exotische Nutzpflanzen lagerten. Irgendjemand hatte im fernen Russland mitbekommen, dass die Schwaben ihre vergessenen Linsen suchten und hatte Erbarmen. Mammel züchtete aus den beiden Päckchen wieder Saatgut und heute ist die Schwäbische Alb das größte Linsen-Anbaugebiet im deutschsprachigen Raum. „Alb-Leisa“ findet man heute wieder in Bio-Läden oder Feinkostgeschäften.

 

Hirschrücken auf Linsengemüse

(4 Personen)


Zutaten:

Ausgelöster Hirschrücken (ca. 600 Gr.)

250 Gr. Albleisa (ersatzweise Le-Puy-Linsen)

Bratenfond (möglichst selbst gemacht)

1 Zwiebel

1 Möhre

1 Fleischtomate (gehäutet und entkernt)

1 El Balsamico-Essig

2 El Crème fraîche

Salz, Pfeffer


Zubereitung:

Linsen über Nacht in Wasser einweichen (geht auch ohne, erhöht aber die Kochzeit)

In reichlich Wasser (ohne Salz!) die Linsen ca. 35 Minuten kochen, bis sie bissfest sind.

Zwiebel und Möhre sehr fein schneiden und in Butter anbraten. Vom Feuer nehmen und die sehr klein gewürfelte Tomate unterheben. Mit den Linsen mischen, Crème fraîche und Balsamico zugeben, salzen pfeffern und kurz vor dem Servieren nochmals kurz erhitzen.

Hirschrücken am Stück in der Pfanne rundherum anbraten. Salzen und Pfeffern und im Backofen bei 150 Grad 15 bis 20 Mintunten garen.

Rücken aufschneiden und mit dem Bratenfond servieren.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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